Erinnerungen

Burscheider erinnern sich an die einstige Mitte

Burscheids einstige Mitte: Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1951 – und löste viele Erinnerungen aus. Foto: Sammlung Barbara Sarx-Jautelat
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Burscheids einstige Mitte: Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1951 – und löste viele Erinnerungen aus.
  • VonNadja Lehmann
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Historisches Foto: Die Alteingesessenen blicken liebevoll und wehmütig zurück

Burscheid. Sie sind – ohne jemandem zu nahe treten zu wollen – nicht mehr die Jüngsten. Aber ihre Erinnerungen sind glasklar. Es waren vor allem die älteren, alteingesessenen Burscheider, die sich zu unserem Historischen Foto meldeten. Sie wollten erzählen, ihre Erinnerung teilen. Ihre Erinnerung an „de Brüningsecke“, die das Foto zeigt, das uns Barbara Sarx-Jautelat, die frühere Fotografin des Bergischen Volksboten, aus ihrer Sammlung zur Verfügung gestellt hat.

Manfred Pfeiffer: Er geht systematisch vor. „Links unten steht die Pastorslinde“, beginnt er seinen Rundgang auf dem Foto. Dramatische Erinnerungen hat der 92-Jährige an sie. Denn im März 1945 wurde die mächtige Linde unter Beschuss genommen. Und getroffen. „Der größte Ast brach damals ab“, erzählt er. Sein Vater sei damals auf der Straße gewesen, auf dem Heimweg von seiner Arbeitsstelle an der Friedrich-Goetze-Straße.

Unter Beschuss sei auch der Gaskessel der Gasanstalt geraten, die sich ebenfalls dort befunden hätte. „Er ist Gott sei dank nicht explodiert“, sagt Pfeiffer. Zu den zwei großen Gaskesseln hat er eine besondere Beziehung: Aus seinem Zimmer heraus blickte er direkt auf sie. Er wandert weiter durchs Bild. Stoppt beim Deutschen Haus. „Eine schöne, gute Gaststätte“, lobt Pfeiffer. 1948 gründete der gebürtige Burscheider dort den Tischtennisclub und blieb 45 Jahre dessen Vorsitzender: „Ehrenvorsitzender bin ich heute noch.“

Im Goetzewerk saß der Pförtner in seinem Glashaus

Manfred Pfeiffer erinnert sich an Zigarren-Zigaretten Küpper. Über die Friedrich-Goetze-Straße ging es zum Goetzewerk. „Da saß der Pförtner in seinem Glashaus.“ Mit diesem habe er sich als Drei- oder Vierjähriger auf Platt ein Wortspiel über Spatzen geliefert: Pfeiffer macht´s vor und die Schreiberin dieser Zeilen, gebürtige Hamburgerin, versteht kaum noch ein Wort. Pfeiffer lacht. „Ich spreche noch sehr gut Platt“, sagt er. Gelernt und verfeinert habe er es insbesondere durch seine Schwiegermutter.

Und weiter durch „de Brüningsecke“. Zu Brüning selbst, wo es Kurzwaren gab. Noch vor dem Krieg brach dort ein verheerender Brand aus. Pfeiffer erinnert sich genau an den Besitzer: „Mein Haus brennt, meine schöne Heimat brennt“, habe er verzweifelt gerufen.

Natürlich weiß Pfeiffer auch von Schlossermeister Richard Barns, dessen Schwiegersohn Jakob das Geschäft weiterführte – in einer Mischung aus Spielwaren und Waffen. „Der Schützenverein hat da immer eingekauft.“ Und seine Mutter immer in der Metzgerei Zerwes. Durch die Friedrich-Goetze-Straße ging Pfeiffer dann selbst viele Jahre lang jeden Morgen zu Fuß. Denn 1944 fing er als Lehrling bei Goetze an. „Das frühe Aufstehen fiel mir schwer. Ich kam öfters zu spät“, erzählt er. Anpfiff des Pförtners, der sich mit dem kleinen Manfred über Vögel unterhalten hatte, inklusive.

Dann fällt ihm noch der „akademische Schuster“ von der Brüningsecke ein. So genannt, weil er so ein vornehmer Mann gewesen sei, sagt Pfeiffer. Er macht das ganz spezielle Geräusch nach, wenn die Holznägel in den Schuh getrieben wurden: Plotsch! Die Jungs von damals hätten sich Hufeisen auf die Absätze nageln lassen und seien lärmend über die Straßen gezogen: „Das hatten uns die Eltern natürlich verboten.“ Noch aus anderem Grund hat er den akademischen Schuster nicht vergessen: „Er hatte eine Tochter. Das war die schönste Frau von Burscheid.“

„Die Tochter des akademischen Schusters war die schönste Frau von Burscheid.“

Manfred Pfeiffer

Werner Dabringhaus: „Das große Fachwerkhaus war das interessanteste. Deshalb habe ich es gemalt“, sagt er. Und es blieb bei weitem nicht das einzige Bild. „So 50 bis 60 habe ich gewiss zu Haus“, berichtet der frühere Bauamtsleiter, der 1970 aus Wuppertal nach Burscheid kam. „Ich bin kein moderner Maler“, verrät er. „Man kann alles erkennen.“ Für einen Architekten gehöre das Malen und Zeichnen zum Handwerk, für ihn sei es auch Entspannung gewesen.

Hannelore Mücher: Sie habe ganz in der Nähe gewohnt, im Geburtshaus des Burscheider Komponisten Ewald Strässer, erzählt sie. „Am Haus war eine Plakette angebracht.“ Es sind Erinnerungen, die die 93-Jährige glücklich stimmen und ihre Stimme jung klingen lassen: „Es waren meine ersten vier Ehejahre. Eine wunderschöne Zeit.“ Ein „echtes Burscheider Kind“ sei sie, ihr Vater sei Postbeamter gewesen: „Dann wurde er zum Inspektor befördert, und wir zogen nach Düsseldorf um.“ Dann wurde die Familie ausgebombt und kehrte nach Burscheid zurück. Als sie 1954 heiratete, fanden ihr Mann und sie dank Vermieterin Liesendahl eine Wohnung: erste Etage, die Toilette im Keller. „So war das damals. Die Wohnungsnot war groß.“ Und das junge Ehepaar glücklich. Gebadet wurde immer samstags, das ganze Haus ging nacheinander in den Waschzuber: „Lore, Egon, jetzt könnt ihr!“, lautete die Aufforderung.

„Eines Tages hatte ich furchtbar Hunger auf Sauerkraut. Ich bin zum Gemüsehandel Mebus gegangen und habe mir ein Pfund geholt“, erzählt Mücher. Doch der Heißhunger ließ nicht nach: „Es war mir peinlich, noch mal dorthin zu gehen. Deshalb bin ich zur Metzgerei Zerwes hinüber.“ Mücher lächelt. „Ich war schwanger und wusste es noch nicht.“ Als die kleine Petra auf die Welt kam, schlief sie im Körbchen. „Es gab keinen Platz für ein Kinderbett.“

Viele Erinnerungen kommen hoch. Auch die schweren. Wie an die Schwiegermutter, die das Lebensmittelgeschäft nach dem frühen Tod ihres Mannes allein weiterführte. Wie an den Luftangriff auf Kämersheide. „Krieg ist immer schrecklich“, sagt sie schlicht.

Stefan Scholten: „Burscheid: Es war einmal und kommt nie wieder“. So betitelt Scholten seine E-Mail, mit der er auf das historische Foto reagiert. Und er schreibt: „Das Foto aus der Vogelperspektive zeigt den Bereich des heutigen weitgehend baulich entleerten unteren Innenstadtbereiches der Stadt Burscheid. Die damals in den Stadtkern führende Einbahnstraße zeigt in Richtung Marktplatz (Flachdach) das Fabrikgebäude einer Textilfärberei. Im weiteren Verlauf ist ein Schaufenster erkennbar. Hier befand sich ein Spielzeuggeschäft. Im Eckhaus an der Hauptstraße gegenüber des damaligen Malergeschäfts war eine Metzgerei neben zwei weiteren an der Hauptstraße gelegenen. Burscheid hatte sogar ein eigenes Schlachthaus. Kurz gefasst: Es gibt keinen Wiedererkennungswert mit der sogenannten guten alten Zeit.“

An ein Erlebnis erinnert sich Scholten gut: „Ein mir als Kind gut bekannter Mann hatte mit seiner Borgwart Isabella das Eckschaufenster der besagten Metzgerei stark beschädigt. Sowas nennt man dann: Er hat die Kurve nicht gekriegt.“

„Im Blumenladen waren langstielige Nelken aus Italien der Hit.“

Sigrid Linden

Sigrid Linden: Auch Linden steht alles lebhaft vor Augen. Sie schreibt: „1958 war das der Weg über die Hauptstraße zu meiner Lehrstelle mit der vorher abzuholenden Post für die Firma. Die Straße war früher sehr belebt. Das Bild sieht aus wie ein verschlafener Ortskern, nur ein einsamer Radfahrer. Ich habe es als sehr pulsierend in Erinnerung. Die Auslagen in den Geschäften waren durchaus sehenswert. Die Hauptstraße wurde beidseitig befahren, war also keine Einbahnstraße. Auffällig war der kleine hübsche Blumengarten neben dem etwas schiefstehenden Fachwerkhaus. Dort gab es keinen Bürgersteig. Auch Apfelsaft wurde in der Seitenstraße hergestellt.“

Ihr Mann habe von den Gässchen geschwärmt und vom Ufer als Paradies für Räuber und Gendarm. „Wenn ich abends die Briefe und Päckchen zur Post brachte, kam ich an einem Blumenstand neben der Metzgerei Zerwes vorbei. Der Hit waren langstielige Nelken aus Italien.“

Franz-Josef Schmitz: Im Grunde seien beim Anblick des Fotos jede Menge Erinnerungen wachgeworden, schreibt Schmitz. „Auf der linken Seite des Fotos ist die Gaststätte Lungstrass zu sehen. Bei Wind und Wetter ging mein Vater Josef Schmitz mit mir in den katholischen Gottesdienst. Anschließend gingen wir durch die Stadt, wo auch hin und wieder bei Lungstrass eingekehrt wurde. Mein Vater schätzte dort das Kulmbacher Bier, für mich gab ein Stößchen Malzbier.“ Auf dem Heimweg ging es zwischen Metzgerei Zerwes und Tapeten Matzik, der heutigen Stadtbücherei, nach links zu Spielwaren Jakobs. „Da hatte ich die ganze Zeit drauf gewartet.“ Der Giebel am oberen rechten Bildrand dürfte das Haus von Dr. Halstrick sein: „Unser Hausarzt. Der Besuch einer Sprechstunde war immer sehr langwierig. Telefonisch vereinbarte Termine gab es so gut wie überhaupt nicht. Wenn einem was fehlte, ging man morgens in die Sprechstunde und wartete oft stundenlang.“

Ort der Begegnung

Petra Hoffmann: Die Brüningsecke sei ein guter Platz für ein „Stöttchen“ gewesen, schreibt Sabine Wurmbach vom Bergischen Geschichtsverein in der jüngsten Publikation des Vereins über die „Verschwundenen Häuser“. Und genau das, ein Stöttchen“, vermisst Petra Hoffmann. „Ich bin hier geboren“, sagt die 62-Jährige. „Ich mag Burscheid.“ Aber ihr fehlt die Geselligkeit, die unmittelbare Begegnung. Die Läden von einst, an denen man sich traf. „Heute guckt jeder nur noch auf seine Apps“, sagt die Oma von Linda und Thilo. Und genau für die, für die Kinder nämlich, hat sie eine Idee: Ob man nicht den Markt wieder zum Ort der Begegnung machen könnte – mit einem Kinderflohmarkt wie einst? „Mit Kaffee und Kuchen und allem, was Kinder brauchen. Kleidung, Puppen, Bücher.“

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