Interview

Bürgermeister Stefan Caplan: „Die Kommunen erfahren mehr Wertschätzung“

Seit 2009 ist Stefan Caplan Bürgermeister von Burscheid. Foto: Nadja Lehmann
+
Seit 2009 ist Stefan Caplan Bürgermeister von Burscheid.
  • VonNadja Lehmann
    schließen

Vom Bundestagswahlkampf bis zum Brunnen in Hilgen: darüber spricht das Stadtoberhaupt im Gespräch mit BV-Redakteurin Nadja Lehmann.

Herr Caplan, wir hatten im Vorfeld ja scherzhaft gesagt, wir machen ein Sommer-Interview wie das Fernsehen mit Kanzlerin Merkel und deshalb lassen Sie uns doch nach Berlin blicken: Wie finden Sie den Bundestagswahlkampf?

Stefan Caplan: Leider unspannend. Obwohl wir den Kanzler oder die Kanzlerin nicht direkt wählen können, wird es doch immer mehr zu einem Personenwahlkampf. Und den Kandidaten sind Fehler unterlaufen, die man nicht unter den Tisch kehren sollte, über die aber doch überzogen berichtet wurde. Dabei gibt es genügend inhaltliche Unterschiede, die man herausstellen müsste. Doch Politiker haben immer größere Scheu, Kante zu zeigen, in der Sorge, dass sie jemanden ausgrenzen. Meine Erfahrung ist aber, dass Menschen interessiert daran sind, reinen Wein eingeschenkt zu bekommen. Sie goutieren es eher, wenn jemand eine Position hat und diese kommuniziert. Spannung kommt jetzt höchstens dadurch auf, dass die Parteien in der Prognose so nahe aneinander herangerückt sind.

Was erwarten Sie als Bürgermeister von einer neuen Bundesregierung – gleich welcher Couleur?

Caplan: Das ist eine interessante Frage, weil der Bund für uns als Kommune oft doch sehr weit weg ist. Die Kommunikation läuft meist hierarchisch über Land und Kreis. Aber in der Krise hat sich doch einiges geändert: Grundsätzlich hat man verstanden, dass die Unterstützung der Kommunen wichtig ist. Bei den vielen maßgeblichen Themen, wie Breitbandausbau, Mobilität oder Bildung, gewährt der Bund ja den Kommunen auch schon finanzielle Unterstützung. Hier gibt es Förderprogramme, die die Kommunen in Anspruch nehmen können. Noch besser wäre es allerdings, wenn die bürokratischen und formalen Voraussetzungen für eine Förderung nicht so hoch angesetzt wären. Die Antragsverfahren sind meistens derart komplex, dass es sehr lange dauert, bis eine Entscheidung über eine finanzielle Beteiligung getroffen ist und die Städte Planungssicherheit haben und loslegen können. Und auch dann gibt es viele Berichtspflichten, das macht die Prozesse zu langsam. Die Umsetzung von sinnvollen und notwendigen Maßnahmen wird auch in einigen Bereichen durch undurchsichtige Zuständigkeiten erschwert. Wo wir uns auf jeden Fall eine Änderung wünschen, ist beim Thema Bildung. Das ist eigentlich Ländersache und in Teilen auch der Kommune, ist aber zunehmend intransparent finanziert.

Die kommunale Ebene ist wichtig. Wir sind ja die Keimzelle des Lebens.

Bürgermeister Stefan Caplan

Die alten Zuständigkeiten waren klar und gliedern sich in innere (Land) und äußere (Kommune) Schulangelegenheiten. Das passt aber nicht mehr zu den heutigen Themen, wenn man beispielsweise an die Digitalisierung denkt. Aber wenn Zuständigkeiten nicht geklärt sind, läuft es langsamer. Um zum Anfang zurückzukommen: Die kommunale Ebene ist wichtig, das hat die Bundesebene verstanden. Wir sind ja die Keimzelle des Lebens. Da gibt es mittlerweile mehr Wertschätzung. Auf Landesebene ist das ganz eindeutig mit einem Namen verbunden: mit Heimatministerin Ina Scharrenbach. Sie spricht regelmäßig mit den Städten, nimmt Themen auf, treibt sie voran und handelt schnell. Sie tut dem Land und den Kommunen gut.

Dann blicken wir jetzt auf Burscheid. Da gibt es zwei künftige Hingucker, die die Stadt prägen werden, nämlich das Bauprojekt an der Montanusstraße und das Lidl-Projekt in Hilgen an der Kreuzung Witzheldener- und Kölner Straße. Wie sieht es denn an der Montanusstraße aus? Dort soll ein Vollsortimenter plus Drogeriemarkt entstehen...

Caplan: Die formalen Voraussetzungen sind geschaffen. Der Bebauungsplan wird vorbereitet. Die vorbereitenden Arbeiten laufen. Was ganz entscheidend war: Das Haus, das noch auf dem zu bebauenden Grundstück steht, und in dem Menschen leben. Für die Mieter mussten Lösungen gefunden werden, und das einvernehmlich. Das war uns wichtig und brauchte Zeit, aber es ist gelungen. Direkt an der Montanusstraße wird jetzt Ersatzwohnraum gebaut, den kann man schon erahnen. Erst wenn dieses Gebäude fertig ist, wenn die Menschen in Ruhe dort eingezogen sind, dann können wir über das Grundstück verfügen.

Man sieht ja auch, dass sich rund um den alten Busbahnhof viel tut.

Caplan: Das hängt ja alles zusammen. Die Kanalsituation dort war ohnehin sanierungsbedürftig. Wir haben nicht – um weiterhin den Verkehr zu ermöglichen – in einem sogenannten offenen Verfahren gebaut, heißt: Es gab nur zwei Löcher und das Ganze passierte im Vortriebsverfahren. Sonst hätten wir die ganze Straße aufreißen müssen. Wir haben auch gleich den Luchtenberg-Richartz-Park in Angriff genommen, dort war die Kanalisation schon immer schlecht. Mittlerweile hatte sich der Zustand aber so zugespitzt, dass Schäden drohten. Entlang der Montanusstraße verläuft außerdem eine große Gas-Transportleitung der Open Grid. Dabei handelt es sich um eine große Überlandleitung, die nicht überbaut werden darf. Nun muss sie so verlegt werden, dass das möglich ist. Auch der Auftrag dazu ist erteilt, und wir sind im Zeitplan.

An der Montanusstraße wird in Richtung Megafon noch ein weiteres Gebäude entstehen, das die Wermelskirchener Bauunternehmung Körschgen baut...

Caplan: Ja, dort wird eine ambulant betreute Wohngruppe einziehen, und es werden zusätzlich Mietwohnungen entstehen. Auch damit reagieren wir auf den Druck am Wohnungsmarkt. Dieser ist zum einen groß, weil die Menschen aus den Großstädten herausdrängen. In die Städte im Südosten und Südwesten Kölns überdeutlich (Bahnanbindung), aber auch nach hier, Burscheid ist begehrt. Zum anderen, weil auch die Burscheider Wohnraumbedarf haben. Die verkehrliche Anbindung ist ordentlich, aber was natürlich fehlt, ist ein Bahnanschluss.

Ein Manko?

Caplan: Grundsätzlich ja. Die Mobilität ist in der Pandemie zwar gesunken, aber sie zieht ja schon wieder an. Es gilt aber, im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten, auch ohne einen Bahnanschluss Lösungen für diese Herausforderung zu finden. Umso wichtiger ist als kurzfristige Lösung der Schnellbus, der vom damaligen Landrat Tebroke für 2018 zugesagt wurde. Passiert ist nicht viel. Wir sind diesbezüglich unzufrieden mit dem Kreis. Ein Schnellbus mit Anbindung an die Metropolen und den RRX, mit Busbeschleunigungsspuren, Ampelschaltung mit Vorrang – das ist extrem wichtig, wenn der ÖPNV eine echte Alternative sein soll.

Die Bauvorhaben in Hilgen und an der Montanusstraße haben unterschiedliche Voraussetzungen...

Caplan: Ja. Das Grundstück an der Montanusstraße ist ein städtisches. Das heißt, wir haben als Stadt europaweit ausgeschrieben (der Investor ist inzwischen ausgewählt) und werden über einen städtebaulichen Vertrag regeln, dass genau der Entwurf gebaut wird, der durch politischen Beschluss im Verfahren siegreich war. Das geht aber eben alles nur, wenn man Eigentümer ist. Über einen Bebauungsplan alleine lässt sich nur einiges regeln – wie zum Beispiel Geschossigkeit –, nicht aber die Wertigkeit einer Fassade oder ob es Photovoltaik gibt. Wir verlegen den Busbahnhof und werden zum Abschluss auch die Montanusstraße qualifizieren. Außerdem gehört zu dem Bauprojekt ein öffentlicher Platz, an dem es Gastronomie geben soll, über 30 Wohnungen und Platz für Dienstleistungen in den Obergeschossen. Die Montanusstraße ist eine städtebaulich wichtige Stelle, an der wir innenstadtnahe Gestaltungsmöglichkeiten haben und den weiteren Einzelhandel in der Stadt stärken können. Das ist uns wichtig. Nur wenn viele Menschen in die Stadt kommen und sich wohlfühlen, erhalten wir eine funktionierende und florierende Innenstadt.

Und in Hilgen, wo Lidl baut?

Caplan: Das ist ein privates Grundstück und damit eine ganz andere Situation. Dort hat sich der Eigentümer einen Investor gesucht und gefunden, der nun mit uns einen Vertrag über den Bebauungsplan macht. Schwierig ist an dieser Stelle die verkehrliche Erschließung. Dort wird ein Kreisverkehr kommen müssen, derzeit arbeitet der Investor daran. Der Kreisverkehr wird deutlich mehr Platz beanspruchen als die jetzige Kreuzung. Auch hier entsteht in den Obergeschossen zentrumsnaher Wohnraum.

Der Brunnen bleibt? Eine große Sorge der Hilgener.

Caplan (lacht): Der Brunnen bleibt natürlich. Denn mit Mitteln aus der Städtebauförderung bauen wir einen Platz, der entsprechend gastronomisch genutzt wird. Nur so kann Leben einziehen. Und dort ist dann auch der richtige Platz für den Brunnen, ganz in der Nähe des heutigen Standortes.

Hintergrund

Seit 2009 ist Stefan Caplan Bürgermeister der Stadt Burscheid. Im vergangenen Jahr wurde er mit 53 Prozent wiedergewählt und trat seine dritte Amtszeit an. Wir sprachen mit ihm über die großen Bauvorhaben in der Stadt, über die Hochwasserschäden oder das 2021 Geleistete. Und weil da viel zusammenkam, gibt es in den nächsten Tagen sogar noch einen zweiten Interview-Teil.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Kosmetikstudio ist für die Kunden da
Kosmetikstudio ist für die Kunden da
Schloss Burg ist nationales Denkmal
Schloss Burg ist nationales Denkmal
Schloss Burg ist nationales Denkmal
Die 70-Stunden-Woche macht ihm nichts aus
Die 70-Stunden-Woche macht ihm nichts aus
Die 70-Stunden-Woche macht ihm nichts aus
Neue Kita soll zum „Dörfchen in Sträßchen“ werden
Neue Kita soll zum „Dörfchen in Sträßchen“ werden
Neue Kita soll zum „Dörfchen in Sträßchen“ werden

Kommentare