Tierisches Erlebnis

Alpaka-Quintett besteht aus echten Persönlichkeiten

Ja, der Futtereimer hat geklappert. Silvia Claßen hat etwas mitgebracht. Rechts steht der schüchterne schwarze Enrico.
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Ja, der Futtereimer hat geklappert. Silvia Claßen hat etwas mitgebracht. Rechts steht der schüchterne schwarze Enrico.
  • VonNadja Lehmann
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Heilpädagogin Silvia Claßen arbeitet mit ihren fünf Alpakas Valentino, Enrico, Ole, Camillo und Dexter.

Burscheid. Valentino lässt sich Zeit. Er bleibt im Hintergrund und blickt auf der leicht abschüssigen Weide gewissenhaft in alle Richtungen. Schließlich ist er der Chef der kleinen, fünfköpfigen Alpakaherde und somit für die Sicherheit verantwortlich. Mit solchen Überlegungen halten sich die anderen nicht lange auf, als Silvia Claßen mit dem gefüllten Futtereimer um die Ecke biegt: der weiße selbstbewusste Dexter, der kleine, erst zehn Monate alte Ole, der hübsche karamellfarbene Camillo. Sie stecken eifrig die Nasen ins Alpaka-Müsli. Nur der große schwarze Enrico stellt sich hinten an.

„Er ist schüchtern und glaubt von sich selbst, so groß wie ein Meerschweinchen zu sein“, verrät Silvia Claßen. Als die anderen mal ihre Nasen wegdrehen, gibt es einen Extra-Nachschlag für Enrico. „Er ist unser Träumer, der manchmal einfach auf der Weide steht und den Flugzeugen hinterher sieht“, erzählt Silvia Claßen. Es sind fünf Tiere, die so verschieden sind wie es auch Menschen sein können. Fünf Persönlichkeiten. Und sie sind der große Schatz, mit dem Silvia Claßen bei der tiergestützten Therapie arbeitet.

Hat der Futtereimer geklappert? Dexter, Ole und Camillo sind neugierig und sehen sich die Sache einmal an. Im Hintergrund grast Chef Valentino.

Die 43-Jährige ist Heilpädagogin und mit Tieren aufgewachsen. „Ich habe etwas gesucht, wo ich die Liebe zu Tieren mit meinem Beruf verbinden kann“, sagt sie. Zuerst seien ihr Esel in den Sinn gekommen, doch bei einem Praktikum stellte sie fest: nicht das richtige. Gemeinsam mit Ehemann Sven fand sie sich dann auf einer Wanderung mit Alpakas wieder. „Nach den ersten Schritten wusste ich: Mit diesen Tieren will ich arbeiten.“ Ihr ruhiges und sanftes Wesen, ihre tolle Ausstrahlung: Silvia Claßen gerät ins Schwärmen, wenn sie über die ursprünglich in den Anden beheimateten Tiere spricht.

Alpakas brauchen Gesellschaft, sie sind Herdentiere

Bis es soweit war, vergingen nochmals vier Jahre, in denen sie plante, sich informierte, alles durchdachte. Im November 2019 war es soweit: Der schon elfjährige Lorenzo (ruhig und gelassen) und der erst zweijährige Camillo (im besten Teenageralter) zogen ein. Wenig später folgten Valentino und Enrico. 2020 kam der weiße Dexter. Ein Suri-Alpaka, dem das weiße Haar tief in die Stirn fällt, und der der Liebling der Kindergartenkinder des Familienzentrums Kleine Strolche ist.

Für ihn haben sie die Patenschaft übernommen. Alle anderen sind Huacaya-Alpakas – wie der kleine Ole, dessen Haarschopf wie eine kuschlige Bürste hochragt und der erst vor drei Wochen auf der Weide einzog. In Kürze gibt es mit Pakolino einen weiteren Neuzugang. Silvia Claßen hat Fotos: „Er sieht aus wie eine kleine Kuh“, findet sie und zeigt auf seinen schwarzen Rücken und den weißen Bauch.

Machen wir eine Wanderung? Dexter und Camillo wären bereit. Alpakas sind übrigens keine Kuscheltiere. Sie legen Wert auf Distanz.

Alpakas brauchen Gesellschaft. Mindestens zwei Tiere sollten es sein, besser sind drei und mehr. Und: Auch wenn die Tiere mit ihren großen Augen zum Kuscheln geradezu einzuladen scheinen, schätzen Alpakas doch eine gesunde Distanz – und das Kuscheln gar nicht übermäßig. „Es sind Fluchttiere“, sagt Silvia Claßen. Ihr ist es wichtig, die Tiere in ihrem Charakter so zu respektieren, wie sie sind. Das vermittelt sie auch ihren Besuchern. Und nimmt auch nicht jeden Auftrag an, wenn es nicht passt. „Dennoch müssen sie sich aufhalftern und sich die Fußnägel schneiden lassen. Und sie müssen für Kinder umgänglich sein.“ Um so wichtiger sei es, den richtigen Züchter zu finden, der seine Tiere entsprechend aufzieht: „Wir haben eine tolle Züchterin gefunden, die sich mit den Tieren beschäftigt und mit ihnen übt.“ Ohne sie im Kern anders zu machen, als sie sind.

Alpakas ziehen nach Gut Landscheid

„Fehlprägungen können ein echtes Problem sein“, sagt Claßen: Dann spucken die Stuten, und die Hengste beziehen den Menschen in seine Rudelkämpfe mit ein. „Es ist kein Spaß, wenn sich 80 Kilo auf einen stürzen.“

Silvia Claßen arbeitet vorwiegend mit Kindern. Und nennt ein Beispiel, wo Alpakas kleine Wunder bewirken können. „Eine Mutter wandte sich an mich: Ihr Kind, hyperaktiv, könne sich nicht an Regeln halten.“ Silvia Claßen nahm das Kind mit auf die Weide, machte deutlich, dass sich die Alpakas zurückziehen, wenn es zu laut, zu ungestüm sei. „Das Verlangen, den Tieren nahe zu sein, war so groß, dass dieses Kind schließlich auf Zehenspitzen über die Weide ging.“

Valentino, Enrico, Ole, Dexter und Camillo werden zu Co-Therapeuten, zu Motivatoren. Auch bei Kindern mit eingeschränkter Motorik. „Es ist etwas ganz anderes, wenn sie einen kleinen Parcours mit einem Alpaka überwinden als allein“, sagt Claßen. Wer man ist, wie man sich benimmt: Das spiegelt ein Alpaka eins zu eins wider. Auch Führungskräften, die selbstsicher nach Valentino greifen. Nach dem Motto: Chef plus Chef. Aber: Valentino geht nicht mit jedem. „Er sucht es sich aus“, sagt Claßen. „Zu große Dominanz mag er nicht.“ Zu große Schüchternheit aber auch nicht. „Das verunsichert ihn“, sagt Claßen. Partnerschaftlichkeit heißt das Geheimnis, der Einsatz klarer Körpersprache.

Ole ist der jüngste Neuzugang: Er ist erst zehn Monate alt und sehr neugierig. Gerne orientiert er sich noch an den „Großen“.

Noch sind die Tiere in Hilgen daheim. Aber nicht mehr lange. Dann nämlich steht der Umzug auf ein größeres, rund ein Hektar großes Gelände in Gut Landscheid an. Dort wird Silvia Claßen ihr Angebot erweitern, auch in Richtung Naturpädagogik: Neben tiergestützter Therapie, Wanderungen und Kindergeburtstagen wird sie auch Picknicks auf der Decke ins Programm nehmen –mit Blick auf die Weide. „Das beruhigt uns seit Urzeiten. Weil wir wissen, dass da, wo Tiere weiden, kein Säbelzahntiger aus dem Gebüsch springt“, sagt sie. Entspannen im Liegestuhl an der Weide – auch das ist denkbar. Verbunden mit dem Umzug ist eine Kooperation mit der Klinik Wersbach: Dann werden die Alpakas auch psychisch kranken Menschen Ruhe und Gelassenheit vermitteln.

Silvia Claßen wird derweil ihre Ausbildung an der Europäischen Akademie für Gesundheitsberufe in Wipperfürth vorantreiben. Modul 1 ist geschafft, zwei folgen noch. „Ich wurde gefragt, ob ich dort als Dozentin für tiergestützte Therapie mit Alpakas arbeiten möchte“, freut sie sich.

Der Futtereimer ist mittlerweile leer. Valentino geht in eine ruhige Ecke, Ole macht ein Geschäftchen. Und Enrico sieht träumend in den Himmel.

Hintergrund

Buch: Silvia Claßen hat für Kinder „Camillo & Co.“ geschrieben – ein liebevoll illustriertes und geschriebenes Buch, das von den Alpakas erzählt. ISBN 978-3-98527-145-0.

Kontakt: Bis Ende September befindet sich das Pako-Alpaka-Naturerlebnis in Hilgen und zieht dann nach Gut Landscheid um. Silvia Claßen ist unter Tel. (01 70) 4 13 76 51 erreichbar.

www.alpakaerlebnis.com

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