Burscheid

Bridge Markland holt Nathan in die Gegenwart

Bridge Markland aus Berlin setzt bei ihren Inszenierungen gern Puppen zur Unterstützung ein. Foto: Doro Siewert
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Bridge Markland aus Berlin setzt bei ihren Inszenierungen gern Puppen zur Unterstützung ein.

Anspruchsvolle musikalische und schauspielerische Unterhaltung im Kulturbadehaus

Von Peter Klohs

Burscheid. Freitagabend im Kulturbadehaus. Auf der Bühne steht eine Box, vielleicht eineinhalb mal eineinhalb Meter groß. Die Berliner Künstlerin Bridge Markland ist mit einem ihrer „Classic in the box“-Programme in Burscheid zu Gast.

Aber nicht Faust oder ein zerbrochener Krug wird aufgeführt, sondern ein weit über 200 Jahre altes Stück, das mit seiner immerwährenden Aktualität eine Marke gesetzt hat: „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing, ein hoch moralisches Ideendrama, dass Humanismus und Toleranz in den Mittelpunkt stellt.

Bridge Markland versteht es, aus Lessings Originaltext, verschiedenen Handpuppen und Musikzitaten eine ganz eigene Kunstart zu kreieren: Eine One-woman-Puppen-Verwandlungs-Playback-Show, eine spannende, humorvolle, sensible wie erkenntnissreiche Entdeckung eines klassischen Stoffes.

Mit ihren Puppen wechselt Markland scheinbar ohne Mühe die Personen– und die Geschlechter. Die Musik im 75-minütigen Stück ist vom Rock und Pop der 70er und 80er Jahre geprägt, es erklingen aber auch Zitate aus der Klassik, aus Filmmusik, aus Schlagern; 99 Musikfetzen in ein und einer Viertelstunde.

Zu Beginn fast eine Überflutung der Reize

„Nathan der Weise“ soll also in das Hier und Jetzt transportiert werden. Zu Beginn mag der Zuschauer am Gelingen dieses Anspruches zweifeln, zu schnell prallen Musik und Text auf das möglicherweise überforderte Hirn, „Burning down the house“ (Talking Heads), brachiale Rammstein-Akkorde, Bonny Tyler, die einen Helden braucht und eine Ballade der Scorpions erkennt man in den ersten zwei Minuten – und will fast schon resignieren vor der Überflutung der vielfältigen Reize.

Aber nach und nach stellt sich Gewöhnung ein, die Texte, wie die Musik vorproduziert und unter Zuhilfenahme eines Laptops eingespielt, werden wichtiger als die zusätzlich verabreichte Musik, die Künstlerin agiert schauspielerisch auf einem sehr hohen Niveau. Zwischen den verschiedenen Szenen verwandelt sie sich, dort als Ritter mit einem unsagbar arroganten Gesichtsausdruck und ebensolchen Gebaren, hier wieder als Nathans Schwester mit eindeutig weiblichem Habitus.

Die Ring-Parabel wird im Stück nicht vergessen

Dazu bewegt sie die Puppen, kennt auch deren Text und reagiert auf diesen, manchmal mit einem Staunen in den Augen, dann wieder mit einem Leuchten oder einer Erkenntnis in der Physiognomie. Im Stück selbst geht es zur Hauptsache um zwei global wichtige Angelegenheiten: die Religionen und die Liebe. Erstere wird in Lessings Stück zuweilen auch sarkastisch behandelt: „Ist nicht alles, was man den Kindern tut, Gewalt? Mit Ausnahme dessen, was die Kirche ihnen tut.“

Nathan ist sich indes sicher: „Die Unterschiede an Farbe, Herkunft und Gestalt des Menschen ist nicht wichtig.“ Es geht um das Menschsein, losgelöst von religiösen Ansichten. „Welche Religion ist dir am meisten eingeleuchtet?“ wird der jüdische Nathan vom muslimischen Sultan befragt, und der Weise antwortet: „Natürlich die eigene.“ Die zu Recht berühmt gewordene Ring-Parabel wird in der Markland-Version des Stückes nicht vergessen, angereichert mit Tönen, in denen man John Lennons „Imagine“ leicht und die Filmmusik aus „Der Herr der Ringe“ nur mit Mühe erkennen kann.

Musik ist im Stück so vielfältig wie allgegenwärtig

Apropos die Musik: Sie ist allgegenwärtig. Nur in wenigen Sekunden ist die menschliche Stimme allein zu hören, dann wieder Bryan Ferry, Hansi Hinterseer, Bob Marley, Donna Summer, Phil Collins (einschließlich des berühmten Drumeinsatzes in „In the air tonight“) bis hin zu Filmmusik aus „Yentl“ und „Die drei von der Tankstelle“. Noch während der Performace wird klar, dass Bridge Markland eine Virtuosin ist, die das Rollenspiel liebt.

Aber die Show ist mehr: eine Mixtur aus Tanz, Theater, Cabaret, Drag- und Gender-Performance, Puppentheater.

Die Sprache Gotthold Ephraim Lessings wird moderat in die heutige Zeit transferiert. Und am Ende des Stückes hängen alle neun Puppen von Außen an der Box, alle unterschiedlichen Charaktere friedlich nebeneinander, ein Appell an die friedfertige Koexistenz der Religionen und aller Menschen. Lessings und Marklands Geschichte geht gut aus, ganz im Gegensatz zu den Erfahrungen, die man zur Zeit in der globalen Politik machen muss.

Künstlerin

Bridge Markland wurde 1961 in West-Berlin geboren und ist mit der „Classic-in-the-box“-Serie seit 2005 auf Tour. Zu Beginn stand Goethes Faust, der durch Musik und Puppen auf aktuellen Stand gebracht wurde. Es folgten diverse Projekte innerhalb der Reihe, die, so Markland, nicht fortgesetzt werden soll. Sie müsse auch mal „was völlig Neues machen.“ Aufführungen der Reihe werden aber nach wie vor stattfinden.

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