Bei Regen braucht man draußen den Paraplü

Im Internet gibt es zum Begriff „Fisimatenten“ Treffer – in der alten guten, alten Enzyklopädie nicht. Foto: Gunnar Freudenberg
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Im Internet gibt es zum Begriff „Fisimatenten“ Treffer – in der alten guten, alten Enzyklopädie nicht.

Ob Fisimatenten oder Trottoir: Französischer Einfluss hat bergisches Idiom geprägt

Von Ursula Hellmann

Mach mir keine Fisimatenten! Wer warnte wem vor was mit diesem kryptischen Spruch? Die Erklärung im superschlauen Netz fällt etwas anders aus als das, was er auf bergische Art bei den betroffenen Personen bewirkten sollte.

Ursprünglich stammt das Wort wohl aus dem Bereich der Heraldik, also der Kunde über Wappenschilder. Aber bereits im 16. Jahrhundert gab es die visae patentes – die Offizierspatente. Diese Schriftstücke und Auszeichnungen anzufertigen, war kompliziert und dauerte lange. Ins Alltagsdeutsch übersetzt, ist es die Gesamtbezeichnung für Zierrat, Dekor, unnötige Überfrachtung. Im späten Mittelalter brachten die gebildeten Bürger es sofort mit der Gestaltung von Wappenschildern in Verbindung. Die arbeitsintensive Herstellung in mehreren Arbeitsgängen wurde mit der neuen Wortform Fisimatenten belegt.

Französische Soldaten besetzten Rheinland und das Bergische

Trotzdem verwandelte sich die französisch klingende Buchstaben-Kombination hundert Jahre später in das Hauptwort Visamente. Denn ganz im Sinn der mit Kitsch überladenen Schilde wurde es auch auf alle Arten von närrischen Launen und verrückten Ticks übertragen.

Im 19. Jahrhundert, als französische Soldaten auch das Rheinland plus dem Bergischem Land besetzten, gehörten auch hier zwei sehr unterschiedliche Wort-Varianten aus dem Feindesland bald zum allgemeinen Sprachschatz. Einerseits als ein von französischen Soldaten gefürchteter Befehl, andererseits als eine pikante Variante des „Visitez ma tente!“ Hatte sich ein französischer Soldat in den Augen seines Vorgesetzten schuldig gemacht, bekam er die strenge Aufforderung: „Visitez ma tente!“ (Erscheinen Sie unverzüglich in meinem Offizierszelt!) Dort erwartete den Delinquenten nichts Gutes. Die angenehme Variante dieser Einladung bekamen eher junge deutsche Mädchen ins Ohr geflüstert, mit der Hoffnung, die Schönen verstünden auch ohne große Sprachkenntnisse, wohin sie der schmucke Franzose einladen wollte.

Ein eher genuscheltes „Visitez ma tent!“ wurde dann bald zu einem rheinisch-bergischen Buchstabensalat und setzte sich in der Bevölkerung als „Fisimatenten“ fest.

Am liebsten wurde es von Müttern und Vätern ihren halberwachsenen Töchtern auf den Weg durchs Dorf mitgegeben. Denen klang dann hoffentlich die bedrohliche Warnung: „Mach mir ja keine Fisimatenten!“ so laut in Kopf und Herz, dass die schmeichelnden Worte der strammen Franzosen an ihren abprallten. Außer diesem speziellen sprachlichen Konstrukt blieben noch einige andere Namen für Gegenstände aus den Zeiten mit französischer Präsenz zurück. Noch vor fünfzig Jahren hieß es in vielen Familien: „Nemm den Paraplü mett, et kütt Rähn (Regen)! Und die Leute gingen nicht auf dem Bürgersteig durch die Stadt, sondern blieben hübsch ordentlich auf dem Trottoir. Auf den stabilen Ehebetten aus deutscher Eiche lagen federschwere Plumeaus, die Nachtkleider für Damen heißen noch heute Negligée. Und in den Beitexten von Werbefotos für schickes Outfit stand fraglos die Bezeichnung Mannequin, bis das „Model“ ihr den Rang ablief.

Auf den Preisschildern in den Konditoreien wurden die Namen für „Liebesknochen“ sogar meist orthografisch in korrektem Französisch geschrieben: Baiser-Eclairs. Von einer Einladung zu einem Soireé versprachen sich die Gastgeber einer Abendgesellschaft einen Hauch adliger Qualität.

Deutsche Sprache - schwere Sprache? Warum auch nicht? Die exzellente Mischung in ihrer ganzen Breite von Bildern im Kopf hat inzwischen Elemente aus dem Kommunikations-Reichtum unzähliger Länder und Kulturen.

Sympathien, verquickt mit leichten Schocktherapien verwandeln plumpe Eindeutigkeit in schillernde Fantasieprodukte. Leider hat die globale Verquickung von Sprachmodulen es nicht geschafft, auch die Achtung der Sprechenden voreinander wachsen zu lassen.

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