Neues Buch

Auf Spurensuche: In Blecher gab es nur Hausnummern

Ulrike Raupach ist zum zweiten Mal in die Blecherer Ortsgeschichte eingetaucht und hat darüber geschrieben.
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Ulrike Raupach ist zum zweiten Mal in die Blecherer Ortsgeschichte eingetaucht und hat darüber geschrieben.
  • VonNadja Lehmann
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Ulrike Raupach hat ihr zweites Buch über Blecher geschrieben.

Von Nadja Lehmann

Burscheid. Nichts wie hinaus in die große weite Welt. Das dachte sich einst Ulrike Raupach, als es sie in den Sechzigern mit ihrem Ehemann fort aus dem kleinen Blecher zog. In die USA sollte es gehen. Das aber wurde nichts. „Mein Mann hatte keinen Wehrdienst geleistet, und wir hatten Angst, dass er gleich nach Vietnam geschickt wird“, erzählt Ulrike Raupach. Es verschlug sie deshalb zwar nicht über den Atlantik, aber doch in die Metropole Berlin. „Als ich aus Blecher fortging, dachte ich nicht daran, zurückzukommen“, blickt Raupach mit einem Lächeln zurück. Heute lebt sie wieder dort. Und das sehr gerne. „Nachdem ich fort gewesen bin, hat sich mein Blick aufs Dorf verändert.“

Wie ein Stückchen „heile Welt“ empfindet sie ihre Heimat inzwischen, und die Bezeichnung „Dorf“ ist durch und durch liebevoll gemeint. „Es sind gerade besonders viele junge Familien, die nach Blecher ziehen.“ Dort könnten Kinder wohlbehalten groß werden. Ulrike Raupach hat es genauso gehalten: Als sich Nachwuchs ankündigte, wollte sie nicht in der Großstadt bleiben. „Und meine Großmutter wartete darauf, dass wir zurückkommen.“ In ihrem Haus lebt sie heute. Und schreibt.

Denn der große Erfolg ihres Erstlings rief geradezu nach einem Nachschlag. In der Pandemie hatte Ulrike Raupach ein kleines Werk verfasst: Auf 78 Seiten hatte sie Geschichten aus Blecher versammelt. „Ich habe 500 Exemplare drucken lassen. Sie sind alle weg“, erzählt sie. Nun hat sie erneut zum Stift gegriffen.

Entstanden ist „Spurensuche. Als Blecher nur Hausnummern hatte“. Die Älteren hätten sie immer wieder gefragt: „Schreibst du wieder?“, verrät Ulrike Raupach. Denn ihre Veröffentlichung hatte viele Erinnerungen geweckt, die der Menschen aus Blecher und auch ihre eigenen.

„Ich möchte Vergangenes vor dem Vergessen bewahren“, sagt die 77-Jährige. In Gedanken ginge sie durch ihr Dorf und halte fest, was ihr erzählt werde und woran sie sich selbst noch erinnere. „Menschen hinterlassen Spuren, aber man sie muss sie entdecken.“ Wahre Fundgruben seien da die Hochbetagten: „Ich kenne einige Blecherer, die über 90 Jahre alt sind.“

Bei der Nachbarin fand Ulrike Raupach Hausnummernschilder

Den Anstoß zum neuen Buch gab eine Nachbarin. Bei ihr fand Ulrike Raupach gut erhaltene Hausnummernschilder: „Bis dahin war mir gar nicht bewusst, dass es bis in die 50er Jahre keine Straßennamen und nur Hausnummern bei uns gab“, blickt sie zurück. Aber dann fiel ihr doch wieder ein, wie der Postbote über einen mit Straßennamen versehenen Briefumschlag den Kopf schüttelte und bat, man möge „diesen Quatsch“ doch bitte lassen.

Auf rund 70 Seiten ist Ulrike Raupach wieder tief eingetaucht in die Ortsgeschichte. Geordnet ist sie in große Rubriken wie „Familie und Arbeitsteilung“, „Versorgung vor Ort“, „Leben im Alltag“, „Freizeit und Ferien“, „Brauchtum“, „Mobilität“ oder „Schule und Ausbildung“. Alle Blecherer Kinder besuchten die Volksschule in Altenberg; einige wenige durften auf die weiterführende Schule in Burscheid. Zu ihnen gehörte Ulrike Raupach. „Ich blieb bis zur mittleren Reife“, sagt sie. Dann folgte Köln-Mülheim: „Eine Mädchenschule mit mehr als 1000 Schülerinnen!“ Diese weiterführenden Schulen waren oft nur schwer zu erreichen: Viele Mitschüler machten deshalb lieber eine Lehre im Einzelhandel oder in einer Fabrik in Burscheid.

Aus Burscheid kamen auch die Großeltern väterlicherseits. Und dort war das Kino. In ihrem persönlich und lebendig gehaltenen Buch beschreibt das Ulrike Raupach: „Ich erinnere mich, dass ich 1952 mit meiner Großmutter ins Lumina-Filmtheater wanderte und meinen ersten Kinobesuch erlebte, den Film Heidi.“ Im Kapitel „Mobilität“ schildert sie, wie die Frauen aus Blecher den weiten Weg auf nahmen, um den Ehemännern im Henkelmann ein Mittagessen nach Burscheid und Hilgen in die Fabrik zu bringen.

Der Jugendfeuerwehr Blecher kommen 3 Euro pro Buch zu

Und sogar verzehren konnte man den „Schönen von Burscheid“. Das war eine Apfelsorte von einst. „Diese Sorten sind heute sehr selten“, sagt Raupach. Früher jedoch baute jeder Blecherer als Selbstversorger im eigenen Garten an. Aber es gab auch kleine Lebensmittelgeschäfte mitten im Ort. Wie das Kaufhaus Manikowski, in dem man alles Mögliche für den täglichen Bedarf bekam: Handtücher, Schürzen, Porzellan. Für größere Anschaffungen blätterten die Blecherer gerne in den großen Versandhauskatalogen.

„Spurensuche“ ist erhältlich in Burscheid bei Zeitschriften Roßenbach, Hauptstraße 18, sowie in Blecher bei Schreibwaren Rodenbach. Kosten: 8 Euro. Von jedem verkauften Büchlein kommen 3 Euro der Jugendfeuerwehr Blecher zugute.

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