Argentinische Familie sucht ihre bergischen Wurzeln

Günter Rabenschlag steht vor einem Bild seines Vorfahren Karl Wilhelm Luchtenberg. Der Solinger Rabenschlag starb 2018, ab 2009 stellte er den Kontakt nach Argentinien her. Fotos: Archiv Federico Luchtenberg
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Günter Rabenschlag steht vor einem Bild seines Vorfahren Karl Wilhelm Luchtenberg. Der Solinger Rabenschlag starb 2018, ab 2009 stellte er den Kontakt nach Argentinien her.

Vor 160 Jahren wanderten die Brüder Luchtenberg aus – Ein Nachfahre blickt auf diese Zeit zurück

Von Andreas Erdmann

Vor 160 Jahren setzte eine landesweite Auswanderungswelle ein, in der viele Bergische nach Nord- oder Südamerika emigrierten. Gründe waren Massenarbeitslosigkeit und Teuerungen, Missernten und Hunger. Etlichen gelang es, sich „drüben“ eine Existenz aufzubauen, worauf sie tüchtige Arbeitskräfte für ihre Betriebe in Übersee nachkommen ließen. Andere, die den Neubeginn nicht schafften, kehrten zurück oder verarmten. Ende der 1860er Jahre wagten auch die jungen Solinger Brüder Karl Wilhelm und Cornelius Luchtenberg mit ihrer Mutter Rosetta Luchtenberg, geborene Rabenschlag, den Sprung „über den Großen Teich“.

„Wir hatten gar keine Möglichkeit mehr, mit Verwandten in Deutschland in Verbindung zu treten.“

Federico Luchtenberg

„Die Familien Luchtenberg und Rabenschlag stammen ursprünglich aus rheinisch-westfälischem Raum. Mutter Rosetta wurde in Solingen geboren. Karl kam 1843 in Solingen und Cornelius 1848 in Burscheid zur Welt“, berichtet der Ur-Ur-Enkel des emigrierten Cornelius, Federico (Friedrich) Luchtenberg. Er lebt mit seiner Familie in Argentinien. Ihr Ehemann Johann Wilhelm Luchtenberg war verstorben, als Rosetta damals mit den Söhnen per Schiff von Hamburg aus nach Südamerika reiste. „Ihr erstes Ziel war Brasilien. Ohne uns ersichtlichen Grund verließen sie das Schiff und siedelten sich in Blumenau an“, erzählt Federico Luchtenberg.

Der Ort im Bundesstaat Santa Catarina wurde 1850 vom Apotheker Herrmann Blumenau und anderen Einwanderern als deutsche Kolonie gegründet. Heute zählt Blumenau mehr als 360 000 Einwohner. Die Brüder betätigten sich als gelernte Holztischler. „Dann trat Karl, der ältere, in die brasilianische Armee ein und nahm am paraguayischen Krieg teil. Cornelius kümmerte sich um die Mutter und lernte bald seine spätere Ehefrau kennen: Emilie Luise Albertine Otte Benz.“ Sie heirateten am 31. Juli 1874 – sie mit 22, er mit 26 Jahren. Von Brasilien aus zog es die Luchtenbergs dann nach Argentinien, wo sie sich in der deutschen Kolonie Rosario in der Provinz Santa Fe niederließen.

Heute ist Rosario, 300 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires gelegen, mit ihren 950 000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Argentiniens und ein bedeutendes Industriezentrum. „Die Stadt mit dem Hafen am Paraná-Fluss hatte sich durch ein staatlich gefördertes Exportprogramm für Agrargüter schon damals wirtschaftlich sehr gut entwickelt. Die Bewohner konnten mehrere Schulen gründen.“

Die Luchtenberg-Brüder fanden Arbeit als Tischler bei den englischen Eisenbahnen. 1885 riefen sie in ihrer neuen Heimatstadt den Verein Rosario ins Leben. Der deutsche Club, in dessen Räumen man neben Treffen und Festen auch Kegelsport ausübte, gewann zunehmend Mitglieder. Mit der Rosario Youth Group der jüngeren Generation besteht er noch heute und feiert in diesem Jahr sein 136-jähriges Bestehen. Im 20. Jahrhundert entfernte sich die Familie Luchtenberg-Rabenschlag völlig von ihren deutschen Wurzeln. „So hatten wir gar keine Möglichkeit mehr, mit etwaigen Verwandten in Deutschland in Verbindung zu treten“, erklärt Federico Luchtenberg.

Es war dann der in Solingen lebende Günter Martin Rabenschlag aus der Herkunftsfamilie von Rosetta Luchtenberg, der 2009 zu sämtlichen Luchtenbergs in Rosario Kontakt suchte. „In einem Rundbrief in spanischer Sprache bat er um Informationen über die Vorfahrin Rosetta.“ Federico und Guillermo (Willy) Luchtenberg antworteten dem Solinger Verwandten.

Kontakt zwischen den Familien soll 2022 vertieft werden

„Willy und ich stammen aus unterschiedlichen Zweigen: Er ist der Enkel von Karl und ich der Ur-Ur-Enkel von Cornelius.“ Nun begann ein intensiver Austausch zwischen den Familien. „Günter Rabenschlag besuchte Argentinien dreimal, so auch 2014 zum 90. Geburtstag von Willy. Da er gehörlos war, wurde das Abenteuer Argentinien für ihn zur besonderen Herausforderung.“

Federico Luchtenberg besuchte ihn erstmals 2015. Kurz bevor er 2018 mit seiner Frau Moira und den Kindern María und Martin wiederholt nach Deutschland reiste, starb Günter plötzlich. Man überlegte, den Besuch abzusagen. „Doch Judith, die Tochter von Andrea und Günter, ermutigte uns, doch noch zu kommen.“ Und so begrüßte Solingen 2018 die fünfte und sechste Generation von Rosetta Rabenschlag – der Mutter von Cornelio und Großmutter von Guillermo Cornelio.

Den Kontakt zwischen Solingen und Argentinien haben die Familien seither rege aufrechterhalten. Ab Sommer kommenden Jahres möchte Tochter María ein Jahr in Solingen verbringen und dabei die familiären Beziehungen vertiefen. „Überdies beabsichtigen wir, die fakultative deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, die wir bislang noch nicht erhielten.“

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