Kinderlähmung

Als Polio Familien in Angst versetzte

Jürgen Assmann aus Hilgen zeigt seinen alten Impfpass, in dem noch die Schluckimpfung gegen Polio dokumentiert ist. Foto: Assmann
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Jürgen Assmann aus Hilgen zeigt seinen alten Impfpass, in dem noch die Schluckimpfung gegen Polio dokumentiert ist.

Die letzte schwere Polio-Epidemie wütete 1961 in Deutschland – auch Burscheider erinnern sich an die Kinderlähmung

Von Anja Wollschlaeger

Burscheid. Die Kinderlähmung ist heute auch in Burscheid fast vergessen. Die Krankheit ist oft nur als Notiz im Impfpass bekannt. 1952 war das anders. Da kam mal wieder eine Polio-Welle über den Rhein-Wupper-Kreis: Am 11. Juli 1952 meldete der Kölner Stadt-Anzeiger angesteckte Kinder und Erwachsene in Rheindorf, Bürrig und Dabringhausen. Einen Monat später wurde das Baden im Silbersee, an der Dhünn und in Diepental zum Schutz vor Infektionen verboten.

Gegen Polio werden Kinder heute geimpft. Bei fast allen Jugendlichen im Kreis ist das so. Das Team des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes hat bei einer Kontrolle 2018 weiterführenden Schulen bei 94 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen vollständigen Schutz vor Polio festgestellt.

Gefürchtet war vor allem die Lähmung der Lunge

Viele Erwachsene erinnern sich noch an die süße Schluck-Impfung, aber einige haben auch Erfahrung mit der Krankheit selbst gemacht. Die meisten spürten sie wohl kaum mehr als eine Grippe. Das lässt sich aus dem Erreger-Steckbrief des Robert-Koch-Institutes lesen: „Die Mehrzahl der Infektionen (mehr als 95 Prozent) verlaufen asymptomatisch.“ Leider kommt es in den übrigen Fällen zur berüchtigten „Kinderlähmung“, die lebenslange Einschränkungen mit sich bringen kann.

Gefürchtet ist die Lähmung der Lunge. Dann kann die akute Phase tödlich enden. Übertragen wird Polio durch Schmierinfektionen und deswegen warfen Mediziner in den frühen 1950er Jahren einen Blick auf die Schulklos. Die machten auch damals schon einen eher unhygienischen Eindruck. So empfahl Kreismedizinalrat Dr. Bethge laut Kölner Stadt-Anzeiger im Rhein-Wupper Kreis: „Schul-Aborte sollten bald baulich saniert und hell gestrichen werden.“ Die Abortgruben sollten regelmäßig durch einen Fachmann entleert, Klosettpapier stets bereit liegen.

Der Arzt empfahl damals auch gründliches Händewaschen: „Vorsichtige Eltern geben ihren Kindern selbst Handtuch und Seife in einem besonderen Beutel mit, damit sie die Hände säubern können“, steht es geschrieben.

An diesen Hygienetipp erinnerte sich ein Hilgener zu Beginn der Corona-Pandemie. Er sagt: „Wir mussten immer ein Stück Seife mit in die Schule bringen. In Neuenhaus hatten wir an der Schule einen Fall von Kinderlähmung.“

Die Krankheit war zum Fürchten. Daran erinnert sich auch Sigrid Linden. Sie ist 1943 geboren und weil den Nachbarn aufgefallen war, dass sie wohl ein wenig hinkte, stellten ihre Eltern sie einem Arzt vor. Die kleine Sigrid galt als polioverdächtig, musste in eine Kölner Klinik. Am Ende hatte sie Glück im Unglück - im Entlassbericht stand später nur „Bluterguss im Oberschenkel“. Eines ist Sigrid Linden von dieser Zeit im Herzen geblieben: „Die Menschen waren sehr verunsichert.“ Dazu gab es auch Anlass, denn in der Schule in Hürringhausen traf sie später auf einen Jungen, den die Infektion schwer getroffen hatte. Er kam mit einem verdrehten Fuß und orthopädischen Schuhen zum Unterricht.

Bald schon kam die Schluck-Impfung. Jürgen Assmann hat noch heute seinen Impfpass, in dem notiert wurde, dass er als Drittklässler 1958 in der Hilgener Schule die Impfung erhalten hat: „Jeder durfte sich ein Zuckerstück nehmen und das war die Impfung.“ Die Impf-Aktionen an den Schulen waren akribisch geplant. So berichtet die Rheinische Post am 19. Januar 1962: „Immerhin werden einige Dutzend Impflokale eingerichtet werden.“ Das Vakzin wurde demnach bei minus 20˚C gekühlt werden und wurde über vier Depots in Nordrhein-Westfalen verteilt. Über Nacht musste der Stoff in Kühlschränken untergebracht werden.

Poliomyelitis

Impfung: Grundimmunisierung im Säuglingsalter mit drei Impfstoffdosen im Alter von zwei, vier und elf Monaten wird empfohlen.

Typen: Typ 2 und 3 des Wildpoliovirus sind ausgerottet. Es besteht weiterhin das Risiko der Infektion durch das Wildpoliovirus Typ 1 sowie durch mutierte zirkulierende Impfviren.

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