Als Herbst- noch Kartoffelferien waren

Ernten muss die bergischen Kartoffeln jetzt kein Schüler mehr.
+
Ernten muss die bergischen Kartoffeln jetzt kein Schüler mehr.

Unsere Autorin erinnert an die Zeit, als die Burscheider Schüler noch bei der Ernte helfen mussten.

Von Ursula Hellmann

Burscheid. Alles über die tolle Knolle! Noch bis zum 15. Oktober sind Herbstferien und können sich die Burscheider Schülerinnen und Schüler morgens noch einmal gemütlich im Bett herumdrehen. Sie brauchen nicht hinaus in die feuchtkalte Herbstluft, um bei der Kartoffelernte auf den Feldern mit gebücktem Rücken die braunen Früchte in Körbe und Säcke zu sammeln. Da hatten die Großeltern von der beiden Burscheider Schüler Mark und Melissa noch andere Erfahrungen.

Was den fleißigen Erntehelfern damals wohl lieber war? Eine Woche lang keine Hausaufgaben zu erledigen – oder in erdkruste-bewehrten Gummistiefeln hinter dem sechsreihigen Inline-Fronthäcksler herzustolpern und alle Gebilde so schnell wie möglich einzusacken?

Die Kinder in den Jahren vor und noch weit nach dem Krieg hatten in dieser Hinsicht keine Wahl. Die großen Kartoffelfelder am Rand der Städte mussten abgeerntet werden. Wie sollten die Mütter ihre großen Familien sonst mit dem notwendigen Grundnahrungsmittel satt bekommen?

Die Eltern überlegten bereits im Sommer, ob ihr Einkommen reichte, genügend Kartoffeln für den Winter zu lagern. In den Hauskellern standen selbstgezimmerte Holzverschläge. Wenn sie bis oben hin gefüllt waren, gab es die Chance, mit dem Vorrat bis zum Frühjahr auszukommen.

Tausend Arten wusste die Mutter, die mehlige oder halbfeste Knolle auf den Tisch zu bringen. Meist gab die sandig-feuchte Erde ihre dunklen Geheimnisse gerne preis, sobald das überirdische Blattwerk schlapp und braun den Boden bedeckte – das Zeichen für den richtigen Erntezeitraum! Meist hatten sich entlang der langen weißen Keime angenehm große braune Knollen entwickelt und brauchten nur ans Licht geholt zu werden.

An die schulfreien Tage erinnert sich auch Manfred Lüdtke (67) aus Heide. Zusammen mit den Schulkameraden fand er sich nachmittags auf dem Kartoffelacker ein und arbeitete in einer Reihe mit ihnen. Na ja, für übermütiges Flachsen blieb keine Zeit – die Maschine zog immer voran. So akkurat, wie es hätte sein sollen, sahen die Flächen nicht immer aus. Lüdtke erinnert sich: „Mein Onkel machte sich die Mühe und ging Tage später noch einmal über das aufgewühlte Feld und hat gestoppelt. Was dort zurückgeblieben war und trocken und verschrumpelt aussah, landete im Sack meines Onkels. Diese immer noch lebendigen Knollen pflanzte er dann in seinen eigenen Garten hinterm Haus und wartete geduldig, bis sich im Frühjahr die ersten grünen Blätter zeigten. Das war seine Art, Nachhaltigkeit zu praktizieren, und brachte meist noch eine angenehme Zusatzmenge jedes Jahr.“

Beim Neffen funktionierte dieses Vorbild auch einige Male. Nur einen Sommer hatten die genügsamen Kartoffeln noch nicht einmal die kleinste Chance, ihre unterirdischen Kinder mit genügend Feuchtigkeit zu versorgen. Was Manfred Lüdtke aus der trockenen Scholle grub, sah aus wie Spielzeugkartoffeln und zeigte keine Lust auf spätere Lebendigkeit.

Kartoffelferien haben sich tatsächlich gehalten und erfreuen Kinder jeden Alters. Egal, ob sie seit langem als Herbstferien im Kalender stehen.

Die Älteren unter den Kartoffel-Fans werden die Delikatesse von gekochten, aromatischen, ganz jungen Kartoffeln mit einem Klecks Butter obenauf jedenfalls nie vergessen.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Auf Spurensuche: In Blecher gab es nur Hausnummern
Auf Spurensuche: In Blecher gab es nur Hausnummern
Auf Spurensuche: In Blecher gab es nur Hausnummern
„Ullas Nähstübchen“ ist schon auf Ostern eingestellt
„Ullas Nähstübchen“ ist schon auf Ostern eingestellt
„Ullas Nähstübchen“ ist schon auf Ostern eingestellt
Neuer Vorstand startet mit Elan in die Arbeit
Neuer Vorstand startet mit Elan in die Arbeit
Neuer Vorstand startet mit Elan in die Arbeit
Landwirte verschenken Bücher an Kita-Gruppen
Landwirte verschenken Bücher an Kita-Gruppen
Landwirte verschenken Bücher an Kita-Gruppen

Kommentare