Tierisches Vergnügen

Alpakas und Ziegen sorgen für Entschleunigung

Camillo ist der Liebling der Kinder: Er ist der Zugänglichste und Neugierigste.
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Camillo ist der Liebling der Kinder: Er ist der Zugänglichste und Neugierigste.
  • VonNadja Lehmann
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Die Tiere leben oberhalb von Gut Landscheid und bestimmen den Tag von Silvia Claßen.

Von Nadja Lehmann

Burscheid. Hinter dem idyllisch im Tal gelegenen Gut Landscheid geht es steil empor. Ein Anstieg, der seinen Bewohnern richtig gut gefallen dürfte: Schließlich stammen Alpakas aus den Anden. Und in der Tat ist die kleine Herde emsig unterwegs, stapft hoch und runter, zupft am Gras und lässt sich dabei nicht beirren. Chef Valentino steht etwas abseits und hat alles im Blick. Genauso wie Silvia Claßen, der die Tiere gehören: der cremefarbene Camillo, der weiße Dexter, der dunkelbraune Valentino, der sensible Pacolino und der Frechdachs Ole. „Er glaubt, dass alles Futter ihm gehört“, erzählt Silvia Claßen lächelnd. Fünf Individualisten sind da auf der Weide versammelt, die sich inzwischen gut eingelebt haben.

Bis zum vergangenen Jahr waren die Alpakas auf einem Gelände nahe der Alten Ziegelei zu Hause. Im Oktober zogen sie um, doch Herbststürme machten allen Plänen einen Strich durch die Rechnung: „Der Wind hat den Zaun umgerissen. Alpakas sind Fluchttiere; wir hatten große Angst, dass sie ausbüxen“, sagt Silvia Claßen. Taten sie nicht, sondern legten sich hin, um abzuwarten. Bis der Zaun wieder stand, kehrte Claßen mit ihren Tieren noch mal nach Hilgen zurück und nahm ein paar Wochen später neuen Anlauf. Denn das neue Gelände ist größer und die Anbindung ans Wanderwegenetz besser.

Jetzt steht sie in ihren ganz persönlichen bergischen Anden und blickt von der Höhe hinab, wo sich Gut Landschaft mit seinen Gebäuden ins Tal schmiegt. „Die Tiere finden es gut hier“, sagt Claßen. Sie freut sich über eine, wie sie sagt, ruhige Herde, in der es keine Rangkämpfe gibt. Alle zusammen sind sie „Pako Alpaka Naturerlebnis“.

Denn die große Ruhe ausstrahlenden Alpakas haben ganz besondere Fähigkeiten: Ihre Gelassenheit überträgt sich auf die Besucher. Hektik und Stress treten in den Hintergrund, stattdessen zählt der Augenblick: Wenn Valentino über die Weide blickt, Ole sich an Camillo heranpirscht, in dessen Nähe er so gerne ist, wenn der kleine Pacolino den Kopf senkt und die Grasbüschel abnagt. „Die Alpakas entschleunigen, beruhigen und machen die Welt ein Stückchen besser“: So empfindet es Silvia Claßen. Und das vermittelt sie ihren Besuchern bei Wanderungen oder in der tiergestützten Therapie. Gern erzählt sie von dem kleinen Jungen, der immer den inneren Turbo eingeschaltet hatte: „Dann merkte er, dass er damit bei den Alpakas überhaupt nicht ankommt.“ Lächelnd zeigt Claßen ein Foto: Derselbe Junge, ganz still sitzend, mit Gras in der Hand, mit dem er die Alpakas anlocken will. Sogar auf dem Foto ist zu spüren, welche Anstrengung das den Jungen kostet. Aber auch, wie gerne er den Tieren nahe sein will.

Die entscheiden übrigens selbst, wie viel Nähe sie zulassen. Und Silvia Claßen ist es wichtig, die Besonderheiten dieser sanften scheuen Tiere zu respektieren und zu vermitteln: Dass sie nämlich entgegen ihrem kuscheligen Äußeren überhaupt keine Schmusetiere sind und sich nicht gern anfassen lassen. Begegnungen finden auf Augenhöhe statt.

Valentino beispielsweise passt lieber auf, als sich den Wanderungen anzuschließen. „Er ist nicht gerne Chef geworden. Er ist sehr gewissenhaft und empfindet große Verantwortung. Was er vormacht, machen alle nach“, verrät Silvia Claßen. „Für Valentino spielt Vertrauen eine große Rolle. Deshalb wird er nicht gern angefasst und lässt sich nicht von jedem führen.“ Auch der weiße Dexter, als einziger ein sogenanntes Suri-Alpaka, zeigt unmissverständlich, was er will: „Je nach Tagesform rennt er entweder los und bewältigt die Strecke in der halben Zeit. Oder er bleibt stehen“, sagt Claßen lachend.

Wie Mensch und Alpaka sich finden, sei ganz unterschiedlich, weiß die gelernte Erzieherin und Heilpädagogin. „Man identifiziert sich mit einem bestimmten Charakter. Entweder weil er so gegensätzlich ist oder weil man entdeckt: Der ist ja so wie ich.“

Sieben Ziegen vervollständigen die Herde auf Gut Landscheid - Bald gibt es Ziegen-Yoga

Im Sommer sind sieben Ziegen auf dem Gelände eingezogen und machen Silvia Claßen viel Freude.

Ruhe, Beobachtung, Innehalten und Abstand bei den Alpakas. Auf der benachbarten Weide herrscht eine ganz andere Stimmung. Denn da leben Lou, Sully, Lia, Milly, Schotti, Peter und Paul: Sieben putzmuntere blitzgescheite Ziegen, die sofort die Nähe suchen und ihre Nasen in die Jackentasche stecken. Sie sind der extrovertierte Gegenpol zu Camillo, Dexter, Valentino, Pacolino und Ole. Und sprechen damit jene Kinder und Erwachsenen an, die streicheln und Distanz überbrücken wollen. Beide Tierarten ergänzten sich gut, findet Claßen. „Nächsten Jahr bieten wir vielleicht Ziegen-Yoga an“, sagt Silvia Claßen. Klingt verrückt, liegt aber total im Trend. Yoga hat Claßen bereits angeboten, im Sommer, auf der Weide. „Ein schönes Erlebnis, wenn die Blätter rauschen und die Tiere um einen herum sind“, beschreibt sie. Der zugängliche, neugierige Camillo stand prompt mit auf der Matte.

Von Pako Alpaka Naturerlebnis profitieren aber auch die unmittelbaren Nachbarn. Die Besucher der Tagesklinik Wersbach schauen regelmäßig vorbei, machen Achtsamkeitsübungen, versenken sich die Natur- und Tierbetrachtung. Zum Jahresende ist Silvia Claßen frisch ausgebildete Therapeutin für tiergestützte Interventionen. Drei Jahre hat die Ausbildung gedauert, jetzt schreibt sie gerade die Facharbeit. Angedacht ist eine Kooperation mit dem Jugendamt; zwei Kinder haben bereits teilgenommen. „In meiner heilpädagogischen Arbeit unterstützen mich meine Tiere. Sie sind Seelentröster, Türöffner und Co-Therapeut zugleich“, sagt Claßen. Regelmäßig ist auch das Familienzentrum „Kleine Strolche“ zu Gast auf dem ein Hektar großen Gelände. „Ich arbeite dort freiberuflich als Heilpädagogin“, erzählt Claßen.

Ihr ist es wichtig, keinen Streichelzoo etablieren zu wollen. Wenn Kindergärten, Betriebe, Schulen zu ihr kommen und beispielsweise am vom Alten Landhaus gelieferten Frühstück teilnehmen, sollen sich die Menschen auf die Tiere einlassen und in deren Umgebung begegnen. „Kinder und Erwachsene sollen etwas mitnehmen und lernen“, sagt Claßen.

Und deshalb gehen ihre Pläne in Richtung Pädagogik, will sie noch mehr über Tiere und Pflanzen vermitteln, will den Menschen die Natur näherbringen. Beim Waldbaden. Oder bei Spaziergängen mit den Alpakas. Wenn die südamerikanischen Individualisten mögen.

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