Vormarsch der Taliban

Afghanische Familie bangt um Angehörige

Ayan (2) hat zwischen den Eltern Platz genommen: Parwin (l.) und Najibullah Wardak leben seit sechs Jahren in Burscheid. Sie bangen um Eltern und Geschwister. Foto:
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Ayan (2) hat zwischen den Eltern Platz genommen: Parwin (l.) und Najibullah Wardak leben seit sechs Jahren in Burscheid. Sie bangen um Eltern und Geschwister.
  • VonNadja Lehmann
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Eltern und Geschwister von Najibullah Wardak leben in Kabul – Manchmal kommen Fotos und Nachrichten

Burscheid. „Wir sind nie komplett, wir sind immer geteilt. Ein bisschen sind wir hier, und wir sind immer in Afghanistan“, sagt Najibullah Wardak und sieht hinüber zu seiner Frau Parwin. Beide stammen sie aus dem fernen Land am Hindukusch, über das die Welt derzeit so Dramatisches hört und sieht. Auch die Gedanken von Najibullah Wardak sind mehr denn je in seiner alten Heimat.

Denn seine Eltern und seine Brüder leben in Kabul. Manchmal bekommt er Fotos von ihnen, wenn das Internet es gerade erlaubt und der Akku geladen ist. Dicht gedrängte Straßenszenen sind da zu sehen, Staub und Chaos. Auch eine Sprachnachricht seines Schwagers befindet sich auf seinem Smartphone, die er abspielt und übersetzt: „Hilf uns, bittet mich mein Schwager, hilf uns. Aber wie, das weiß ich nicht.“

„Es ist wie eine kleine Schweiz.“

Najibullah Wardak über seine Heimat in den Bergen

Der 39-Jährige hat Angst. Angst um seine Eltern. „Meine Mama ist fast 60, mein Vater 76“, erzählt er. Und seitdem die Taliban wieder an der Macht sind, trauen sich seine Eltern nicht mehr nach Hause, sondern übernachten mal hier, mal dort. „Sie sind in Gefahr“, sagt Najibullah Wardak. Denn er hat früher für die US-Amerikaner gearbeitet. „Und das wissen die Taliban“, sagt er. „Sie wissen alles.“

Wenn er von ihnen erzählt, müssten ehemalige DDR-Bürger eigentlich in zustimmendes Kopfnicken verfallen – und dabei an die Staatssicherheit denken. Wie ein Spinnennetz überzog das System der Stasi-Spitzel die gesamte DDR.

Er sei nicht überrascht vom schnellen Durchmarsch der Taliban. Schockiert, das ja, aber nicht überrascht. „Die Taliban hatten immer ihre Hände drin“, sagt Najibullah Wardak. „Sie waren nie weg.“ Es sei nicht das erste Mal, dass Derartiges in Afghanistan passiere. Das Land sei groß, die Berge unwegsam, Kabul, die Hauptstadt, weit weg: „Es ist nicht so wie hier, wo es die Autobahn gibt. In ein 50 Kilometer entferntes Dorf dauert es Stunden, es gibt keine Straßen und keine Kommunikation.“

Er erzählt von seiner Heimatstadt, die so heißt wie er selbst – Wardak – und vom Stolz der Bewohner auf ihre Stadt. „Viele haben sich hochgearbeitet.“ Ein Schulminister stamme von dort. Die Stadt liege zwischen den Bergen und viel Grün, sei ein bekanntes Obstanbaugebiet: „Äpfel kommen von dort“, sagt der 39-jährige, und ein Lächeln geht über sein Gesicht. „Es ist wie eine kleine Schweiz.“

Die Taliban sind da – sie waren nie weg

Aber auch dort sind die Taliban. Sind es schon immer gewesen. Mittendrin, als Nachbarn. „Sie kennen viele Leute“, sagt Najibullah Wardak. Sie hätten Frauen und Mädchen geschlagen, wenn ihnen deren Kleidung nicht gefiel; aber auch Männer, die in ihren Augen nicht oft genug in die Moschee gegangen seien. „Die Taliban sind anders“, sagt Najibullah Wardak und sucht einen Moment lang nach Worten. „Sie haben kein Mitgefühl. Deshalb hat die Zivilbevölkerung Angst.“

Keinen Moment lang sollte der Westen den Beteuerungen Glauben schenken, dass Mädchen und Frauen weiter in die Schule gehen, weiter arbeiten dürften, warnt Wardak. „Jeden Tag wird es schlimmer. Es gibt keine Arbeit und kein Geld. Es gibt keinen Präsidenten mehr. Wir sind wohl das einzige Land auf der Welt, das gar nichts hat. Das gilt für alle. Aber für Frauen ist Afghanistan der Tod.“ Sie hätten in den vergangenen 20 Jahren gearbeitet und gelernt: „Jetzt ist wieder alles auf null.“ Wardak ist sicher: Frauen und Mädchen dürften nicht mehr allein spazieren gehen, nicht arbeiten, nicht die Schule besuchen, nicht frei heiraten. „Besonders schlimm ist es für diejenigen, wo der Vater fehlt, kein Mann im Haus ist“, sagt er. Und das betreffe viele, hätten die Taliban doch einst schon viele Männer umgebracht. Najibullah Wardak sieht seine Frau Parwin an: Ihr Vater sei so früh umgebracht worden, dass sie sich nicht an ihn erinnere. „Sie hat nie eine Schule besucht, hat schon als Kind gearbeitet, hat Tüten geklebt“, erzählt er.

Ganz anders als er selbst, der die Schule besucht und Englisch gelernt hat, der sich mit Computern beschäftigt und als Kaufmann gearbeitet hat – und dann später als Dolmetscher und im Bereich Logistik bei den US-Amerikanern. „Es ist für mich immer nach oben gegangen“, sagt er, und Stolz schwingt in seiner Stimme mit.

Es sind Dinge, die er seinen Kindern mitgeben möchte. Acht Kinder hat die Familie, sieben sind noch in Afghanistan geboren, Nachzügler Ayan (2) in Leverkusen. „Ich bin 2013 alleine nach Deutschland geflohen, die Probleme wurden zu groß“, erzählt Najibullah Wardak leise. Das sei eine „lange Geschichte“. Kein Wort Deutsch habe er gekonnt und im Saarland im Flüchtlingsheim im Fünfbett-Zimmer gewohnt. Seine Kinder, die in Afghanistan zurückblieben, hätten nicht mehr die Schule besuchen dürfen. Eineinhalb Jahre später durfte er seine Familie am Flughafen Frankfurt wieder in die Arme nehmen. Najibullah Wardak zeigt das Video und lächelt. „Als ich wegging, war meine kleine Tochter zwei Jahre alt. Ich habe sie so vermisst.“ Und weil er diese Zeit so gern nachholen wollte, habe er sich noch mal Nachwuchs gewünscht (der älteste Sohn ist 19). „Ein Mädchen sollte es sein“, sagt er lächelnd: Es kam der kleine Ayan. Mit Ehefrau Parwin spricht der 39-Jährige Dari oder Paschtun: „Die Kinder sprechen untereinander Deutsch. Und sie sind hier zuhause.“

Und dann blickt Najibullah Wardak wieder aufs Handy. Ist eine Nachricht gekommen? Für seine Angst um seine Eltern, sagt er leise, „da gibt es keine Worte.“

Hintergrund

Er habe gern für die US-Amerikaner gearbeitet, sagt Najibullah Wardak, der seit sechs Jahren mit seiner Familie in Burscheid lebt. Ihren Rückzug aus Afghanistan aber kann er nicht nachvollziehen. Und auch nicht, dass sich die anderen Staaten dem ad hoc anschließen. „Ich habe noch nie gehört, dass Kanzlerin Merkel sagt, wir machen es anders, wir haben unsere eigene Politik“, bedauert er. So aber würden in Afghanistan immer wieder Gruppen wie die Taliban oder Al-Kaida erstarken und nach der Macht greifen.

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