Pfandhäuser profitieren nicht von Corona

Nils Brauers, Sohn des Geschäftsführers, mit den Mitarbeiterinnen Babara Blasius (l.) und Silvia Huber im Solinger Pfandhaus. Über Mehrarbeit konnten sie sich während der Corona-Krise nicht beschweren. Allmählich normalisiert sich das Geschäft wieder. Foto: Michael Schütz
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Nils Brauers, Sohn des Geschäftsführers, mit den Mitarbeiterinnen Babara Blasius (l.) und Silvia Huber im Solinger Pfandhaus. Über Mehrarbeit konnten sie sich während der Corona-Krise nicht beschweren. Allmählich normalisiert sich das Geschäft wieder. Foto: Michael Schütz

In der Krise geben die Menschen weniger Geld aus – Deshalb sind sie seltener auf Kredite angewiesen

Von Timo Lemmer

Solingen Wenn Jochen Brauers aus dem alltäglichen Geschäft eines Pfandhauses berichtet, bricht er dabei viele Erwartungen. „Wir sind nicht die großen Profiteure von Corona“, sagt der Geschäftsführer der Anton Brocker GmbH, die in Solingen an der Mummstraße eines ihrer Leihhäuser betreibt, beispielsweise. Und: „Das gilt für die gesamte Branche.“

Brauers kennt als stellvertretender Vorsitzender des Zentralverbandes des Deutschen Pfandkreditgewerbes die bundesweiten Trends. „Im März, April dachten wir zunächst auch, dass nun umso mehr Kunden kommen. Das Gegenteil war aber der Fall.“ Und das sei auch logisch: „Weil Urlaube entfallen sind, die Leute weniger einkaufen konnten, sind eher vermehrt Leute gekommen, die ihre Sachen wieder abgeholt haben.“

„Uns ist es lieber, dass die Sachen abgeholt werden.“

Jochen Brauers

Inzwischen normalisiere sich das Kundenaufkommen wieder stärker. Brocker sitzt in Wuppertal und betreibt neben dem Geschäft im Solinger Zentrum drei weitere Leihhäuser sowie ein Juwelier-Geschäft. „Das Unternehmen gibt es seit 1873“, sagt Brauers, „wir wachsen kontinuierlich, aber nicht irrsinnig schnell.“

Brocker, inzwischen neben Wuppertal und Solingen auch in Hagen vertreten, ist weiterhin ein Familienbetrieb: „Der Gründer Anton Brocker ist der Großvater meiner Mutter.“ Brauers erklärt das Geschäftsmodell: „Es ist im Grunde ähnlich wie ein Kredit bei der Bank. Der Unterschied ist eben, dass sie Pfand als Gegenwert für ihren Kredit hinterlassen. Und bei der Bank haften sie mit ihrem gesamten Kapital, bei uns hingegen nur mit dem, was sie zu uns bringen.“

Gebracht werden vor allem Uhren und Schmuck, aber auch andere „Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs“ sind dabei. Technik wie Konsolen oder Handys sowie Fahrräder folgen auf den Plätzen. Schmuck ist freilich wertbeständiger. Weil der Marktwert taxiert wird, bringen diese Gegenstände dem Kunden mehr. Insbesondere Handys verlieren schnell an Wert: Der Kaufpreis wird dann nicht mehr annähernd erzielt.

Die Kunden, die meist einen kurzfristigen Kredit benötigen, sind breitgefächert. „Im Grunde haben wir zwei Schichten nicht bei uns“, sagt Brauers: „Die ganz Armen und die ganz Reichen. Der Rest kommt zu uns.“ Der Klassiker sei die unerwartete Steuernachzahlung oder Autoreparatur. Der Pfandkredit hat dabei eine Laufzeit von drei Monaten. Brauers: „In dieser Zeit kann der Kunde jederzeit kommen und seinen Gegenstand abholen.“ Gegen Zinsen und Gebühren sind dann Verlängerungen möglich, ehe nach einer Karenzzeit regulär versteigert wird. „Wir dürfen nach vier Monaten und müssen nach zehn Monaten versteigern“, sagt der Geschäftsführer.

„Was die meisten nicht vermuten“, bricht Brauers abermals die Erwartungen, „ist, dass etwa 94 Prozent der Dinge bei uns wieder abgeholt werden. Nur sechs bis sieben Prozent werden überhaupt versteigert.“ Das Solinger Haus und der Bundestrend liegen hier in etwa überein.

Mit den vier Leihhäusern kommt Brocker auf etwa 18 Versteigerungen jährlich. Brauers: „Uns ist es lieber, dass die Sachen abgeholt werden. Was versteigert wird, ist weg.“ Zumal die Auktionen einen Mehraufwand bedeuten und gemäß Pfandleihverordnung der Überschuss nach Abzug aller Kosten an den Kunden fällt. Holt der den Überschuss nicht binnen drei Jahre ab, fällt der dem Staat zu. Früher hatten die Pfandleihhäuser auch noch mit ihrem zweifelhaften Ruf zu kämpfen. Das sei längst vorbei, berichtet Brauers. „Es ist kein Fauxpas mehr, das Konto zu überziehen. Das ist heute normal. Nicht umsonst haben wir eine so hohe Pro-Kopf-Verschuldung. Gerade die Jüngeren haben gar keine Berührungsängste mehr.“

Pfandleihhäuser

Recht: Jochen Brauers erklärt: „Die Pfandleihverordnung regelt seit 1961 – mit kleinen Änderungen – das gesamte Geschäft in Deutschland.“

Versteigerung: Die nächste Brocker-Versteigerung in Solingen findet am 3. November im Clemenssaal statt.

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