Bergische Wirtschaft

Getränkehandel: Nach zwei Jahren von Normalität noch keine Spur

Bier gibt es genug, jetzt braucht es nur noch Gäste, die es trinken wollen: Stefan Lorse in seinem Lager in Hückeswagen. Foto: Roland Keusch
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Bier gibt es genug, jetzt braucht es nur noch Gäste, die es trinken wollen: Stefan Lorse in seinem Lager in Hückeswagen.

Geschlossene Kneipen, ausgefallene Straßenfeste, abgelaufenes Bier: Wie Getränkefachgroßhändler unter Corona leiden.

Von Sven Schlickowey

Bergisches Land. Restaurantbesuche, Stadtfeste und Familienfeiern – vieles von dem, was in den vergangenen zwei Jahren ausgefallen ist, hat eines gemeinsam: Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, etwas zusammen zu trinken. Darunter leiden auch und vor allem die, die das Bier und die Limo geliefert hätten, die Getränkefachgroßhändler.

„Ich habe eigentlich versucht, die letzten zwei Jahre aus meinem Gedächtnis zu streichen“, sagt deswegen Stefan Lorse halb lustig und halb ernst, wenn er auf die Zeit der Pandemie angesprochen wird. Vor allem in den Lockdowns sei nahezu gar nichts gelaufen, erinnert sich der Inhaber von Getränke Lorse in Hückeswagen dann aber doch: „Wir hatten nur noch ein paar Kunden, denen wir Wasser und Limonade gebracht haben.“ Dafür sei ein Lkw einen halben Tag pro Woche unterwegs gewesen. Vor Corona lieferte Lorse mindestens fünf Tage pro Woche aus. Mit vier Fahrzeugen.

„Vielen ist klargeworden, wie wichtig Gastronomie ist, auch für eine Innenstadt.“

Stefan Lorse, Getränke Lorse

Damit geht es der Firma aus der Schloss-Stadt wie nahezu der gesamten Branche, wie eine Umfrage des Bundesverbands des Deutschen Getränkefachgroßhandels zeigt. Bei der gaben im vergangenen Mai 80 Prozent an, „stark von der Schließung der Gastronomie und der Absage von Veranstaltungen durch die Pandemie betroffen zu sein“. Gut durch die Krise komme nur, wer auf den Einzelhandel setze, so der Verband.

Das tun im Bergischen allerdings die wenigsten GFGH, auch weil Edeka und Co. längst eine eigene Getränke-Logistik haben. Bier-Buschhaus in Solingen zum Beispiel konzentriert sich schon seit 1970 vor allem Gastronomie und Veranstaltungen. Den eigenen Heimlieferdienst habe man vor Jahren verkauft, berichtet Inhaber Uwe Buschhaus: „Und damit sind wir auch immer sehr, sehr gut gefahren.“ Zumindest bis zur Pandemie. „Seither ist es eine einzige Katastrophe.“

Zumal sich die Situation auch nach den Lockdowns bisher noch nicht normalisiert hat. Derzeit laufe das Geschäft mit 30 bis 40 Prozent des normalen Umsatzes, schätzt Stefan Lorse. Und Uwe Buschhaus sagt, das Volumen im Dezember und Januar habe etwa bei der Hälfte der Werte von vor zwei Jahren gelegen.

Das Überleben die Betriebe auch dank staatlicher Hilfen, Kurzarbeitergeld für die Belegschaft, Überbrückungsgeld, Entschädigungen für abgelaufene Ware. Zudem gehen die Inhaber an ihre Rücklagen. „Das geht, weil wir seit 100 Jahren am Markt sind“, sagt Uwe Buschhaus. „Aber die Reserven sind so gut wie aufgebraucht.“

Und trotzdem können die Getränkehändler den zurückliegenden zwei Jahren auch Gutes abgewinnen. Einige Hersteller hätten sich als verlässliche Partner erwiesen, berichten sie übereinstimmend. Zudem habe die Krise den Zusammenhalt gestärkt, sagt Uwe Buschhaus. Er hatte am Anfang der Pandemie eine Whats-App-Gruppe mit Namen „Gastronomie verbindet“ gegründet. In der tauschten sich seine Kunden untereinander aus. „Die haben sich viel untereinander geholfen“, berichtet er. „Das war schon toll.“

Und Stefan Lorse erinnert sich gerne an die große Welle der Solidarität, die seine Kunden von ihren Gästen erfahren haben: „Vielen ist klargeworden, wie wichtig Gastronomie ist, auch für eine Innenstadt“, sagt er heute. Zudem habe eine gewisse Marktbereinigung stattgefunden. Und davon würden vor allem die seriösen Restaurant- und Kneipen-Betreiber profitieren.

Angesichts der angekündigten Lockerungen und dem bevorstehenden Sommer blicken die beiden Geschäftsführer „vorsichtig zuversichtlich“ (Lorse) und „leicht optimistisch“ (Buschhaus) in die Zukunft. Der Bedarf für Gastronomie sei nach wie vor da, sagt Stefan Lorse: „Wir Menschen brauchen das Gespräch, die Unterhaltung.“ Nicht umsonst sei es ihm gerade erst gelungen, eine neue Pächterin für eine Gaststätte in Hückeswagen zu begeistern. Vor wenigen Wochen eröffnete Aferdita Shala ihr Kö3. „Und sie hat seither richtig gut zu tun.“

Und mit den Gaststätten werde auch der Getränkefachgroßhandel überleben, ist der Hückeswagener überzeugt. Es gebe zwar durchaus Bestrebungen der Brauereien, das Geschäft selbst zu übernehmen. „Aber die kommen sicherlich nicht Freitagabend raus, wenn die Kohlensäure alle ist“, meint Stefan Lorse. „Da sind wir als Dienstleister vor Ort gefragt.“

Hintergrund

Rund 3500 Getränkefachgroßhändler gibt es laut ihrem Bundesverband in Deutschland. Zusammen haben sie etwa 45 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erwirtschaften – in normalen Zeiten – deutlich mehr als 20 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Kunden sind unter anderem rund 165 000 Gaststätten, 10 000 Getränkemärkte, aber teils auch Privat-Personen.

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