Bildung

Ausbildung in Teilzeit: Wie funktioniert das?

Beata Haefner hat ihre Ausbildung beim Solinger Zweirad Center Legewie in Teilzeit absolviert. Inzwischen arbeitet sie dort als Verkaufsleiterin.
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Beata Haefner hat ihre Ausbildung beim Solinger Zweirad Center Legewie in Teilzeit absolviert. Inzwischen arbeitet sie dort als Verkaufsleiterin.

Die Ausbildung in Teilzeit fristet nach wie vor eher ein Nischendasein. Dabei könnte sie für Betriebe wie Azubis eine Chance sein. Beata Haefner hat sie jedenfalls genutzt.

Von Sven Schlickowey

Bergisches Land. Kunden beraten, Warenpräsentation, die Kasse abrechnen und zwischendurch regelmäßig in die Berufsschule - Beata Haefners Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau war eigentlich wie die vieler anderer Azubis auch. Und doch mit einem entscheidenden Unterschied: Beata Haefner, beim Ausbildungsbeginn vor rund neun Jahren schon Anfang 30 und Mutter von drei Kindern, hat ihre komplette Ausbildung in Teilzeit absolviert, statt wie sonst üblich mit 40 mit „nur“ 30 Stunden pro Woche.

Die Möglichkeit, bei einer dualen Ausbildung die Stundenzahl zu reduzieren, wobei sich immer die Arbeitszeit im Betrieb verringert, die Berufsschule bleibt unangetastet, gebe es schon seit vielen Jahren, berichtet Anne Preuß vom Solinger Zentrum für Integration und Bildung (ZiB). Erste Versuche habe es bereits vor über 20 Jahren gegeben, 2005 sei die Option dann gesetzlich verankert worden.

Erst nur für Azubis mit einem „berechtigten Interesse“, das galt vor allem für Eltern kleiner Kinder, seit 2020 ganz ohne Zugangsbeschränkung. „Das hat aber noch keinen Schub gegeben“, sagt Preuß. Trotz der Öffnung friste das Thema ein Nischendasein, gerade einmal 0,4 Prozent der Ausbildungsverhältnisse in NRW würden derzeit in Teilzeit absolviert.

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Am ZiB laufen aktuell gleich zwei Projekte zur Ausbildung in Teilzeit. Eines richtet sich an Menschen mit Familienverantwortung, also solche, die Kinder erziehen oder Angehörige pflegen. Ein weiteres darüber hinaus an Menschen mit Migrationshintergrund, die zum Beispiel parallel noch Sprachkurse besuchen, und mit gesundheitlichen Einschränkungen. Für viele Betroffene aus diesen Gruppen sei die Teilzeit-Ausbildung die beste Möglichkeit, sich für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren, sagt Anne Preuß. Und für die vom Fachkräftemangel gebeutelten Arbeitgeber schaffe dies weitere Potenziale, um Azubis zu finden.

Ausbildung in Teilzeit kann eine Erleichterung sein

Während das ZiB neben Beratung und Vermittlung auch weitere Unterstützung für Azubis wie Betriebe bietet, sei die Ausbildung in Teilzeit auch ohne Projekte dieser Art möglich, betont Anne Preuß. „Aus unserer Sicht ist das für nahezu jede duale Ausbildung geeignet.“

Voraussetzung sei nur, dass sich Arbeitgeber und -nehmer einigen, und dass das bei der entsprechenden Kammer eingetragen werde. Theoretisch sei es möglich, den Praxisanteil um 50 Prozent zu verringern, so Preuß. Empfohlen sei aber eine Reduzierung um 25 Prozent: „Mit 30 Stunden sind wir bisher immer gut gefahren.“ Um die fehlende Zeit im Betrieb auszugleichen, kann sich die Gesamtdauer der Ausbildung auf bis zu das eineinhalbfache verlängern.

Über das ZiB lernte auch Heiko Legewie, Geschäftsführer des Solinger Zweirad Centers Legewie, Beata Haefner kennen. Und die Möglichkeit der Teilzeit-Ausbildung. „Davon hatte ich vorher noch nie gehört“, erinnert er sich. „Natürlich hatte ich Vorbehalte.“ Die kennt auch Anne Preuß nur zu gut. Einige Arbeitgeber hätten Sorge, dass gerade Azubis mit Kindern weniger flexibel seien, berichtet sie. „Viele glauben auch, dass sich das nur schwer in die betrieblichen Abläufe integrieren lässt.“ Zum Beispiel bei Handwerkern, die viel auf Montage oder auf Baustellen unterwegs sind. „Das geht aber, zum Beispiel, wenn der Azubi mobil ist“, ist Preuß überzeugt. Überhaupt sei viel möglich, wenn beide Seiten sich flexibel zeigen würden.

Natürlich komme es auch in Teilzeit zu Abbrüchen, räumt Anne Preuß ein. „Das hat dann aber meist andere Gründe als die Teilzeit.“ Auch Heiko Legewie berichtet davon, dass nach der erfolgreichen Premiere mit Beata Haefner ein weiterer Versuch mit einer Ausbildung in Teilzeit in seinem Betrieb scheiterte. „Das war nicht der Motivierteste“, sagt er dazu rückblickend. Gerade wenn man den Auszubildenden nicht so oft im Betrieb habe, könne sich so etwas zum Problem entwickeln.

Bei Beata Haefner hingegen hat nicht nur die Ausbildung gut geklappt, auch danach lief es gut für sie. Sie arbeitet nach wie vor beim Zweirad Center Legewie. Inzwischen als Verkaufsleiterin.

Hintergrund

Im Jahr 2020 wurden in ganz NRW gerade mal 435 Ausbildungsverträge für eine Teilzeitberufsausbildung abgeschlossen. Damit liegt das bevölkerungsreichste Bundesland an der Spitze in Deutschland, in keinem anderen Bundesland gab es mehr als 300 Teilzeitverträge. Schlusslicht: Sachsen-Anhalt mit 21.

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