Lecker

Currywurst und Pommes bekommen Konkurrenz

Stefan Beyer erklärt, worauf es bei der Verpflegung Hunderter Mitarbeiter ankommt.
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Stefan Beyer erklärt, worauf es bei der Verpflegung Hunderter Mitarbeiter ankommt.
  • Manuel Böhnke
    VonManuel Böhnke
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Gesunde Gerichte liegen in den Betrieben der Region im Trend. Doch ganz ohne den „Kraftriegel“ geht es nicht.

Bergisches Land. Als „Kraftriegel“ der Produktionsmitarbeiter bezeichnete Gerhard Schröder Currywurst mit Pommes einst. Ganz daneben scheint der SPD-Altkanzler damit nicht gelegen zu haben. „Die Currywurst bleibt das meistgegessene Kantinenessen“, bestätigt Stefan Beyer. Das sei aber nur eine Seite der Medaille: Gesunde, leichte Küche sowie vegetarische Gerichte seien auf dem Vormarsch.

Christian Strombach, Leiter der Gira-Bistros, präsentiert zwei vegetarische Gerichte.

Beyer muss es wissen. Einige Zeit war er für die auf Gemeinschaftsverpflegung spezialisierte Bonvita-Group als Gebietsleiter tätig. Seit dem Jahreswechsel verantwortet der Koch für das Unternehmen die Solinger Kantine des Räderherstellers Accuride. Auf der einen Seite richtet sich das Angebot an die rund 350 Kräfte in der Produktion. „Die mögen es meist eher deftig“, sagt Beyer. Zudem befindet sich die Europa-Zentrale der Firma auf dem Gelände. „Die Kollegen dort gehen überwiegend sitzenden Tätigkeiten nach und bevorzugen daher leichtere Mahlzeiten“, erklärt Personalleiterin Stefanie Voß.

Ähnlich sind die Voraussetzungen bei Gira. Koch Christian Strombach arbeitet seit 2016 für den Radevormwalder Spezialisten für Gebäudetechnik, übernahm 2019 die Leitung der beiden Bistros. Als sich die kaufmännischen Kräfte coronabedingt größtenteils im Homeoffice befanden, spürte er: Gefragt waren vor allem fleischhaltige Mahlzeiten. Vor diesem Hintergrund ist Gira im Juni 2022 durchaus ein Wagnis eingegangen: Seitdem gibt es dienstags in den Bistros ausschließlich Vegetarisches. „Das wurde am Anfang etwas skeptisch gesehen“, berichtet Strombach. Inzwischen sei der Dienstag der Wochentag mit der zweithöchsten Nachfrage.

„Das Unternehmen hat ein Interesse daran, dass sich die Mitarbeiter gesund ernähren.“

Christian Strombach, Leiter der Gira-Bistros

Der Schritt solle niemanden bekehren, sei vielmehr ein Bekenntnis zu Nachhaltigkeit. Nicht das einzige Projekt in diese Richtung. Unter anderem kooperiert Gira mit Foodsharing-Aktivisten, damit möglichst wenige Lebensmittel im Müll landen. Zudem setzen die Verantwortlichen auf Mehrweg: Kaffeebecher wurden bereits im Sommer 2017 abgeschafft – im Gegenzug schenkte das Unternehmen jedem Mitarbeiter einen Thermobecher mit eingraviertem Namenszug. Um Speisen aus dem Bistro mit an den Arbeitsplatz zu nehmen, gibt es ein Mehrweg-Pfandsystem.

In den Gefäßen befinden sich immer häufiger gesunde Mahlzeiten. Strombach und sein Team kochen täglich frisch, setzen auf regionale Zutaten. Auf dem Speiseplan stehen jeweils zwei warme Gerichte – eines mit Fleisch (außer dienstags) und eine vegetarische Alternative. Dazu gibt es Salate, morgens Frühstück wie belegte Brötchen, Rührei, Frikadellen und nachmittags Snacks, etwa Wraps und türkische Pizza.

Jessica Scharlau (l.) und Stefanie Voß freuen sich über das neue Angebot in der Accuride-Kantine.

Aktuell besonders beliebt sind Strombach zufolge Bowls. Dabei werden zahlreiche Zutaten, vorwiegend Obst und Gemüse, in einer Schale serviert. Daran wird deutlich: Der Trend zur gesunden Ernährung wird nicht von der Geschäftsführung oktroyiert. „Natürlich hat das Unternehmen ein Interesse daran, dass sich die Mitarbeiter gesund ernähren“, räumt der Koch ein. Doch regelmäßige Umfragen zeigen, dass die Bedeutung des Themas auch für die Belegschaft steigt. Eines ändert das nicht: Mittwochs kommt Currywurst auf den Tisch. „Daran lässt sich nicht rütteln“, sagt Christian Strombach schmunzelnd.

Für Stefan Beyer und sein Team bei Accuride beginnt der Arbeitstag am frühen Morgen. Ab 7.45 Uhr können die Beschäftigten Frühstück kaufen – Brötchen, Wraps, Müsli, Porridge, Obst und Joghurt. Mittags stehen mindestens zwei warme Menüs zur Auswahl, eine Salatbar ist obligatorisch. Ein Ampel-System gibt einen Überblick, wie kalorienreich die Mahlzeiten sind.

Beyer hofft, die Belegschaft überzeugen zu können. „Das geht nur über Qualität und Geschmack.“ Deshalb koche er frisch, setze auf gute, saisonale Lebensmittel. Und Abwechslung. Die Gerichte dürften sich nicht alle vier bis sechs Wochen wiederholen. Gleichzeitig müssten Dauerbrenner wie Schnitzel, Currywurst und im Winter Eintöpfe regelmäßig auf der Speisekarte stehen. Neben diesen Klassikern beobachtet er, dass asiatische Gerichte beliebter werden, Pasta gefragt ist, im Sommer Salate mit Fisch oder Fleisch gut funktionieren. Die Kunst sei, die richtige Balance zu finden.

Bis zum Jahreswechsel stemmte Accuride die Versorgung der Mitarbeiter in Eigenregie. Nun hat Bonvita die generalüberholte Küche übernommen. Das gemeinsame Essen in der Kantine erfüllt aus Stefanie Voß’ Sicht eine wichtige Funktion: „Hier kommt man abteilungsübergreifend, auf einer anderen Ebene ins Gespräch.“ Das erleichtere, ergänzt Werksleiterin Jessica Scharlau, vor allem neuen Kollegen, Anschluss zu finden.

Externe

3,90 bis 5,90 Euro kostet das Mittagessen in der Accuride-Kantine an der Solinger Weyerstraße. Die Verantwortlichen planen, das Angebot ab Februar für Externe zu öffnen, etwa Beschäftigte umliegender Firmen und Rentner. Sie müssen einen Aufschlag in Höhe von 1,50 Euro zahlen. Die Gira-Bistros stehen lediglich Unternehmensangehörigen offen.

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