Bis zu 1300 Handwerksbetriebe suchen Nachfolger

Jörg Augustin (l.) übernimmt die Möbelschreinerei von Klaus-Peter Grimm (r.) Geselle Philipp Becker bleibt an Bord. Foto: Christian Beier
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Jörg Augustin (l.) übernimmt die Möbelschreinerei von Klaus-Peter Grimm (r.) Geselle Philipp Becker bleibt an Bord.

Nachwuchs- und Fachkräftemangel reißt eine Lücke

Von Manuel Böhnke

Bergisches Land Eigentlich hatte Klaus-Peter Grimm eine interne Lösung im Blick. Ein langjähriger Mitarbeiter sollte seine Solinger Möbelschreinerei übernehmen. Doch diese Möglichkeit zerschlug sich. Der 63-Jährige musste einen anderen Weg gehen. Im November des vergangenen Jahres bot er sein Familienunternehmen an der Betriebsbörse der Handwerkskammer (HWK) Düsseldorf an. Mit sechs, sieben Interessenten gab es Gespräche. Das beste Gefühl hatte Grimm bei Jörg Augustin: „Die Chemie hat einfach gestimmt.“ Zum 1. September übernimmt der 50-Jährige den Betrieb.

Vor einer ähnlichen Herausforderung wie die Möbelschreinerei Grimm stehen im bergischen Städtedreieck bis zu 1300 Handwerksunternehmen. Grundlage für die Schätzung der HWK ist das Alter der Inhaber: Wer 60 Jahre oder älter ist, dürfte in den kommenden fünf Jahren einen Nachfolger suchen.

„Ein bisschen Glück gehört auch dazu.“

Andre Scheifers, Bergische Industrie- und Handelskammer

Bahnt sich keine interne Lösung an, versucht die HWK zu vermitteln. Rund 900 Beratungen zur Betriebsnachfolge hat die Kammer im Bezirk Düsseldorf, zu dem das bergische Städtedreieck gehört, 2019 durchgeführt. 2300 waren es zu Gründungsvorhaben. Pro Jahr gelinge es, 300  bis 500 Betriebsnachfolgen zu begleiten – Firmenübernahmen oder Wiederaktivierungen bisheriger Handwerksstandorte.

„Der sich seit Jahren ausweitende Nachwuchs- und Fachkräftemangel reißt in der Fortsetzung eine ebenfalls wachsende Lücke an Nachfolgekandidaten“, erklärt die HWK. Hinzu kommen Besonderheiten der verschiedenen Gewerke. In boomenden Sparten wie der Elektro- sowie Informationstechnik, Heizung, Sanitär und Klima komme es beispielsweise häufig vor, dass auch Gutqualifizierte eher eine Anstellung anstreben, „da diese wirtschaftlich hier oft überdurchschnittlich“ attraktiv seien. Ähnliches sei in den Gesundheitshandwerken wie Hörakustik, Augenoptik und in Sanitätshäusern zu beobachten. Im Lebensmittelhandwerk laufe dagegen ein starker Konzentrationsprozess mit Filialisierung, beispielsweise bei Fleischern oder Konditoren.

Man könnte vermuten, dass die Corona-Pandemie die Suche nach einem Nachfolger erschwert hat. „Diese Erwartung bestätigt sich allerdings nicht“, erklärt HWK-Sprecher Alexander Konrad. Die Betriebs- und Nachfolgeberatung (| Kasten) der Kammer sei momentan voll ausgelastet. „Wir können nicht feststellen, dass sich deutlich weniger Personen vorstellen können, eine Firma zu übernehmen, als vor der Krise“, bestätigt Andre Scheifers. Er arbeitet bei der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK) im Geschäftsbereich Starthilfe und Unternehmensförderung. Die Pandemie wirke sich jedoch durchaus aus: Der Kaufpreis für Betrieben aus angeschlagenen Branchen dürfte in den vergangenen Monaten gesunken sein.

Im hiesigen IHK-Bezirk geht Scheifers pro Jahr von rund 500 Firmen aus, bei denen eine Übergabe ansteht. Jeder vierte Unternehmer sei zum Zeitpunkt des Inhaberwechsels bereits älter als 70 Jahre. Doch aus wirtschaftlichen Gründen gelinge es nicht in allen Fällen, einen Nachfolger zu finden. Das sei weniger von einzelnen Branchen abhängig, sondern vielmehr vom Zustand des Unternehmens. „Wenn man seine Hausaufgaben gemacht und regelmäßig in neue Technologien investiert hat, sind die Chancen deutlich besser. Und ein bisschen Glück gehört auch dazu“, betont Andre Scheifers.

Wichtig sei, genügend Zeit für die Nachfolgersuche einzuplanen. Der anspruchsvolle Prozess könne zwei Jahre in Anspruch nehmen. Gibt es konkretes Interesse, können die Kammern als unabhängige Instanzen sowie Fachexperten wie Steuerberater und Wirtschaftsprüfer dabei helfen, Fallstricke zu umgehen.

Bei der Möbelschreinerei Grimm sind die Weichen gestellt. Erich Grimm gründete den Betrieb 1959. 38 Jahre später übernahm Sohn Klaus-Peter das Ruder. Nun steht das nächste Kapitel an. Eine Revolution plant Jörg Augustin an der Gräfrather Straße in Solingen allerdings nicht. Der bisherige Name bleibt bestehen, auch die drei Gesellen und vier Lehrlinge sind eingeplant. Durchaus sieht der 50-Jährige allerdings vor, eigene Akzente zu setzen – beispielsweise mit neuer Technik. Die Mitarbeiter durften Wunschzettel schreiben, was sie sich von ihrem neuen Chef erwarten.

Die Liebe zieht Augustin ins Bergische Land. Zuvor hat der gebürtige Weseler fast 20 Jahre lang im Münsterland gearbeitet. Sein bisheriges Berufsleben war er angestellt, nun erfüllt er sich den Traum von der Selbstständigkeit: „Ich sage gerne meine Meinung und trage Verantwortung.“

Dabei erhält er in absehbarer Zeit Unterstützung aus der Familie. Sein Sohn absolviert derzeit eine Ausbildung zum Tischler und soll nach der Lehre in den Betrieb einsteigen. Und auch auf Klaus-Peter Grimms Expertise kann Jörg Augustin weiterhin zurückgreifen. An zwei bis drei halben Tage möchte der scheidende Inhaber zukünftig noch präsent sein – in der zweiten Reihe.

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