Klimawandel

Klimaneutrales Tanken kann dem Klima schaden

Nico Kreibich vom Wuppertal Institut im Interview.

Nico Kreibich vom Wuppertal Institut.

Nico Kreibich vom Wuppertal Institut im Interview.

Das Gespräch führte Martin Lindner

Bergisches Land. Inzwischen steht auf Bäckereitüten, Eierkartons, Jacken, Naturkosmetik-Artikeln oder auch lokalen Produkten, dass sie klimaneutral hergestellt wurden. Doch die Klimaziele der Unternehmen sind häufig schwer miteinander zu vergleichen, weiß Nico Kreibich, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich Internationale Klimapolitik am Wuppertal Institut.

Herr Kreibich, immer mehr Firmen geben sich den Anstrich der Klimaneutralität. Was bedeutet das genau?

Nico Kreibich: Die Ziele der Unternehmen sind höchst unterschiedlich. Grundsätzlich bedeutet Klimaneutralität, dass die Aktivitäten von Unternehmen bilanziell keine Auswirkungen auf das Klima haben. Das heißt, dass Schäden für das Klima, beispielsweise verursacht durch den Ausstoß von CO2 bei der Herstellung von Produkten, weitestgehend vermieden und reduziert werden. Unvermeidbare Emissionen werden ausgeglichen. Zu berücksichtigen sind dabei auch die Emissionen, die durch den Ankauf von Rohstoffen anfallen oder die bei der Nutzung der Produkte entstehen.

Können Sie beispielhaft einige Unternehmen nennen, die sich ein Neutralitätsziel gesetzt haben?

Kreibich: Die Liste solcher Unternehmen ist lang und wächst täglich. In einer Studie haben wir jüngst herausgefunden, dass sich mittlerweile fast 500 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über einer Milliarde US-Dollar ein Neutralitätsziel gesetzt haben. Alle großen Namen der verschiedenen Branchen sind vertreten, darunter Amazon, Microsoft, Volkswagen, BMW, Shell, RWE, et cetera. Die mangelnde Transparenz und Vergleichbarkeit ist aber ein Problem.

Gibt es auch Beispiele bei uns im Bergischen Land?

Kreibich: Ja, es gibt einige Unternehmen, die sich Neutralitätsziele gesetzt haben. So wirbt die Barmenia beispielsweise damit, CO2-neutral zu sein, und Bayer hat sich für das Jahr 2050 ein Neutralitätsziel für die gesamte Wertschöpfungskette gesetzt.

Inwiefern profitieren Unternehmen davon, wenn sie Klimaschutzziele verfolgen?

Kreibich: Immer mehr Menschen berücksichtigen bei ihren Kaufentscheidungen, welche Auswirkungen ihr Handeln auf das Klima hat. Und auch Investitionsgesellschaften oder Shareholder stellen diese Fragen. Unternehmen, die ihre Klimabilanz offenlegen und ambitionierte Klimaschutzziele verfolgen, können diese Bedürfnisse besser befriedigen und sind gegenüber Konkurrenten im Vorteil.

Was sind die großen Herausforderungen, vor denen die Unternehmen dabei stehen?

Kreibich: Die Herausforderungen sind sehr unterschiedlich – je nach Größe des Unternehmens, Komplexität der Lieferkette und Branche. Einige Unternehmen, beispielsweise aus der Informations- und Technologiebranche, können vergleichsweise einfach und insbesondere durch die Umstellung auf Strom aus erneuerbaren Energien einen großen Schritt in Richtung Klimaneutralität gehen. Andere Unternehmen, deren Produkte oder Dienstleistungen enger mit Treibhausgasemissionen verbunden sind, stehen vor größeren Herausforderungen, wie die Landwirtschaft oder der Flugsektor.

„Das Konzept der Klimaneutralität steht in einem Spannungsfeld.“

Nico Kreibich

Wie kann die Politik Unternehmen in ihren ambitionierten Zielen helfen?

Kreibich: Klimaneutralitätsziele sind freiwillig gesetzt, die Unternehmen gehen über die gesetzlichen Anforderungen hinaus. Trotzdem trägt ambitionierte Klimaschutzpolitik, die Anreize für unternehmerischen Klimaschutz schafft, dazu bei, dass Unternehmen sich hohe Ziele setzen können. Eine wichtige Rolle könnte die Politik zudem bei der Etablierung von Labels spielen. Sie können zu einer besseren Transparenz und Vergleichbarkeit des unternehmerischen Klimaschutzes beitragen. Durch eine Kooperation zwischen Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Unternehmen könnte ein solches Label entwickelt werden.

Welche Gefahren bestehen auch darin, wenn Unternehmen sagen, sie werden klimaneutral?

Kreibich: Das Konzept der Klimaneutralität steht in einem Spannungsfeld: Auf der einen Seite hat es eine enorme Dynamik in Gang gesetzt, zugleich besteht die Gefahr, dass durch die bloße Festlegung der Ziele der fälschliche Eindruck entsteht, wir hätten die größten Schritte bei der Bewältigung der Klimakrise bereits hinter uns. Auch kann die vermeintliche Klimaneutralität von Produkten und Dienstleistungen zu Fehlentscheidungen bei Konsumenten führen, wenn beispielsweise Ölkonzerne „klimaneutrales“ Tanken anbieten und somit ein Umstieg auf Elektromobilität oder die verstärkte Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel verzögert werden.

Was muss also geschehen?

Kreibich: Aus meiner Sicht spielt die Kommunikation hier eine zentrale Rolle: Der Ausdruck „klimaneutral“ sollte durch weitere Informationen ergänzt werden, die die Auswirkungen des Unternehmens oder des Produkts auf das Klima vollständig offenlegen. Eine stärkere Transparenz ist auch dringend erforderlich, um zu verhindern, dass der Begriff Klimaneutralität zur reinen Floskel verkommt, der in der Öffentlichkeit eher mit Greenwashing (Versuch von Firmen, durch Geldspenden an ökologische Projekte als besonders umweltfreundlich zu gelten, Anm. der Redaktion) als mit ambitioniertem unternehmerischem Klimaschutz in Verbindung gebracht wird.

Hintergrund: Das Wuppertal Institut

Das 1990 gegründete Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie ist eine gemeinnützige Forschungseinrichtung im Bereich der Nachhaltigkeitsforschung. Direktor ist seit 2020 Manfred Fischedick, der Uwe Schneidewind, inzwischen Oberbürgermeister von Wuppertal, ablöste. Der Hauptsitz des Instituts befindet sich im Dürer-Haus in Wuppertal-Elberfeld, insgesamt hat die Einrichtung rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Rubriklistenbild: © Wuppertal Institut

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