Weltwirtschaft

Inflation: „Das Thema Preissteigerung wird uns so schnell nicht wieder verlassen“

Prof. Christian Bredemeier ist Professor an der Bergischen Universität.
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Prof. Christian Bredemeier ist Professor an der Bergischen Universität.
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Ökonom Prof. Christian Bredemeier spricht über die steigende Inflationsrate sowie die damit verbundenen Risiken.

Von Manuel Böhnke

Herr Professor Bredemeier, die Inflationsrate ist zuletzt leicht auf 7,6 Prozent gesunken – Momentaufnahme oder Kehrtwende?
Prof. Christian Bredemeier: Für Entwarnung ist es aus meiner Sicht zu früh. Die Weltwirtschaft treiben derzeit zwei zentrale Probleme um. Da sind zum einen die pandemiebedingten Störungen der Lieferketten. Diese Aspekte dürfen wir in der Ursachenforschung nicht vernachlässigen, weil damit die Preissteigerungen begonnen haben.
Zum anderen hat der Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine einen Anstieg der Energie- und vieler Nahrungsmittelpreise ausgelöst, der der Inflation einen weiteren Schub gegeben hat. Die Invasion hat neben allen schrecklichen Folgen für die Menschen in der Ukraine die nüchterne Konsequenz, dass sie Druck auf die Kosten der Unternehmen ausübt.
Wie sich einfach Energie sparen lässt
Was erwarten Sie, wie sich die Inflationsrate entwickelt?
Bredemeier: Für einen überschaubaren Zeitraum von einigen Monaten ist das gar nicht schwierig vorherzusagen. Normalerweise entwickelt sich Inflation nicht besonders sprunghaft, unter anderem schon deshalb, weil jeweils auf die Entwicklung im Vergleich zum Vorjahresmonat geschaut wird. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Teuerungsrate zunächst hoch bleibt.
Auf längere Sicht muss man realistisch bleiben: Die Probleme der Weltwirtschaft werden nicht von heute auf morgen verschwinden – deshalb wird uns auch das Thema Preissteigerung nicht so schnell wieder verlassen. Spannend ist die Frage, ob und wann sich das auf die Nachfrage auswirkt – bislang haben die Unternehmen keine Schwierigkeiten, was Aufträge angeht.
Das ist doch paradox: Die Preise steigen, die Nachfrage bleibt hoch.
Bredemeier: Das wirkt auf den ersten Blick in der Tat überraschend. Dafür gibt es zwei Erklärungsansätze. Zum einen kommen wir aus zwei Jahren Pandemie, in denen viele Aktivitäten nicht möglich waren. Bei vielen Menschen scheint die Stimmung vorzuherrschen, sich jetzt etwas zu gönnen.
Erwarten könnte man, dass jeder Euro zweimal umgedreht wird, wenn die Preise steigen. Die Größen hängen allerdings auch umgekehrt zusammen: Wer davon ausgeht, dass die Preise weiter steigen, gibt sein Geld vielleicht lieber heute als morgen aus.
Welche Gefahren birgt die aktuelle Situation?
Bredemeier: Das spüren die Menschen im täglichen Leben: im Supermarkt, an der Tankstelle, auf der Nebenkostenabrechnung. Man kann sich von Ersparnissen und monatlichen Einkünften schlicht weniger kaufen. Das betrifft vor allem Menschen, die ohnehin nur geringe Mittel zur Verfügung haben. Finanzschwache haben kaum Möglichkeiten, die Inflation zu kompensieren. Dementsprechend hat das Thema erhebliche soziale Folgen.
Gleichzeitig birgt es gesamtwirtschaftliche Gefahren, zum Beispiel kann durch schlecht planbare Inflation die Signalwirkung von Preisen gestört werden. Das alles sollte die Politik im Auge behalten.
Welche Möglichkeiten hat die Politik gegenzusteuern?
Bredemeier: Die sind in diesem Falle nicht wahnsinnig groß. Wenn es um Störungen auf der Nachfrageseite geht, ist das Instrumentarium der Zentralbanken recht wirkungsvoll. Aktuell sprechen wir aber von Störungen der Angebotsseite, also dort, wo Güter, Waren und Dienstleistungen produziert und zu den Kunden gebracht werden.
Bei solchen Phänomenen gibt es die unschöne Situation, dass wir darauf zwar reagieren können, allerdings eine Abwägung nötig ist: zwischen Preissteigerung und dem Rückgang ökonomischer Aktivität. Das klingt abstrakt, letztendlich geht es aber um Arbeitsplätze von Menschen.
Wir müssen uns fragen: Inwieweit akzeptieren wir eine konjunkturelle Abkühlung, um die Inflation einzubremsen? Und andersherum. Im Zweifel ist das keine Entweder-oder-Frage, sondern es geht auch um die Grautöne dazwischen.
In welche Richtung wird das gehen?
Bredemeier: Das lässt sich schwierig vorhersagen. Aktuell sehen wir, dass Zentralbanken Zinsen erhöhen. Ich gehe davon aus, dass die Leitzinsen weiter steigen werden. Die Frage ist aber, wie hoch.
Wie hoch ist die Gefahr, dass die aktuelle Lage zu einer handfesten Weltwirtschaftskrise führt?
Bredemeier: Alle Faktoren, über die wir derzeit sprechen, haben das Potenzial, zu richtigen Problemen zu führen. Vielerorts herrscht Pessimismus vor. Sehen Sie sich nur den US-Aktienmarkt an, hinter dem das schlechteste erste Halbjahr seit Jahrzehnten liegt. Vor diesem Hintergrund gibt es Anzeichen für Schwierigkeiten, aus meiner Sicht jedoch nicht für Panik. Ich bleibe verhalten optimistisch.
Was gibt Anlass dazu?
Bredemeier: Die Störungen der Lieferketten beschäftigen uns nun schon seit einer Weile – und eine gewisse Anpassungsfähigkeit der Unternehmen scheint vorhanden zu sein. Auch in der Corona-Krise hat sich die Wirtschaft als sehr widerstandsfähig erwiesen. 2020 gab es Horrorprognosen, wie sich die Pandemie wirtschaftlich auswirken könnte. Verglichen zu diesen Szenarien sind wir relativ glimpflich davongekommen.
Sehen Sie die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale?
Bredemeier: Das Thema muss man ernst nehmen. Wenn Menschen davon ausgehen, dass alles teurer wird, verhalten sie sich entsprechend. Gewerkschaften und Angestellte verlangen mehr Lohn, Unternehmen passen ihre Preiskalkulation an. Dann kann passieren, dass sich Inflation auf einem bestimmten Niveau verselbstständigt. Das ist eine unangenehme Situation, die es zu vermeiden gilt.
Die gute Nachricht: Solche Phänomene verstehen Ökonomen und die Zentralbanken gut und sie wissen, wie darauf zu reagieren ist – mit der klaren Bereitschaft der Geldpolitik, auf solche Entwicklungen entschlossen zu reagieren.
Deshalb schätze ich die Gefahr für eine Lohn-Preis-Spirale derzeit nicht als besonders hoch ein. Bei der ganzen Diskussion über Inflation darf man eine Sache nicht vergessen: Wir waren in den vergangenen Jahren sehr verwöhnt, was Preissteigerungen angeht.

Zur Person

Prof. Christian Bredemeier ist in Hattingen zur Welt gekommen. Er studierte in Amiens, Bonn und Dortmund, seine Promotion legte er an der TU Dortmund ab. 2013 trat er eine Stelle an der Universität zu Köln an. Seit 2019 ist der 40-jährige Professor für Applied Economics (Angewandte Wirtschaftslehre) an der Bergischen Uni.

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