Retrofitting

Alte Maschinen erhalten eine zweite Chance

Stefan Thomm ist Geschäftsführer der HOK Maschinenbau GmbH. Für das Unternehmen spielt Retrofitting eine wichtige Rolle. Foto: Michael Schütz
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Stefan Thomm ist Geschäftsführer der HOK Maschinenbau GmbH. Für das Unternehmen spielt Retrofitting eine wichtige Rolle.

Retrofitting ist eine beliebte Alternative zu teuren Neuanschaffungen.

Von Peter Klohs

Bergisches Land. Was kann ein Unternehmen in die Wege leiten, wenn eine für die Produktion wichtige Maschine ausfällt? Wenn die Technik alt ist und die Anlage den Dienst nicht mehr oder nicht mehr profitabel verrichten kann, Bauteile reißen, unpraktikabel werden? Man kann eine neue Maschine kaufen. Man kann sie aber auch instand setzen lassen, ein Wirtschaftszweig, der laut Rainer Dungs, Geschäftsführer der Solinger Müller & Dungs GmbH, in den letzten Jahren enorme Zuwächse verzeichnet.

„In unserem Gewerbe ist nichts zu alt, dass man es sofort wegwerfen muss.“

Rainer Dungs und Stefan Thomm, Maschinenbau-Experten

Das Zauberwort heißt Retrofitting, zu deutsch etwa Generalüberholung (| Kasten). „Wir reparieren vorwiegend Pressen, Stanzautomaten und Fallhämmer“, berichtet Dungs. Er hat als Wendepunkt des Retrofittings nicht etwa die Corona-Krise ausgemacht, sondern die Finanzkrise, die die Welt 2008 in Atem hielt. „Neu ist so gut wie tot“, beschreibt Dungs den aktuellen Status in der Maschinenbau-Branche. „Wir haben in 2019 noch vier neue Pressen hergestellt, in 2020 war es nur eine einzige.“

Das Retrofitting hat sich als sinnvolle Alternative durchgesetzt. Die sehr stabilen Maschinenkörper werden mit Hilfe von Ultraschallprüfgeräten auf eventuelle Risse geprüft. Alle verschlissenen oder beschädigten Bauteile müssen nachgearbeitet oder erneuert werden. Sicherheitsrelevante Komponenten werden geprüft und bei Bedarf ausgetauscht. Die Maschine bekommt eine moderne Steuerung, die den heute geforderten Sicherheitsvorschriften entspricht. Zum Schluss erhält der Kunde eine frisch lackierte, neuwertige Maschine zu etwa einem Drittel des Neupreises, die wieder zehn oder mehrere Jahre profitabel arbeiten kann.

Des Weiteren berichtet Betriebsleiter Markus Okon, dass man 2019 eine neue Drahterodierabteilung mit modernen Erodiermaschinen eingerichtet hat. In diesem Jahr wurde ein Vierachsen-Hochleistungs-Bearbeitungszentrum mit 32-fach-Werkzeugwechsler angeschafft. „Damit sind wir jetzt in der Lage, neben komplizierten Ersatzteilen auch solche aus gehärtetem Vollmaterial nach Kundenwunsch oder Zeichnung anzufertigen.“

Müller & Dungs ist weltweit tätig, legt aber Wert darauf, dass die außerdeutschen Kunden auch in Deutschland vertreten sind, im Optimalfall durch das Mutterwerk. Das Unternehmen ist seit 1867 in Solingen ansässig und genießt am Standort Maschinenstraße Bestandsschutz.

Auch bei der Hückeswagener HOK Maschinenbau GmbH ist Retrofitting nicht wegzudenken. Wie Stefan Thomm, Geschäftsführer des seit 1997 tätigen Hydraulik- und Maschinenserviceunternehmens, erklärt, ist die Modernisierung auch komplexer Maschinen schon immer ein wichtiger und notwendiger Zweig des Unternehmens gewesen. „Wir sind stark spezialisiert auf Schmiedehämmer, Pressen sowie Walzen und sind ein beständiger Lieferant der Automobilindustrie, was uns in der Corona-Krise leichte Probleme gebracht hat, die jedoch alle sehr kurzfristig gelöst werden konnten.“

Thomm kann nicht erkennen, dass die Bankenkrise vor mehr als zehn Jahren für ein deutliches Plus des Retrofitting-Geschäftes gesorgt hat. „Da gab es, wenn überhaupt, bei uns nur wenige Zuwächse“, berichtet er. Maschinen oder Maschinenteile bis zu einem Gesamtgewicht von 25 Tonnen können am Standort Industriestraße bearbeitet werden, darüber hinaus geht es nur beim Kunden selbst. „Unser mobiles Arbeiten hat uns bis nach Mexiko geführt“, sagt Thomm.

„In der Regel machen wir an einer Maschine alles. Nur an das Fundament gehen wir nicht ran. Aber alles andere: ja klar.“ Die Zukunft sieht Stefan Thomm in Recycling-Maschinen, Automaten, die Schrott trennen. „Auch das ist Nachhaltigkeit“, weiß der Geschäftsführer, „und dieses Thema wird immer wichtiger werden.“ Sowohl Rainer Dungs in Solingen als auch Stefan Thomm in Hückeswagen sind sich einig: „In unserem Gewerbe ist eindeutig nichts zu alt, dass man es sofort wegwerfen muss.“

Hintergrund

Unter Retrofitting versteht man die Modernisierung bestehender Anlagen. Die geringeren Kosten im Vergleich zu einer Neuanschaffung sind ein Vorteil. Weitere Gründe für das Vorgehen sind der Nachhaltigkeitsgedanke, höhere Effizienz dank Energieersparnis und die Möglichkeit, ältere Maschinen in eine moderne IT-Umgebung einzubetten.

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