Werkzeug

Tausende alte Schätzchen ziehen zum Hasten um

Museumsleiter Dr. Andreas Wallbrecht im neuen Zentrallager. Für diese Exponate aus Haus Cleff soll es eigene Räume geben.
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Museumsleiter Dr. Andreas Wallbrecht im neuen Zentrallager. Für diese Exponate aus Haus Cleff soll es eigene Räume geben.

Deutsches Werkzeugmuseum fasst Exponate in einem neuen Lager zusammen. 90 Prozent sind Schenkungen.

Von Melissa Wienzek

Remscheid/Solingen. Die Antriebsscheiben der mannshohen Flott-Bohrmaschine streicheln die Heizungsrohre des Kellers der Familie Schmidt in Solingen. Oliver Emundts und Mohammed Miri von Up & Down Transporte aus Wuppertal fahren das antike Werkzeug des Remscheider Traditionsherstellers auf einem Rollwägelchen durch die Kellerräume, Miri hat es sich zusätzlich per Sicherungsgeschirr um den Körper gebunden.

Und dann kommt auch schon das Problem: die Treppe. Denn die Bohrmaschine wiegt stolze 300 Kilo. Jetzt braucht es einen starken dritten Mann: Dr. Andreas Wallbrecht, Leiter des Deutschen Werkzeugmuseums (DWM), macht das zur Chefsache. Gemeinsam, aber mit einigen Pausen, hieven sie das Flott-Qualitätsprodukt die Kellertreppe hoch. Das Fitnessstudio haben sie sich auf jeden Fall für heute gespart. . .

Das BZI vermachte dem DWM zuletzt vieles wie diese Schubkarre.

Familie Schmidt hat das antike Teil dem Hastener Museum geschenkt, nachdem das Familienoberhaupt gestorben war – und ist nun froh, dass es für die Nachwelt erhalten bleibt. „So eine Maschine würde heute noch in einer Werkstatt laufen, weil sie einfach nie kaputt geht“, sagt Wallbrecht. Das LVR-Industriemuseum gab der Familie den Tipp, sich ans Deutsche Werkzeugmuseum zu wenden –- und das freut sich. Das Team um Dr. Andreas Wallbrecht nimmt die große Flott-Bohrmaschine nun in den Bestand auf – und der Lkw bringt das Exponat nun in das neue Lager in Hasten.

Die 1250-Quadratmeter-Halle, die die Stadt seit Oktober angemietet hat, ist für den Museumschef „ein Sechser im Lotto“. Sie liegt nicht nur einen Steinwurf vom Werkzeugmuseum entfernt, sondern vor allem ist sie groß, trocken und beheizt. „Wenn wir wollen, können wir sogar mit einem Lkw durch eines der Rolltore mitten in den Raum reinfahren“, sagt Wallbrecht. Und den Gabelstapler des Vermieters dürfen sie auch nutzen. Viele Schwertlastregale konnten vom Vormieter übernommen werden – ein Segen.

Rund fünf Jahre hatten Dr. Wallbrecht und seine Kollegen gesucht, waren Lagerstätten in der Nähe abgefahren, hatten sich überall in Erinnerung gebracht. Nun fügte es sich: Der Vormieter zog aus, das Museum ein. Hier, in der ebenerdigen Hastener Halle, werden nun sukzessive Tausende Exponate einziehen. Sie wird das neue Zentrallager des Deutschen Werkzeugmuseums: aus dem Lager des Deutschen Röntgen-Museums in Dahlerau, wo noch einiges aus dem Haus Cleff lagert, aus Haus und Halle Berger, aus dem Museum selbst und aus den Räumen bei Riloga ziehen die Exponate von Beitel über Tisch bis Elektroschmelzofen hier rüber.

Denn die bisherigen Räume platzen aus allen Nähten: Im oberen fünfstelligen Bereich hat das Museum alles vom Riesen-Fallhammer, bei dem der Fuß allein zwei Tonnen wiegt, bis zum kleinsten Schlittschuhschräubchen. Für Biedermeiertische, Stühle, Sekretär & Co. aus Haus Cleff sollen zwei separate Räume entstehen. Angedacht ist künftig auch eine Stickstoffkammer, in der hölzerne Gegenstände, die vom Holzwurm befallen sind, „geheilt“ werden.

Die Experten von Up & Down Transporte, die sonst Tresore und Klaviere schleppen, haben bereits angefangen, erste Exponate sind schon in der neuen Halle angekommen. Anfang des neuen Jahres will man ein Magazinierungskonzept erarbeiten. „Es wird aber sicher noch das ganze Jahr dauern, bis wir ein funktionierendes Magazin haben“, sagt der Direktor. Denn die vier Männer des Museums tun dies neben ihrer regulären Arbeit.

Etwa 15 Prozent der Exponate des DWM werden ausgestellt, 85 Prozent warten im Lager auf ihren Einsatz. Zum Vergleich: In großen Museen liegt das Verhältnis bei 4 Prozent zu 96 Prozent. „Das, was im Lager ist, ist ja nicht schlechter“, betont Wallbrecht. Vielmehr gehe es um Zeitzeugen, die überlebt haben und die es zu schützen gilt. „Wenn ein Exponat zu uns ins Museum kommt, bleibt es auch im Museum. Wir haben die Verpflichtung, uns darum zu kümmern“, nennt der Museumsdirektor seinen Grundsatz. „Die Menschen, die uns Exponate schenken, möchten sie für die Nachwelt erhalten.“ Und daher müssten die Schätzchen gut gelagert werden. 90 Prozent der Exponate seien Schenkungen.

Im neuen Museum soll ein begehbares Magazin entstehen

Oliver Emundts (l.) und Mohammed Miri transportieren die 300-Tonnen-Flott-Bohrmaschine aus dem Solinger Haus in den Lkw.

Das Ziel: Künftig vom Schreibtisch im Museum aus zu wissen, in welchem Raum in welchem Regal Exponat xy lagert. Um es für künftige Ausstellungen direkt griffbereit zu haben. Hier könnte auch die große Flott-Bohrmaschine der Solinger Familie Schmidt künftig wieder ins Spiel kommen: „In drei bis vier Jahren machen wir sicher noch einmal eine Flott-Ausstellung, dann holen wir sie wieder raus.“ Allein 30 Handbohrmaschinen besitzt das DWM. „Was da an Entwicklung abzulesen ist, ist unglaublich“, sagt Wallbrecht. „Und das aufzuzeigen, ist genau unser Auftrag.“ So soll es auch im neuen Werkzeugmuseum, das die Stadt gerade plant, künftig auch ein begehbares Schaumagazin geben.

Termine

Bis zum 8. Januar ist noch die aktuelle Sonderausstellung „Beitel – scharf und geschlagen“ zu sehen. Am 9. März wird die neue Sonderausstellung zu Fahrrädern und nahtlosen Mannesmannrohren eröffnet. Das neue Museumsprogramm für 2023 kommt Ende Januar.
werkzeugmuseum.org

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