Die Folgen des Krieges für den Kunst- und Kulturbetrieb

„Der Krieg zerreißt die russische Gesellschaft“

Verfolgung von Kulturschaffenden haben in Russland „Tradition“. Jürgen Kaumkötter verweist auf das Schicksal von Literaturnobelpreisträger Joseph Brodzky, der 1972 die Sowjetunion verlassen musste. Foto: Michael Schütz
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Verfolgung von Kulturschaffenden haben in Russland „Tradition“. Jürgen Kaumkötter verweist auf das Schicksal von Literaturnobelpreisträger Joseph Brodzky, der 1972 die Sowjetunion verlassen musste.

Jürgen Kaumkötter, der Direktor des Zentrums für verfolgte Künste, äußert sich zum Ukraine-Konflikt und zur Cancel Culture.

Das Gespräch führte Philipp Müller

Der Krieg in der Ukraine hat unmittelbare Folgen auch für den Kunst- und Kulturbetrieb. Russische Kulturschaffende werden geächtet, wenn sie sich nicht gegen Präsident Putin stellen. Ist das richtig?
Jürgen Kaumkötter: Das ist eine moralische Frage. Das Ausgrenzen von Künstlerinnen und Künstlern ist immer schlecht. Wenn sie sich aber unter die Kuratel einer Diktatur begeben, ist die Frage, ob man ihnen ein Forum geben möchte. Das kann ich von meiner Seite aus klar beantworten: Man gibt Kriegstreibern und solchen, die Krieg unterstützen, kein Forum.
Das Zentrum für verfolgte Künste untersucht Biografien verfolgter, verbotener und ermordeter Künstlerinnen und Künstler aus vielen Epochen, so aus der Nazizeit und der der DDR. Kann man daraus ableiten, in welchem Zwiespalt die russischen Kulturschaffenden jetzt möglicherweise stehen?
Kaumkötter: Das ist eine totale Katastrophe. Ich habe um das Jahr 2010 in St. Petersburg gearbeitet und auch mit Künstlerinnen und Künstlern in Moskau zu tun gehabt. Es hat nie eine richtige Demokratie gegeben, wie wir sie verstehen. Der Staat hatte auch in der Kunst eine Richtlinienkompetenz. Aber es hatte sich eine Subkultur gebildet. Ich kann mich gut an einen Nachmittag in einer Kellerbar in St. Petersburg erinnern, als eine Sehnsucht nach Freiheit greifbar wurde. Es gab den Wunsch, Teil des freien Europas zu sein und selbst Beiträge dazu zu leisten und so zur Weltkultur zu gehören. Ich nenne als Beispiel Literaturnobelpreisträger Joseph Brodzky. Und Künstler erleben jetzt diesen Zwiespalt: Äußere ich mich und stehe zu meiner freiheitlichen Grundeinstellung? Schweige ich und verleugne mich damit selbst? Oder – viel schlimmer – stimme ich in den Hurra-Patriotismus mit dieser Großrusslandbestrebung mit ein? Ich kann mir vorstellen, dass es die russische Gesellschaft jetzt zerreißt.
Was ist mit den Mitgliedern des ukrainischen Kulturbetriebs, wenn sie sich auf die Seite des Aggressors stellen?
Kaumkötter: Gibt es die?
Gibt es die nicht?
Kaumkötter: Nachdem, was ich gehört haben, stehen die Künstlerinnen und Künstler aus der West-Ukraine und der Zentral-Ukraine absolut für Europa ein. Sie sind gegen die Putin-Administration und das imperialistische Russland. Je weiter man nach Osten kommt, bekommt die russische Kultur, auch über die Sprache, eine immer größere Bedeutung. Auch dort kenne ich keine Künstler, die sich pro Putin äußern – und ich habe über unsere Zusammenarbeit mit der polnischen Stadt Krakau und dem MOCAK Verbindungen zu ihnen. Im Gegenteil: Wir hatten bei uns im Zentrum für verfolgte Künste einen ukrainischen Künstler, der zu den Ereignissen im Frühjahr 2014 auf dem Majdan in Kiew berichtete: Der Blick geht eindeutig nach Westen.
In der westlichen Welt gibt es zunehmend die Methodik der Cancel Culture, wenn die Kunst nicht ins vermeintlich gute Bild passt. Soll man jetzt alles Russische ausgrenzen?
Kaumkötter: Selbstverständlich nicht. Es ist eine Pflicht von uns, die Türen offenzuhalten und die liberalen Kräfte zu stützen. Uns ist oft nicht bewusst, wie frei wir leben und wie sehr unser Staat das schützt. Blickt man nach Polen, relativiert sich das schon ein wenig, und in Russland werden die Leute von der Straße wegverhaftet. Eine Unterstützung ist aber schwierig. Wir wissen nicht, wie zum Beispiel die Situation in den Metropolen St. Petersburg und Moskau ist. Niemand kann in die Kristallkugel schauen, ob es zu einem Waffenstillstand kommt oder sich der Krieg verfestigt wie in der Ost-Ukraine. Aber Cancel Culture lehne ich ab, das ist eine Überhöhung moralischer Vorstellungen. Manche spielen sich da schnell als Gesinnungsschnüffler oder falsche Moralwächter auf.
Wird das Zentrum die aktuellen Ereignisse in Russland und der Ukraine ebenfalls zu gegebener Zeit aufgreifen?
Kaumkötter: Wir hatten schon länger den Traum, einmal die Verfolgung der russischen Kunst unter den Zaren aufzugreifen. Auch die Zeit der Befreiung nach der Oktober-Revolution ist wichtig. In einer kurzen Zeit entstand die eigene Form des Konstruktivismus und zarte Pflanzen der Freiheit blühten. Wir haben ein Festival anstehen mit Autorinnen und Autoren, die alle entweder russische oder ukrainische Wurzeln haben. Da wird der Krieg immer Thema sein. Wir werden aber keinen Aktionismus an den Tag legen, wir sind ein Museum. Das Zentrum kann aber Forum für den Dialog mit und unter den Künstlern sein, das ist auch unsere Verpflichtung. Wir haben in Venedig anlässlich der Biennale eine Buchvorstellung. Wir drehen sicher vor dem russischen Pavillon. Die Teilnahme Russlands ist abgesagt, eine politische Entscheidung und natürlich Cancel Culture. Ist das falsch oder richtig? Wahrscheinlich beides.

Zur Person

Jürgen Kaumkötter ist studierter Kunsthistoriker. Zunächst als Kurator, heute als Direktor, gehört er seit dem Start des Zentrums für verfolgte Künste in Solingen zum Leitungsteam. Das Zentrum stellt nicht nur als Museum Kunst und Literatur aus. Durch internationale Beziehungen und Kooperationen macht es auf die Verfolgung von Künstlerinnen und Künstlern in der Vergangenheit und Gegenwart weltweit aufmerksam.

https://verfolgte-kuenste.com

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