Frankfurter Buchmesse steht an

Sie motivieren den Nachwuchs, zum Buch zu greifen

Sie brennen für Bücher: Mit Julia Abel (l.) und Marie-Louise Lichtenberg sind zwei bergische Vertreter im Bundesvorstand des AKJ. Foto: Roland Keusch
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Sie brennen für Bücher: Mit Julia Abel (l.) und Marie-Louise Lichtenberg sind zwei bergische Vertreter im Bundesvorstand des AKJ.
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Marie-Louise Lichtenberg und Julia Abel sind im Bundesvorstand des Arbeitskreises für Jugendliteratur.

Wermelskirchen / Remscheid. Den 22. Oktober haben Dr. Julia Abel und Marie-Louise Lichtenberg dick in ihren Kalendern angestrichen. Die Vergabe des Deutschen Jugendliteraturpreises ist für beide der Höhepunkt der Frankfurter Buchmesse (20. bis 24. Oktober). Abel und Lichtenberg sind im Bundesvorstand des Arbeitskreises für Jugendliteratur e.V. (AKJ), dessen wichtigste Aufgabe die Organisation des Jugendliteraturpreises ist. Seit 1956 steht die Auszeichnung für Qualität und Orientierung. Julia Abel, Leiterin der Abteilung Literatur/Sprache an der Akademie für Kulturelle Bildung in Remscheid, weiß um die Wichtigkeit: „Der deutsche Markt ist jährlich mit 8  000 neuen Büchern für Kinder und Jugendliche unübersichtlich. Darunter ist viel Mainstream.“

Die Perlen herauszufiltern, ist die Aufgabe der Jury, die dieses Jahr 667 Titel unter die Lupe nahm. In fünf Sparten und zwei Sonderkategorien warten sieben Preise im Wert von 72 000 Euro und „Momo“, der Oscar für die Kinder- und Jugendbuchautoren.

Lichtenberg zählt zwar nicht zur neunköpfigen Kritikerjury, hegt aber als stellvertretende Bundesvorsitzende den Anspruch, alle 33 Bücher zu kennen, die bei Bilder-, Kinder-, Jugend- und Sachbuch sowie der Jugendjury (die sich aus sechs deutschen Leseclubs zusammensetzt) in die engere Wahl kommen.

Marie-Louise Lichtenberg gründete einen Leseclub mit vollem Erfolg

Bis heute brennt die pensionierte Hauptschullehrerin für das geschriebene Wort. Auf Wunsch ihrer Schulkinder gründete sie 2006 in Wermelskirchen einen Leseclub. „Do it - read a book“ sorgte bundesweit für Furore. Begeisterung für Bücher bei Hauptschüler(inne)n zu entfachen, schien unmöglich. „Es gab vorher nie einen Leseclub an einer Hauptschule“, blickt die 69-Jährige zurück. „Man hat uns das nicht zugetraut.“

Im Kollegium hielten sie anfangs einige für verrückt. Dass es die Schulaufsicht nicht für nötig hielt, auf ihre Mitteilung zu antworten, dass sich in Wermelskirchen ein Leseclub gegründet habe, wurmt Lichtenberg bis heute. Gleichwohl erreichte sie mit ihrer Beharrlichkeit Bahnbrechendes: Der Leseclub stellte nicht nur zwölf Jahre einen eigenen Wermelskirchener Kinder- und Jugendliteraturpreis auf die Beine, er war von 2007 bis 2010 auch Teil der Jugendjury auf der Frankfurter Buchmesse.

Allein die internationale Bühne gab den jungen Menschen viel Selbstvertrauen. Ein bewegender Ausspruch bleibt Lichtenberg präsent: „Eine meiner Schülerinnen erklärte mir auf der Buchmesse: Hier in Frankfurt sind wir wer, zurück in Wermelskirchen werden wir wieder die Hauptschul-Dummis sein.“ Äußerungen wie diese haben die unermüdliche Impulsgeberin bestärkt, den zwischen 40 und 60 Schüler starken Club, der sich auch samstags traf, bis zu ihrem Ruhestand 2017 zu fördern.

Lichtenberg holte den Nachwuchs in einer kritischen Phase ab: „Die Forschung hat herausgefunden, dass Jugendliche, die es über die Pubertät schaffen zu lesen, dabei bleiben.“ Das gelang bei vielen, die vor dem Leseclub noch nie ein Buch in die Hand genommen hatten: „Ich habe öfters Kinder Bücher streicheln sehen als Zeichen der Wertschätzung für etwas, was es in ihren Elternhäusern nicht gab.“ Den Wermelskirchener Leseclub gibt es heute noch, geleitet von Birgit Redicker (Sekundarschule).

Der Markt ist mit jährlich 8000 Büchern unübersichtlich.

Julia Abel, AKJ-Bundesvorstand

Julia Abel und Marie-Louise Lichtenberg lernten sich vor zwei Jahren bei einer Fachtagung für Leseförderung kennen. Für Abel, 46-jährige promovierte Literaturwissenschaftlerin, ist der Auftrag des AKJ auch ein berufliches Ziel: Kinder- und Jugendliteratur und literaturästhetische Bildung für Kinder und Jugendliche in Deutschland zu stärken.

Der Arbeitskreis mit Sitz in München gibt viermal im Jahr die Fachzeitschrift „JuLit“ heraus, organisiert bundesweite Seminare, Workshops und veröffentlicht im Herbst das Büchlein zu den Nominierungen, in dem Seite für Seite jedes einzelne preisverdächtige Buch in Frankfurt vorgestellt wird und für Eltern und Pädagogen einen Kompass durch die Flut der Neuerscheinungen bildet.

Der AKJ schickt auch die „Literanauten“ auf die Reise. Ein Programm, das vom Peer-to-Peer-Ansatz ausgeht: Leseaffine, in Leseclubs und Literaturjurys organisierte Jugendliche werden geschult, dann selbst als Multiplikatoren aktiv zu werden. Gemäß ihren Interessen entwickeln sie regionale Events und Formate, bei denen das Buch im Mittelpunkt steht.

Marie-Louise Lichtenberg gibt sich kein Limit. Ihre Gastdozendur an der Uni Köln zur Leseförderung von Kindern und Jugendlichen hat die Wermelskirchenerin Corona bedingt unterbrechen müssen, will diese aber gerade im digitalen Zeitalter weiter- und das Motto ihres Leseclubs fortführen: Trau dich, ein Buch zu lesen.

Der Arbeitskreis

Der Arbeitskreis für Jugendliteratur (AKJ) wurde 1955 als Dachverband der Kinder- und Jugendliteratur gegründet. 43 Mitgliedsverbände aus den Bereichen Bibliotheken, Bildung, Verlag, Forschung sowie 260 Experten der Kinder- und Jugendliteratur sind angeschlossen. Der fünfköpfige Vorstand wird für drei Jahre gewählt.

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