Roman

Remscheider Lehrer befasst sich in seinem Krimi mit Nazi-Vergangenheit im Bergischen

Der Autor Stefan Barz verwebt in seinem Kriminalroman „Die Schreie am Rande der Stadt“ Realität mit Fiktion. Foto: Roland Keusch
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Der Autor Stefan Barz verwebt in seinem Kriminalroman „Die Schreie am Rande der Stadt“ Realität mit Fiktion.

Stefan Barz hat seinen ersten Wuppertal-Krimi geschrieben – Lesungen bei Thalia und beim Lesefestival in Lennep.

Von Alexandra Dulinski

Remscheid/ Wuppertal. Mord ist moralisch verwerflich. Zumindest in einem Rechtsstaat, wie Deutschland heutzutage einer ist. Aber was bedeutet ein Mord in einem Unrechtsstaat, zur Zeit der Nationalsozialisten – wenn die Mörder selbst im Staat sitzen? Dieser Frage geht Stefan Barz, Lehrer für Philosophie und Deutsch am Remscheider Gertrud-Bäumer-Gymnasium, in seinem neuen Roman „Die Schreie am Rande der Stadt“ nach. Sein Krimi entführt nach Wuppertal im Jahr 1933, als kurz nach Hitlers Machtergreifung das Konzentrationslager Kemna in Beyenburg errichtet wird.

„Was in Auschwitz fortgesetzt wurde, hat in Kemna angefangen.“

Autor Stefan Barz

Im Jahr 1993, also 60 Jahre später, stößt der Protagonist Martin Tesche auf ein altes Tagebuch seines Vaters Johannes, der kurz zuvor gestorben ist. In den Aufzeichnungen findet Tesche Hinweise darauf, dass sein Vater im Jahr 1933 in einen Mord verstrickt gewesen sein könnte. Die Frage nach der Schuld seines Vaters lässt den Journalisten nicht los – und Martin Tesche wird selbst zum Ermittler.

Er taucht in die Geschichte der Wandervögel ein, eine Clique Jugendlicher, die 1933 gegen die Nazis rebellieren will. „Sie merken schnell, dass der Staat überall ist und sie vereinnahmen kann“, erklärt Stefan Barz. Verachten sie die Ideologien der Nazis noch so sehr, läuft einer der Freunde schließlich doch zur Hitlerjugend über. Ungewollt verstricken sich die Jugendlichen in Schuld – bis einer der Freunde – Johannes Tesche – im KZ Kemna landet und einer stirbt.

Erschreckend real beschreibt Stefan Barz die Folter im KZ – die Prügel und die Demütigung. Fast körperlich spürbar werden die Qualen, denen die Häftlinge ausgesetzt sind. Erschreckend ist auch das Wissen, dass sich die Szenen genau so abgespielt haben könnten – und haben.

Stefan Barz fing an, sich mit der Nazi-Vergangenheit des Bergischen Landes und der Stadt Wuppertal zu beschäftigen. Dabei stieß er auf Berichte ehemaliger Häftlinge, deren Erlebnisse er in seinen Roman eingeflochten hat. Ein Schauer sei ihm über den Rücken gelaufen, nachdem er eine Szene im Zwinger fertiggeschrieben hatte, gibt der Autor offen zu. Und nicht einfach sei es gewesen, nach dem Schreiben am Abend mit der Geschichte im Kopf ins Bett zu gehen. „Das ist im Buch zwar Fiktion, aber wirklich so passiert“, erklärt Stefan Barz. „Was in Auschwitz fortgesetzt wurde, hat in Kemna angefangen.“

Erschreckend sei es, dass das KZ nur ein halbes Jahr nach Hitlers Machtergreifung errichtet wurde. „Die Nazis haben von Anfang an gezeigt, welche Schreckensherrschaft kommt“, erklärt Barz.

„Die Schreie am Rande der Stadt“, wie der Titel lautet, spielt auf die Schreie der Häftlinge des KZ an, das ans Wohngebiet angrenzte. „Die Menschen müssen die Schreie gehört und von Anfang an mitbekommen haben, was da passierte“, erklärt Barz.

Das Jahr 1993, in dem Martin Tesche zum Tagebuch seines Vaters recherchiert, hat Stefan Barz keineswegs unbedacht gewählt. Zum einen war der heute 46-Jährige damals selbst im Alter seiner jungen Protagonisten. „Wie haben sich junge Menschen gefühlt, die den Umbruch in einen Unrechtsstaat erleben? Sie dürfen nicht sagen und denken, was sie wollen“, erklärt Barz.

Zum anderen sendet er eine Botschaft. Denn im gleichen Jahr fand der Brandanschlag auf eine Solinger Familie statt. „Ich will zeigen: Es ist nicht ganz vorbei, auch wenn wir in einer Demokratie leben“, sagt Stefan Barz.

„Die Schreie am Rande der Stadt“ ist Barz’ erster Roman, der in Wuppertal spielt. Bekannt ist der Autor und Lehrer für seine Eifel-Krimis. „Das Bergische Land ist ähnlich düster und idyllisch wie die Eifel“, sagt Barz.

Die Schreie am Rande der Stadt, ISBN: 978-3-95441-585-4; 12 Euro.

Lesungen

Am Mittwoch, 17. November, liest Stefan Barz aus „Die Schreie am Rande der Stadt“ um 18 Uhr im Thalia im Allee-Center. Um Anmeldung wird gebeten. Am Sonntag, 21. November, 19 Uhr, liest er beim Lesefestival in der Welle. Der Eintritt ist frei.

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