Deutsches Werkzeugmuseum

„Wir sind schon das Museum der Zukunft“

Anfassen und darüber begreifen, das macht es für Dr. Andreas Wallbrecht aus.
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Anfassen und darüber begreifen, das macht es für Dr. Andreas Wallbrecht aus.

Wie erreicht man Familien? Und wie viel Digitales muss eigentlich sein? Dr. Andreas Wallbrecht (61) erklärt.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Herr Dr. Wallbrecht, spielt der Museumsbesuch bei Familien und Schulen heute überhaupt noch eine Rolle?
Dr. Andreas Wallbrecht: Ja, absolut. Familien sind ein ganz entscheidender Faktor. Grundsätzlich versuchen wir, Angebote für die ganze Bandbreite zu liefern. Familien und Kinder sind dabei besonders wichtig, weil sie sich gegenseitig befruchten. Beispiel: Kinder, die bei uns einen Ferienkurs zum Schnitzen absolviert haben und zu Hause davon erzählen, bringen darüber oft ihre Eltern ins Museum. Das Prinzip funktioniert in beide Richtungen. Unsere Aufgabe ist es, diese Klientel zu bedienen.
Museumspädagoge Markus Heip berichtete zuletzt davon, dass Schulen immer seltener Führungen im Deutschen Werkzeugmuseum buchen.
Wallbrecht: Ja, das ist ein Problem. Es gibt nun mal keinen Eintrag im Curriculum. Schulen haben nicht die Verpflichtung, die Region zu vermitteln. Was wir machen können, ist, den Kontakt zu Schulen zu intensivieren. Nicht nur regionalgeschichtlich gibt es bei uns viel zu entdecken. Bei uns kann man auch Bruchrechnung und Mathematik machen, indem man zum Beispiel den Flaschenzug erklärt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Schulbesuche von handelnden Personen abhängen. Wenn wir gute Kontakte zu Lehrern aufgebaut haben, entwickelt sich daraus meist eine längerfristige Kooperation. Wir sind zudem gerade dabei, mehrere Kooperationen mit der Bergischen Universität auf den Weg zu bringen. Zum einen sollen dabei historische Archivalien aufgearbeitet werden. Zudem versuchen wir, gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Didaktik Lehrer ins Museum zu holen. Das begreifen wir als große Chance.
Wie könnte man die junge Zielgruppe für das Deutsche Werkzeugmuseum begeistern?
Wallbrecht: Ich glaube, wir haben bereits ein ganz gutes Programm mit vielen schönen Veranstaltungen für Kinder, die auch angenommen werden. Gerade haben wir ein Projekt gestartet, eine Art Schüler-Monopoly, mit dem Schüler spielerisch viel über ihre Stadt lernen. Aber auch Fragen vorkommen wie: Wie kann eine Firma wirtschaftlich agieren? Häufig wird es dabei so sein, dass nur drei bis vier Schüler im Museum sind und der Rest digital aus der Klasse zugeschaltet ist.
Wie wichtig ist das Digitale?
Wallbrecht: Wir gehen neue digitale Wege, um mehr Menschen zu erreichen. Mit Schulen erstellen wir dabei übrigens auch eigene Erklärvideos. Wir machen auch 360-Grad-Kamera-Projekte und arbeiten derzeit an einem digitalen Magazin mit 3-D-Scan-Dokumentation. Das Digitale ist schön und wichtig und wir machen es, weil wir hier genau auf den Erfahrungsschatz der Schüler treffen. Aber: Wir müssen unsere originären Aufgaben wie dem internationalen Museumstag oder dem Türöffnertag genauso weiter nachgehen. Hierbei können Kinder mitmachen und selbst erleben - und zwar am Originalobjekt. Es ist so viel wichtiger, einmal ein Objekt angefasst zu haben, anstatt es nur auf einem Bildschirm zu sehen. Das schafft einen ganz anderen Bezug.
Wie wichtig ist in dem Zusammenhang ein Museumspädagoge?
Wallbrecht: In meinen Augen unerlässlich. Die Inhalte des Hauses so zu verpacken, dass Eltern und Kinder sie gleichermaßen mit nach Hause nehmen und besser verstehen, das ist zwingend nötig.
Bei der Podiumsdiskussion zur Kulturellen Bildung in der Akademie vor zwei Wochen erklärte Markus Hilgert von der Kulturstiftung der Länder, dass sich Museen in Zukunft neu aufstellen sollten, wenn sie zum Dritten Ort werden wollen. Wie wird das Deutsche Werkzeugmuseum in Zukunft aussehen?
Wallbrecht: Ich habe nicht das Gefühl, dass wir da noch lange hin müssen. Wir sind doch ein Ort, an dem schon Kultur passiert. Und ein Ort, an dem man nebenbei noch etwas lernt. Das ist das Entscheidende, und das versuchen wir an ganz vielen Stellen zu machen: Namen in Kupferplatten schlagen, beim Tischler üben, wie man mit einer Säge umgeht oder das Fahrrad reparieren. Zu glauben, dass man nur digital etwas machen muss, ist falsch. Das Museum der Zukunft wird gar nicht so viel anders sein als das heutige. Das Entscheidende ist, dass wir Originalobjekte haben. Und daran geht kein Weg vorbei. Natürlich muss das gut verpackt werden.
Werden wir in ein paar Jahren auf einen Kurator und einen Depotleiter verzichten und stattdessen einen Experten für Digitales und einen Outreach-Agenten einstellen?
Wallbrecht: Aus meiner Sicht: ein ganz klares Nein. Wir müssen Qualität und Inhalte liefern, es muss anfassbar, erlebbar und lebendig sein, aber nie mit dem erhobenen Zeigefinger. Denn wenn es Spaß gemacht hat, wird der Besucher auch wiederkommen.
Warum ist es für das Werkzeugmuseum wichtig, auch ein Begleitprogramm von Senioren-Treff über Whisky-Tasting bis zum Ferienkurs für Kids anzubieten?
Wallbrecht: Klappern gehört zum Handwerk. Wir müssen präsent sein und immer wieder etwas Neues bieten. Unsere Erfahrung ist: Wenn neue Besucher zu uns gekommen sind, bringen sie auch im Anschluss wieder weitere mit. Das belohnen wir auch mit unserer Rabattmarkenkarte: Wer immer wieder kommt, erhält einen Anreiz.
Die Alkohol-Verkostungen standen zuletzt in der Kritik. Werden Sie daran festhalten?
Wallbrecht: Ja. Weil wir das Konzept der Verkostungen für richtig halten. Es bildet eine Facette unseres vielfältigen Programms ab, mit dem wir unterschiedliche Besuchergruppen ansprechen möchten. Und unsere Besucherzahlen sprechen für sich: In den vergangenen fünf Jahren konnten wir diese verdoppeln.

Geburtstag: Werkzeugmuseum feiert die Schnapszahl 55

Hintergrund

Sonderausstellung: Die aktuelle Sonderausstellung „Beitel - scharf und geschlagen“ wurde verlängert. Sie ist noch bis Januar 2023 zu sehen. Danach kommt die Ausstellung zum Thema „Nahtlos Fahrrad fahren - Mannesmann und die nahtlosen Rohre“.

Zur Person: Der gebürtige Niedersachse und studierte Archäologe Dr. Andreas Wallbrecht (61) leitet seit sieben Jahren das Historische Zentrum und das Deutsche Werkzeugmuseum. 2016 gründete er den Arbeitskreis Bergische Museen und die dazugehörigen Themenjahre mit.

Kontakt: Deutsches Werkzeugmuseum, Cleffstraße 2-6, Remscheid, Tel. (0 21 91) 16 25 19
werkzeugmuseum.org

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