Kultur im Bergischen

Prof. Dr. Keuchel: „Die Gesellschaft verhandelt nicht mehr“

Prof. Dr. Susanne Keuchel (55) leitet die Akademie der Kulturellen Bildung und ist Präsidentin des Deutschen Kulturrates. Foto: Roland Keusch
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Prof. Dr. Susanne Keuchel (55) leitet die Akademie der Kulturellen Bildung und ist Präsidentin des Deutschen Kulturrates.

Akademie-Leiterin Prof. Dr. Susanne Keuchel über die „Woke“-Bewegung, kulturelle Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Remscheid. Frau Prof. Dr. Keuchel, seit der Pandemie wird der Stellenwert von Kultur neu diskutiert. Wer braucht Kultur?

Prof. Dr. Susanne Keuchel: Wir alle. Eine Menschheit ohne Kultur geht gar nicht. In unserem alltäglichen Miteinander wäre eine Welt ohne Kultur und Künste nicht vorstellbar. Schreiben ist zum Beispiel eine Kulturtechnik. Musik hören, lesen. Wir reduzieren häufig den Kulturbegriff auf die klassischen Künste und den Besuch von Museum, Theater, Konzert. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Auch ein Computerspiel ist zum Beispiel ein Kulturgut. Es besteht aus Musik, einer Story, aus visueller Arbeit.

Die Digitalität spielt seitdem auch in der Kultur eine immer größere Rolle. Ist künftig eine friedliche Koexistenz von analogen und digitalen Angeboten möglich?

Keuchel: Absolut. Die Medienkunst hat bereits mit Aspekten experimentiert, als die Alltagstechnik im Umgang mit Medien noch gar nicht so weit war. Erst kam der Schreibstift, das Buch, dann die Schallplatte. Hier in der Akademie der Kulturellen Bildung, in der wir auch viel mit Fachverbänden der Kulturellen Bildung kooperieren, haben wir bereits lange vor der Pandemie einen ,Digitalpakt 2.0‘ gefordert, um uns besser technisch ausstatten zu können und auch zeitgemäßere kulturelle Bildungsangebote zu machen. Und das heißt nicht, etwas vom Analogen ins Digitale zu übertragen, sondern auch im Digitalen ganz neue Ausdrucksformen zu fördern. Und die Schnittstellen spielerisch zu vernetzen. Denken Sie an die Escape Rooms. In der Akademie hat sich vor ein paar Jahren der Bundesverband des Escape Rooms fürs pädagogische Arbeiten gegründet. Escape Rooms sind aus Atari-Spielwelten entstanden, ein Beispiel von Digitale ins Analoge. Spannend ist für uns die Frage: Was wird, wenn etwas vom Analogen ins Digitale übergeht oder andersherum?

Was fordern Sie genau im „Digitalpakt 2.0“?

Keuchel: Zum einen eine digitale Ausstattung analog zum ,Digitalpakt Schule‘ und Fortbildungen. Aber vor allem wollen wir auch einen dreijährigen Experimentierraum haben, kein fertiges Medienkonzept, weil wir glauben, dass wir noch gar nicht gute Formen im Bereich der Bildung für analog-digitales Arbeiten entwickelt haben. Zudem eine Re-Organisation von Einrichtungen. Dass eine Musikschule beispielsweise überlegt: Wo können wir digital zum Beispiel mit Tutorials arbeiten, wo analog? Wir sehen zudem noch großes Potenzial bei der digitalen Vernetzung. Wir fordern zudem Bildungsbündnisse: Dass zum Beispiel eine Musikschule mit einer Kita und einem Museum überlegt, wie man gemeinsam analog-digital arbeiten kann. Kurz vor dem Lockdown haben wir der Bundeskanzlerin vorgeschlagen, statt Schulen zu schließen, Schüler an verschiedenen Orten zu verteilen und sie digital zu verknüpfen. Das ist für mich auch ein Modell der Zukunft. Schulklassen selbst sind ja noch nach analogen Mustern geordnet – nach Wohnorten. Das müsste nicht sein, Klassen könnten digital sogar europäisch werden.

Sind die Forderungen erhört worden?

Keuchel: Nein, bis jetzt noch nicht. Denn was ist passiert? Man hat improvisiert. Unsere große Sorge ist jetzt, dass es heißt: ,Es hat doch funktioniert‘ und wir wieder hinter den Möglichkeiten im Bildungsbereich zurückbleiben.

Auch die Akademie der Kulturellen Bildung ist verstärkt ins Digitale eingestiegen. Wie genau?

Keuchel: Wir haben einen Fachbereich Medien. Der hat schon längst entsprechende Fachkräfte im Bereich Analog/Digital geschult. Aber mit Beginn der Pandemie haben wir bewusst angefangen, die analogen Fortbildungen in digitale Angebote zu überführen, was allerdings auch nur begrenzt möglich ist. Bei großen Tagungen mit internationaler Beteiligung, wie wir sie im Oktober hatten, ist ein hybrides Konzept extrem spannend. Solch eine Tagung in Pandemiezeiten wäre ohne das hybride System gar nicht möglich gewesen. Die technische Ausstattung hatten wir aber im Übrigen nur, weil wir einen Förderantrag bei ,Neustart Kultur‘ gestellt haben. Da kann man mal sehen, wie wichtig ein ,Digitalpakt 2.0‘ ist. Die Häuser sind noch nicht richtig ausgestattet. Unser Wunsch ist, langfristig hybrid zu arbeiten. Dafür brauchen wir aber die nötige Infrastruktur.

Sie sprechen auf den fehlenden Breitbandanschluss an, den Sie seit Jahren fordern. Man müsste meinen, für eine Bildungseinrichtung des Bundes und Landes müsste das selbstverständlich sein.

Keuchel: Ja. Seit mehr als sechs Wochen sind alle technischen Voraussetzungen vonseiten der Stadt geschaffen, alles ist verlegt. Man muss es quasi nur noch anschalten. Bei der Telekom fragen wir wöchentlich nach, es heißt, die Dokumentation sei noch nicht fertig. Am 11. Dezember haben wir wieder eine Tagung zum Thema Nachhaltigkeit zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Natur und Umweltbildung, die vermutlich komplett digital laufen wird. Da bangen wir schon wieder. Das wird grenzwertig. Wir kämpfen mit den letzten Ressourcen.

Sie haben auch verstärkt die Künstliche Intelligenz im Blick. Was ist hier geplant?

Keuchel: Wir hatten bereits ein KI-Ideenlabor. Dabei haben wir vier Experten aus der Mathematik, aus dem Kunstbereich, aus dem Ethik und aus der humanen, soziologischen Perspektive eingeladen. KI ist ja nicht KI. Im Januar haben wir eine analoge Veranstaltung geplant. Ziel ist die Frage: Wie kann man KI künstlerisch nutzen? Und ein Verständnis für die Möglichkeiten zu bekommen. Es ist zum Beispiele ein KI-Parcours im Theaterbereich umgesetzt worden: Kinder setzen dabei Brillen auf und werden durch den Parcours geleitet. Die Wahrnehmung ist dabei ganz anders.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: „Digitalität ist. . .“

Keuchel: . . .ein kultureller Erweiterungsraum.

Das Leitthema des aktuellen Akademie-Programms lautet „Woke“. Wofür steht es?

Keuchel: Es kommt aus der ,Black-Life-Matters‘-Bewegung. In Deutschland ist es 2020 oder 2019 im Feuilleton aufgetaucht. Dort hieß es, es gäbe eine Ablösung vom Hipster zur ,Woke‘-Generation. Man kann sich darüber durchaus streiten. Was man als Phänomen bei der jungen Generation beobachten kann, ist eine starke Sensibilität für die Themen Diversität und Nachhaltigkeit. Es hat immer Jugendbewegungen gegeben, zum Beispiel die 68er. Da hat man demonstriert, gekämpft. Jetzt konzentriert sich der Kampf sehr auf das soziale Umfeld. Es wird in den sozialen Medien öffentlich gemacht, bis hin zum Shitstorm, was zum Teil heftige Auswirkungen hat. Das hat auch den Kulturbereich erreicht. Ich sehe es zwiegespalten: Es passieren Ungerechtigkeiten. Bei der Repräsentanz von Menschen in Vielfalt haben wir ein strukturelles Problem. Die Künste haben auch einen fiktiven Charakter, hier sollte alles denkbar und verhandelbar sein, beispielsweise die Rollenbesetzung einer deutschen Bundeskanzlerin durch eine Schauspielerin mit Migrationshintergrund. Da gibt es noch viel kulturellen Aushandlungsbedarf. Ich sehe mit großer Sorge, dass die Gesellschaft derzeit sehr polar agiert statt in Aushandlungsprozesse zu gehen.

Das wurde durch die Pandemie noch verstärkt.

Keuchel: Ja. Das sieht man in vielen Themen, bei rechten und linken Lagern, es spaltet sich in zwei Richtungen. Das bringt uns aber grundsätzlich nicht weiter. Wenn der Umgang mit Vielfalt nur noch zur Last wird, machen wir in der Gesellschaft etwas falsch. Wir sollten uns auf die Stärken und Vorteile aktueller Herausforderung wie Diversität oder Nachhaltigkeit fokussieren.

Sie sind auch Präsidentin des Deutschen Kulturrates. Wie viel Einfluss hat dieser auf die Politik?

Keuchel: In der Pandemie war es sehr wichtig, dass der Kulturrat exisitert hat, um die verschiedenen Lagen der Künstler und Kulturschaffenden deutlich zu machen und mit zu unterstützen, dass Programme passgenau für sie sind. Stichwort: Solo-Selbstständige. Das hat langes Ringen gekostet, um dafür zu sensibilisieren. Was wir auch merken: In der Kultur und in der kulturellen Bildung wandern Fachkräfte ab. Künftig wird es sehr wichtig sein, dass die Rahmenbedingungen besser werden.

Die Angebote der Akademie richten sich in erster Linie an Pädagogen. Unter dem Titel „Akademie Regio“ bieten Sie aber auch Angebote für jedermann. Warum?

Keuchel: Das ist für uns ein Lernfeld. Wir stärken in der Akademie Menschen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Darüber hinaus ist es auch wichtig – das wissen wir aus der kulturellen Bildungsforschung –, das Umfeld und die Eltern zu erreichen. Wenn Kinder tanzen, Klavier und Theater spielen und dies findet keine Anerkennung im sozialen Umfeld, machen sie nicht weiter, auch wenn es Angebote gibt. ,Akademie Regio‘ erreicht einen regionalen, sozialen Raum mit anderen Angeboten als zum Beispiel eine VHS.

Zur Person

Prof. Dr. Susanne Keuchel (55) wurde in Ratingen geboren. Sie hat in Bonn Musikwissenschaft studiert, Nebenfächer: Germanistik und Soziologie. Während des Magisters hat sie sich schon auf empirische Musikforschung konzentriert. Parallel dazu hat sie an der TU Berlin ein empirisches Musikforschungsprojekt im pädagogischen Kontext durchgeführt. Titel der Doktorarbeit: „Audiovisuelle Musikrezeption im Spielfilm“. Keuchel wurde Direktorin am Zentrum für Kulturforschung. Seit Dezember 2013 ist sie Leiterin der Akademie der Kulturellen Bildung. Zudem ist sie Präsidentin des Deutschen Kulturrates. Sie lebt in Bonn.

kulturellebildung.de

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