Runder Geburtstag

Das WTT – 70 Jahre Leidenschaft für das Theater

Eine Szene aus „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist, aufgenommen in den 1970ern. Der Theater-Gründer Wilhelm Michael Mund spielte selbst die Hauptfigur – zu sehen auf der Empore in der Mitte. Foto: RGA-Archiv
+
Eine Szene aus „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist, aufgenommen in den 1970ern. Der Theater-Gründer Wilhelm Michael Mund spielte selbst die Hauptfigur – zu sehen auf der Empore in der Mitte.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
    schließen

Was in den Trümmern des alten Stadttheaters nach dem Krieg begann, hat sich zum Kulturgenuss für die ganze Familie entwickelt.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Die Erfolgsgeschichte von einem kleinen, aber feinen Theater begann vor sieben Jahrzehnten, kurz nach dem Krieg. Und auch heute ist das Feuer der Leidenschaft für das Theater immer noch zu spüren: Das Westdeutsche Tourneetheater, kurz WTT, feiert dieses Jahr 70. Geburtstag. Auch wenn die große Feier coronabedingt ausfällt, möchte der Tüpitter auf die Erfolgsgeschichte zurückblicken. Und sie ist noch nicht zu Ende.

1950 Remscheid war im Krieg zu 80 Prozent zerstört worden. So auch das einstige Stadttheater. Hier hatte es vor dem Bombenangriff ein eigenes Ensemble gegeben. Nun lag also auch das kulturelle Leben brach. Bis der damalige Leiter des Kulturamtes, Heinz Ludwig Roux, auf Wilhelm Michael Mund traf und ihn fragte, ob er nicht ein neues Theater aufbauen wolle. Mund hatte in Cuxhaven bereits erfolgreich ein Theater aufgezogen. Mund stimmte zu – die Remscheider Bühne GmbH wurde geboren. Sie spielte unter anderem in den Trümmern des zerbombten Stadttheaters die Euripides-Tragödie „Die Troerinnen“. Im gleichen Jahr starteten die Rittersaalspiele auf Schloss Burg.

Gerade in Kanada angekommen: Das WTT, das damals noch nicht so hieß, auf einer seiner Tourneen Mitte der 50er Jahre.

1954 Als die Stadt Remscheid ihren Theaterneubau vollendet hatte, konnte sie sich nicht zu einer Übernahme der Remscheider Bühne GmbH als eigenes Ensemble entschließen. Wilhelm Michael Mund war sauer. „Remscheid ist zu klein für zwei Theater“, habe er damals gesagt. Wagte aber dann doch den Schritt in die private Theaterleitung ohne jeden städtischen Zuschuss. Im alten Schauspielhaus vermietete ihm die Stadt Räume für Proben und Garderobe. „Zu dem Zeitpunkt spielten Mund und seine Truppe in Turnhallen, in Schulen, auf Märkten“, erzählt die heutige WTT-Intendantin Claudia Sowa (42).

1958 Die ersten Gastspiele im Auftrag des Goethe-Instituts führten das Ensemble bis in die USA und nach Kanada. „Das war eine richtig große Nummer damals“, sagt Sowa. Es habe zu dieser Zeit kaum Tourneetheater gegeben. Bekannt war neben dem Remscheider Ensemble noch das Eurostudio Landgraf. Die Tourneen wurden schnell zur Haupteinnahmequelle. In Remscheid wurde noch geprobt und geplant, aber nicht gespielt. Fortan trug das Theater den Namen Westdeutsches Tourneetheater. „Von den 50er bis in die 80er spielte man weit über 200 Gastspiele im Jahr – auch in Kirchen oder Kasernen. Heute sind es nur noch etwa 30 im Jahr“, erzählt Claudia Sowa. Ein kompletter Wandel also.

Matthias Clauß (v.), hier in „Einer flog über das Kuckucksnest“, war viele Jahre Schauspieler am WTT. Clauß war eine Zeit lang auch Mitinhaber. 2015 starb er.

1963 Als die Seilenfabrik Helmrich aus ihren alten Gebäuden an der Bismarckstraße auszog, stellte sie die Fabrik dem WTT für eine kleine Miete zur Verfügung. Das „Theater im Studio“ entstand. Dazu Probenräume, Schneiderei, Büros und Archiv. Man spielte zunächst nur zwei bis drei Mal vor einer Hand voll Gäste zur Probe – und zog dann mit den Stücken in die Welt hinaus.

1970 Die Stadt Remscheid engagierte das WTT für Spiele in Grund- und Hauptschulen, um Schüler an die Welt des Theaters heranzuführen – die Schultheaterform erhielt den Namen „Remscheider Modell“. Zu dieser Zeit baute Mund auch gezielt die Kindertheaterinszenierungen auf. Er selbst schrieb zahlreiche Märchen unter dem Pseudonym Helmut Manders. Aufwendige Auslandstourneen gab es nun nicht mehr. „Es wurde sukzessive weniger. Zum einen, weil es mehr Anbieter gab und zudem mehr Freizeitangebote, zum anderen, weil sich viele Städte selbst Bauten mit eigenen Theaterprogrammen genehmigten“, erklärt Sowa.

Der bekannte Künstler Otmar Alt kreierte in den 90ern für das „Miezical“ diese bunten Kostüme.

1980 Der WTT-Gründer starb. Seine Witwe Blanca Blacha Mund übertrug Jaschi Jaschinski die Leitung des Theaters, bei dem er bereits seit zehn Jahren spielte. 

1983 Nach dem Tod von Hans Dräger, dem Verwaltungsleiter des Theaters, stand das WTT durch seine hohe Verschuldung vor der Schließung.

1984 Zur Überraschung des Theaters setzten sich viele Bürger vehement für den Fortbestand des WTT ein. 1984 entschloss sich der Stadtrat daraufhin zur Subventionierung des kleinen Theaters an der Bismarckstraße. Fortan wurde es zu 50 Prozent mit städtischen und Landesmitteln bezuschusst. „Bis dahin war es ein rein privatwirtschaftliches Unternehmen“, sagt Sowa. Seitdem wurde auch der Spielplan immer mehr auf Remscheid zugeschnitten. Diese finanzielle Förderung gibt es heute immer noch – unterstützt vom Förderverein, Privatspendern und Unternehmen wie Vaillant.

Heute stehen viele Kinderstücke auf dem Programm des WTT.

1989 Der Adoptivsohn Wilhelm Michael Munds, der zuletzt die Geschäftsführung innehatte, verließ die Stadt. Die WTT-Zukunft stand erneut infrage. Jaschi Jaschinski und Charakterdarsteller Matthias Clauß wollten das Theater erhalten. Sie machen weiter – und gewannen einen „alten Theaterfuchs“ hinzu: Karlheinz Komm. Das WTT durchlebte Höhen und Tiefen. Nicht immer konnten alle Schauspieler bezahlt werden. Das Geld war immer knapp. „Es gab viel Hausgemachtes. Dem Geschick des Gründers und der Leidenschaft des Teams ist es geschuldet, dass es das WTT heute noch gibt“, betont Sowa.

2005 Wolfgang Eysold übernahm die Intendanz bis 2010. 

2010 Claudia Sowa wurde Intendantin des WTT, in dem sie bereits seit 2004 als Disponentin arbeitete. 

Seit 2010 Intendantin: Claudia Sowa (42).

2020 Heute hat das WTT sieben festangestellte Mitarbeiter und sechs Honorarkräfte. 120 Veranstaltungen werden in Remscheid und Umgebung gespielt, 30 auswärts. Der Schwerpunkt liegt auf der Arbeit mit Schulen und dem Kindertheater. „Ich finde es sehr sinnvoll, für junge Menschen Theater zu machen“, sagt Sowa. Dennoch wird auch für Erwachsene etwas geboten. Vor allem Senioren halten dem WTT die Treue. „Wir kennen viele ihnen.“ Die Tage erst habe eine ältere Dame wortlos einen Umschlag im Büro abgegeben. Darin enthalten war eine stattliche Summe. „Dafür möchten wir uns herzlich bedanken. Offenbar haben wir ihr mit unserem Tun eine Freude bereitet. Das rührt uns sehr.“

Die Fakten

Adresse: Westdeutsches Tourneetheater, Bismarckstraße 138, Remscheid

Kontakt: Tel. (0 21 91) 3 22 85; E-Mail:

info@wtt-remscheid.de

Internet: Das WTT hat eine Internetseite:

www.wtt-remscheid.de

und ist im sozialen Netzwerk Facebook vertreten.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare