Ausstellung

Hier lebt Wülfing in Kunstwerken wieder auf

Ute Keller, Christine Thomssen-Betz und Renate Schwenteck (v. l.) haben ihrer Intuition für die Ausstellung freien Lauf gelassen. Foto: Roland Keusch
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Ute Keller, Christine Thomssen-Betz und Renate Schwenteck (v. l.) haben ihrer Intuition für die Ausstellung freien Lauf gelassen.

Ausstellung „Tradition – Generation – Intuition“ wird morgen im Wülfingmuseum in Dahlerau eröffnet – Auch Kinder machen mit.

Von Melissa Wienzek

Radevormwald. Eifrige Hände, die Fäden spannen, eine Spule, auf der kleine Kollegen sitzen, rostige Häuschen in der Arbeitersiedlung: Mit viel Liebe und Blick fürs Detail lässt Christine Thomssen-Betz die einstige Textilfabrik Johann Wülfing & Sohn in ihren Installationen wieder lebendig werden. Dabei haucht sie den originalen Gegenständen aus dem Lager des Wülfingmuseums neues Leben ein – genauso wie Malerin und Fotografin Ute Keller aus Wermelskirchen und Schmuckdesignerin Renate Schwenteck aus Remscheid.

Gemeinsam eröffnen sie am morgigen Sonntag, 1. Mai, die Ausstellung „Tradition – Generation – Intuition“ mit einer Vernissage im Wülfingmuseum in Dahlerau. Unterstützt werden sie dabei auch von den Kindern der Kunstwerkstatt „Rhythm and Arts“ sowie von Künstler Daniel Kathalynas aus Albuquerque, USA. Er hat für die Ausstellung einen dreiminütigen Stop-Motion-Film entwickelt, in den er sagenhafte 3457 Einzelbilder einbrachte. Vier Wochen lang, rund um die Uhr, hat der amerikanische Künstler, der bereits Filmwettbewerbe gewonnen hat, gemeinsam mit einer Partnerin an dem Film gearbeitet. Und das alles, obwohl er noch nie in Radevormwald war. „Er hat sich von mir anstecken lassen und brennt für die Sache“, sagt Ute Keller, die im eigentlichen Leben Webdesignerin ist.

Für die Ausstellung durften die drei Frauen, die sich von der „Weiberwirtschaft“ kennen, kistenweise Material aus dem Museum mitnehmen. „Die Vereinsmitglieder sind uns unheimlich entgegengekommen“, sagt Christine Thomssen-Betz, die nicht nur Leiterin einer Rader Kindertagespflege, sondern auch Kunsttherapeutin und siebenfache Mutter ist.

Sie hat allein zwei Metallkisten geschichtsträchtiges Material in ihr Atelier an der Kaiserstaße gebracht. In den selbst gebauten Holzwebrahmen mit dem alten Leinentuch, das sie in Teile schnitt, einfärbte und vernähte, hat sie rund 20 Stunden Handarbeit investiert. Auf die niedlichen kleinen Häuser der Arbeitersiedlung ließ sie erst Eisenpulver rieseln und gab anschließend Tag für Tag Essig darauf – so setzten sie eine schöne Patina an. Alle zwölf Installationen stehen bei der Künstlerin und Leiterin der Kunstwerkstatt „Rhythm and Arts“ unter dem Thema „Leben und Arbeiten“. „Auf der einen Seite die Fabrik, auf der anderen haben die Menschen gelebt, dazwischen das Wasser – das finde ich einfach spannend“, sagt die gebürtige Lüttringhauserin, die heute in Radevormwald lebt.

Die Atmosphäre in der Malschule war besonders.

Christine Thomssen-Betz

Für ihre Werke ist sie tief in die Geschichte der Tuchfabrik Johann Wülfing & Sohn eingestiegen, die 1674 in Lennep gegründet wurde und 1996 für immer ihre Tore als eines der letzten deutschen Opfer im Konkurrenzkampf der internationalen Textilindustrie schloss. „Die alten Betriebszeitschriften habe ich nur so verschlungen“, sagt sie.

Auch die neun Kinder zwischen 6 und 15 Jahren aus ihren Malkursen sind in der Ausstellung vertreten. Sie haben zum Beispiel Wachs aus dem Museum, das einst zum Gängigmachen der Garne verwendet wurde, eingeschmolzen und auf Luftballons platziert – der so entstandene Kobel wurde dann mit Perlen verziert. Papiercollagen und Patchworkelefanten aus Stoffen entstanden für die Ausstellung. Und auch die „arbeitenden Hände“, die das Garn wie beim Gummitwist-Spiel halten. „Die Atmosphäre in der Malschule war dabei schon besonders“, sagt Thomssen-Betz. „Die Kinder wurden teilweise richtig hibbelig.“ Denn sie haben mit ihren eigenen Händen etwas erschaffen. Und, klar: Wann darf man seine Werke schon mal neben denen von Künstlerinnen zeigen?

Wobei sich Renate Schwenteck jedoch nicht so nennen möchte. „Ich bin eine Verwandlerin, keine Künstlerin“, sagt die 73-Jährige, die sich aus dem Museum eine Spule und weiteres Metall mitnahm. „Trashcore“ nennt sich die Metamorphose von Schrott zu neuem Leben. In Fall von Renate Schwenteck wurden daraus Ketten. Ihre „Objets trouvés“ findet sie in Restekisten von Schlossereien, auf dem Schrott – oder beim Essen. „Aus einer Kaninchenschulter habe ich schon Ohrringe gemacht“, erzählt die gelernte „Industriekaufmann“. Auf den „Mann“ legt die Remscheiderin, die in einem Kloster vergolden lernte, Wert. Schmuck aus Hummerscheren, ein vergoldetes Handy – Upcycling pur. Seit zehn Jahren schenkt sie den Dingen ein zweites Leben – und verwendet dabei auch gern Steine und Mitbringsel von ihren Reisen in über 90 Länder. „Wenn man diesen Schmuck trägt, wird man selbst zum Kunstobjekt“, sagt sie. Man muss sich nur trauen.

Ute Keller zeigt in „Tradition – Generation – Intuition“ 18 Monoprints und Aquarelle. Teilweise hat sie dafür Fotos im Museum gemacht. Keller, die aus der Fotografie kommt, ist erst seit 1,5 Jahren als Malerin unterwegs. „Die Monoprint-Drucktechnik beherrscht sie schon besser als ich“, sagt Thomssen-Betz. „Ich habe es schon 100 Mal versucht, Ute setzt sich aber offenbar viel intensiver damit auseinander – oder hat mehr Durchhaltevermögen.“

Die Ausstellung

Vernissage: Sonntag, 1. Mai, 14 Uhr mit Sektempfang und Snacks. Hier wird auch der Stop-Motion-Film von Daniel Kathalynas gezeigt. Für Insturmentalmusik plus Gesang sorgen Florin, Dana und Robert Stanescu aus Wuppertal.

Dauer: Zu sehen ist „Tradition – Generation – Intuition“ im Wülfingmuseum, Am Graben 4-6 in Radevormwald-Dahlerau, bis 30. Juni jeden Sonntag von 11 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung: Tel. (0 21 91) 6 92 28 51.

Making-of: Einblicke unter kunstgehtweiter.de

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