Interview

Er will die Orchesterakademie ausbauen

Tilla Clüsserath war 19 Jahre Geschäftsführerin der Orchesterakademie. Sie widmet sich neuen Aufgaben und übergibt nun an Christian Leschowski, der auch Oboist bei den Symphonikern ist.
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Tilla Clüsserath war 19 Jahre Geschäftsführerin der Orchesterakademie. Sie widmet sich neuen Aufgaben und übergibt nun an Christian Leschowski, der auch Oboist bei den Symphonikern ist.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Christian Leschowski übernimmt von Tilla Clüsserath – Wie Bergischen Symphoniker von den Stipendiaten profitieren.

Herr Leschowski, Sie sind neuer Geschäftsführer der Orchesterakademie und folgen damit auf Tilla Clüsserath, die nach 19 Jahren das Amt nun weitergegeben hat. Was ist die Orchesterakademie genau?

Christian Leschowski: Die Orchesterakademie gibt es seit 1999. Bislang wurden hier 145 Stipendiaten ausgebildet, in der Regel vier bis sechs pro Jahr. Ein Jahr lang arbeiten die jungen Musikerinnen und Musiker studienbegleitend bei uns im Orchester mit und sammeln so erste Erfahrungen in einem Berufsorchester. Ich kümmere mich als Geschäftsführer gemeinsam mit dem Akademievorstand um Almuth Wiesemann um die Belange der Stipendiaten, kümmere mich um die Finanzierung und um Sponsoren, organisiere Konzerte und begleite die Stipendiaten in ihrem künstlerischen Alltag. Die Orchesterakademie wird von den Musikern der Bergischen Symphoniker auf ehrenamtlicher Basis organisiert und begleitet: Musiker stehen Pate für die Stipendiaten.

Sie dürfen ein Jahr lang Bergische Symphoniker sein

Wie läuft das Auswahlverfahren ab?

Leschowski: Wir schreiben die Akademistenstellen öffentlich aus, dann bewerben sich die Studenten, die immatrikuliert sein müssen, darauf. Wir laden sie dann zu Probespielen ein, bei denen sie vor Orchestermusikern vorspielen. Danach stimmen wir im Orchester demokratisch ab. Wer ausgewählt wird, darf ein Jahr lang bei uns mitarbeiten. In den Konzerten ist eigentlich immer einer von ihnen dabei – so auch bei der Operngala.

Warum sollten die Bergischen Symphoniker unbedingt solch eine Akademie haben?

Leschowski: Ich bin davon überzeugt, dass es eine absolute Win-Win-Situation für alle ist. Die Bergischen Symphoniker profitieren ganz großartig durch das Können der jungen Akademisten – sie bringen viel Idealismus in den Orchesteralltag. Das ist das, was wir immer wieder als Musiker brauchen: die Beschäftigung mit der Musik, das Beste herauszuholen. Da ist es toll, wenn man junge, dynamische Kollegen hat, die einen motivieren. Für sie ist eine ganz ganz wichtige Erfahrung, im Orchester zu spielen. Denn im Studium werden sie zu Top-Musikern ausgebildet, die ihr Instrument beherrschen, aber in einem Orchester zu spielen, lernen sie dort nicht. Hier setzt unsere Akademie an. Wir möchten ihnen helfen, hervorragende Orchestermusiker zu werden. Denn das möchten sie ja auch. In einem Orchester ist es wichtig, dass die Chemie untereinander stimmt. Ein Orchester ist Teamwork bis ins Detail.

Ist es schwierig, einen festen Job in einem Berufsorchester zu bekommen?

Leschowski: Das ist instrumentenabhängig. Beispiel: Wir besetzen derzeit eine Soloflöte neu. Es gab 98 Bewerbungen auf die Stelle. Zu meiner Zeit damals waren es 56. Die Konkurrenz ist erdrückend hoch. Daher ist es auch so wichtig, Erfahrung in einem Orchester zu sammeln, wie es unsere Stipendiaten tun. Von den 98 Bewerbern laden wir 20 ein – und die sollten bereits orchestrale Erfahrung haben. Deutschland ist führend in der Ausbildung klassischer Musiker, Studenten aus der ganzen Welt zieht es zu uns. Auch wir Bergischen Symphoniker haben internationale Studenten.

Gerade haben vier neue Stipendiaten ihre Arbeit aufgenommen, eine fünfte Stelle wird noch besetzt. Alle treten bei Sponsorenkonzerten auf. Wie wichtig ist das Zusammenspiel von Kultur und Wirtschaft?

Leschowski: Ich finde, Kultur lebt vom ständigen Austausch. Nur Kunst um des Kunst willens finde ich langweilig. Bei den Kammerkonzerten haben unsere Förderer exklusive Einblicke, es ist immer ein sehr intimes Erlebnis. Kultur kann nicht ohne Förderer. Richtig gut wird es erst im Zusammenspiel. Nur allein im Zimmer zu spielen, das ist nicht der gesellschaftliche Wert, den die Musik hat. Wir geben als Musiker alles dafür, um sie gut vermitteln zu können. Gleichzeitig benötigen wir die Unterstützung und die Neugier des Publikums. In Solingen und Remscheid haben wir sehr treue Förderer aus der Wirtschaft, Stiftungen, private Spender, worüber wir sehr dankbar sind. Wir freuen uns sehr, wenn wir uns bei diesen Konzerten noch besser kennenlernen können. Es ist schön, mit der Musik etwas zurückgeben zu können.

Hinzu kommt dann noch eine Dirigierstipendiatin.

Leschowski: Richtig. Das war damals, als wir die Ausbildung begonnen haben, etwas Einzigartiges in Deutschland. Das Dirigierstipendiat nur für Frauen hat einen hohen Stellenwert. Denn lange Zeit war das Dirigieren in Deutschland in männlicher Hand. Unsere Dirigierstipendiatinnen werden von unserem Generalmusikdirektor Herrn Huppert persönlich betreut. Manche haben richtig Karriere gemacht: Sie dirigieren in Bayreuth und das Birmingham Orchestra. Darauf sind wir extrem stolz.

Was haben Sie in Zukunft mit der Akademie vor?

Leschowski: Da wir so einen großen Andrang auf unsere Ausbildungsplätze haben, würde ich sie gerne vergrößern – von vier bis fünf Plätze auf sechs bis sieben. Das geht aber nur in Zusammenarbeit mit den Förderern und Freunden der Akademie. Wenn wir mehr ausbilden, können wir als Orchester auch stärker profitieren.

Zur Person

Christian Leschowski (38) wurde in Weimar geboren und spielte sein erstes Instrument mit vier Jahren. In Leipzig und Köln studierte er Oboe, war in der Hochbegabtenförderung Villa Musica und der Yehudi-Menuhin-Stiftung. Nach einem Zeitvertrag als Oboist beim Beethoven-Orchester Bonn kam er 2009 zu den Bergischen Symphonikern. Hier spielt er nicht nur Oboe, sondern organisiert auch das Format „On Fire!“, jetzt engagiert er sich auch in der Orchesterakademie. Nebenbei dirigiert und leitet der 38-Jährige, der mit seiner Familie in Solingen lebt, den Ohligser Musikverein. „Ich möchte als bergischer Musiker in der Region wirken.“

orchesterakademie.org

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