Pandemie

Den Chören geht während Corona die Puste aus

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Der MGV Dhünn – Liedertafel 1845 ist der älteste Chor im Verbandsgebiet. Er ist 177 Jahre alt. Hier bei einer Sängerreise nach Tirol 2019.

Keine Auftritte, keine Proben: Die Pandemie befeuert den Trend des Chorsterbens. Der älteste Männergesangverein hält aber fest zusammen.

Von Melissa Wienzek

Remscheid/Wermelskirchen. Das Virus mit den sechs Buchstaben hat eine Entwicklung im Kulturbereich nochmals befeuert: das Chorsterben. Es fehlt ohnehin an Nachwuchs, und dann kam das Proben- und Auftrittsleben in den vergangen zwei Jahre obendrein nahezu zum Erliegen. „95 Prozent der Konzerte, Feste, Treffen und Ehrungen sind bislang weggefallen“, berichtet der Vorsitzende des Chorverbands Bergisch Land Remscheid, der Remscheider Wolf-Dietrich Hörle (69). Dem Verband, dem 28 Mitgliedschöre angehören, sind ebenfalls die Hände gebunden: Er kann keine Auftritte ermöglichen, kann keine Wünsche erfüllen, kann sich nicht kümmern. Auch Ehrungen sind nicht drin. „Auf meinem Tisch liegen noch die Urkunden von 2020“, sagt Hörle.

Wolf-Dietrich Hörle, Vorsitzender (69) des Chorverbands Bergisch Land Remscheid.

Ein Jahr vor der Pandemie hatten sich bereits drei Chöre von den Konzertbühnen verabschiedet: der Gus Anton Kammerchor, der Remscheider Volkschor und der Männergesangverein Burg an der Wupper 1846. 2020 gaben dann der Kammerchor des MGV Niederwermelskirchen 1909 und der Vaillant-Werkschor „Osterhase“ auf. Vergangenes Jahr löste sich schließlich der Frauenchor „Hobby Singers“ Radevormwald auf. An diesem Neujahrstag hatte auch der älteste Chor Solingens das Liedbuch geworfen – mit dem Aus des Bergischen Männerchors Solingen 1801 stirbt ein Stück Kulturgeschichte.

Während es Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Chorbewegung im Zuge der Industrialisierung als Ausgleich für die arbeitenden Männer immer größer wurde, noch normal war, dass ein Männerchor 120 Personen umfasste, sind es heute mal glatt 100 weniger.

Die Frauenchöre haben noch die besten Karten.

Wolf-Dietrich Hörle

Das grundsätzliche Problem: 80 Prozent der Sängerinnen und Sänger in den Chören sind laut Wolf-Dietrich Hörle zwischen 70 und 85 Jahre alt. „Wir haben nur wenige junge Chöre.“ Die „Young Voices“ der Musik- und Kunstschule reißen den Schnitt nach unten: Er ist der einzige Kinderchor Remscheids. Der Nachwuchs wünscht sich zudem englische Lieder, Musicals & Co. Aber nicht jeder Traditionschor hat dies in seinem Repertoire.

Den größten Anteil haben laut Hörle immer noch die Männerchöre, gefolgt von den Frauenchören. Gemischte Chöre machten etwa ein Viertel der Gesangslandschaft aus. „Wobei die Frauenchöre dabei noch die besten Karten haben“, erklärt der Vorsitzende des Chorverbands, der selbst die Remscheider Dis-Harmoniker leitet. Warum? „Sie schrumpfen nicht so schnell wie Männerchöre.“ Denn Frauen werden nun mal erwiesenermaßen älter als Männer – und sind damit auch länger im Leben aktiv.

Auch den gemischten Chören sterben damit die männlichen Stimmen weg. Dann ergibt sich folgendes Problem: „Die Sängerinnen, die dann übrig bleiben, müssen völlig neue Chorsätze proben.“ Denn während der 1. Tenor, die höchste Stimme, beim Männerchor an erster Stelle stehe, ist er im gemischten Chor die dritte Singstimme. Fusionen sind darüber hinaus eine Seltenheit, sagt Wolf-Dietrich Hörle.

Und nun hat Corona die Situation noch einmal verschärft. Wie in vielen anderen Bereichen auch. „Manche ältere Menschen haben sich daran gewöhnt, nicht mehr zur Probe zu fahren und haben sich aus dem Chor abgemeldet“, berichtet der Verbandsvorsitzende. Denn seit fast zwei Jahren liegt der Chorgesang völlig brach. „Die Pandemie hat uns dramatisch getroffen“, sagt Wolf-Dietrich Hörle. Bestimmungen änderten sich quasi im Tagesrhythmus, die Sängerinnen und Sänger blickten nicht mehr durch. In Wermelskirchen galt beispielsweise etwas anderes als in Remscheid. Die Idee, über Zoom online zu proben, scheiterte. „Dies ist nicht praktikabel. Erklären Sie das mal einem über 75-Jährigen.“ Und dann kam auch noch das Imageproblem hinzu. „Wir Sängerinnen und Sänger waren in der Pandemie die Bösen.“ Aktuell werde so gut wie gar nicht mehr geprobt.

Ein Umstand, den auch Wolfgang Weber schmerzlich vermisst. Er leitet den ältesten Chor im Verbandsgebiet, den MGV Dhünn – Liedertafel 1845. Dieser ist also bereits 177 Jahre alt – und will auch weiter die Fahne des Gesangs hochhalten. „Wir tauschen uns in zwei Whatsapp-Gruppen aus, um Kontakt zu halten. Man trifft sich seit über 50 Jahren jede Woche einmal, man kriegt mit, wie die Kinder groß werden. Das fehlt jetzt.“ Denn es sei die Gemeinschaft, die einen Chor präge. Mit 28 Sängern sei man noch relativ gut aufgestellt. Aber auch hier fehle natürlich der Nachwuchs – der Jüngste ist 35, der Älteste 85.

Momentan schicken sich die Männer gerne Fotos ihrer Sängerreise nach Tirol 2019 zu – und schwelgen dann nicht nur in Erinnerungen, sondern motivieren sich damit vor allen Dingen, weiter durchzuhalten.

Der Verband

Dem Chorverband Bergisch Land Remscheid gehören 28 Mitgliedschöre an. Er ist Ansprechpartner in allen Fragen, ermöglicht Auftritte und ehrt Sängerinnen und Sänger. Seit 2017 ist der Remscheider Wolf-Dietrich Hörle (69) Vorsitzender. Man hofft, im Sommer eine Jahreshauptversammlung samt Neuwahlen abhalten zu können.

www.cv-bergischland.de

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