Buchveröffentlichung

Der Charme flüssigen Satzbaus überwältigt

Stand mit dem Debüt-Roman schon Wochen vor dem offiziellen Erscheinen auf der Short-List der Berlinale: Tom Saller. 

Freitag erscheint der Roman „Wenn Martha tanzt“. Geschrieben hat ihn Tom Saller aus Wipperfürth, von Haus aus Psychotherapeut.

Von Thomas Wintgen

Bergisches Land. Nach einem kuscheligen Krimi und einem Thriller ist es das erste Buch Dr. Thomas Sallers, das einen Verlag gefunden hat. Eigentlich arbeitete der Mediziner mit großer Freude an einem anderen Buch. Wegen eines „magischen Erlebnisses“ musste er das zur Seite legen. „Martha musste auf mir raus,“ schilderte er im Gespräch mit dem RGA. Bis dieses Buch fertig war, habe er nichts Anderes machen können.

Heute lese er es „in Teilen wie neu: Wie kommt er denn darauf? Das kannst Du nicht geschrieben haben!“ Geschrieben hat er auf den Tag genau ein Jahr. „Extrem preußisch“: morgens von 7.30 bis 8.30 Uhr, an Wochenenden und im Urlaub ein wenig mehr. Eine Initialzündung gab es neben dem „magischen Erlebnis“ nicht.

Autobiografisch stößt Erzähler später auf familiäre Wurzeln

Er habe freilich kapiert, sagt er, dass er eine Art Bindeglied sei zwischen den beiden Söhnen und der pommerschen Familien-Vergangenheit. Ein Träger der Erinnerung. Insofern habe er mit Martha – das steht auch im Buch – etwas zu Papier bringen wollen, „das mir vor allem Wurzeln verleiht“. Wiewohl er selber noch nie im Pommern war, gibt es einen autobiografischen Kern. Die Urgroßmutter hieß tatsächlich Martha und war dort geboren; es gibt ein paar geografische Hinweise; die reale Martha wuchs tatsächlich in einem Musikinternat auf, das der Ururgroßvater betrieb. Und eine Hedi gab’s auch: Eine Oma hieß so. Bei den strategischen Überlegungen, wo sich eine junge Frau aus der Provinz um 1920 habe verwirklichen können, machte Weimar das Rennen.

MARTHA: LESUNG, SONG

PREMIERE Sie ist am morgigen Samstag – und längst ausverkauft. Die Buchhandlung Gabriele van Wahden lädt zum zweiten Termin für Donnerstag, 22. März (19.30 Uhr), zur Lesung in die Stadtbücherei Wermelskirchen (Eintritt 15 Euro, Getränk, Häppchen, Vorverkauf 13 Euro). Dazu spielt (Gitarre) und singt der jüngere Sohn Fabian drei „Martha-Songs“. 

WIPPERFÜRTH Einen Termin gibt es – mit einer dortigen Bücherei – am Sonntag, 11. März (16 Uhr) in der „Alten Drahtzieherei“; Eintritt 7 (ermäßigt 4) Euro. Ferner liest Saller bislang unter anderem noch in Horrem und Delbrück.

Saller ist Bauhaus-Fan und muss bisweilen schmunzeln. Es sei den wenigsten bewusst, wie „hip“ Bauhaus-Studenten waren; sie hätten der 68er-Generation viel vorweggenommen – bis hin zu gleichgeschlechtlicher Liebe und Veganismus. 2019 ist es 100 Jahre her, da Walter Gropius in Weimar das Bauhaus gründete.

Der Erzähler im Buch stößt – über den Umweg USA – 100 Jahre später auf familiäre Wurzeln. Martha öffnet mit dem Tanz früh eine weitere Dimension des Bauhauses, der Oskar Schlemmer einen Stempel aufdrückt.

Die Protagonistin macht Gropius auf sich aufmerksam, erringt Bewunderung und Respekt. Als die Nazis das Bauhaus schließen, kehrt Martha heim. Dabei hat sie ein Kind sowie ihr Notizbuch; darin haben Feininger, Kandinsky, Klee und andere Größen Skizzen und Zeichnungen verewigt.

Wer sich dem Buch nähert, bemerkt schlanke, schnörkellose Sätze. Saller erzählt voller Fantasie, stets stimmig die Geschichte, die eng mit Historie verwoben ist. Mit der Gustloff verwoben sind ein paar kunstvolle Geheimnisse etwa um die Großmutter und ihren Verbleib. Saller geht auf willfährig adaptierte „Lehren“ des Nationalsozialismus mit personifizierten Schnappschüssen ein, skizziert mit kurzen Strichen Charaktere, völkische Schwärmer oder Konturen jener Heilslehre. Rührendes Aperçu ist Marthas Jugendfreund Johann mit dem Klumpfuß. Wenn sie auf dem Dorf die Tanzschule gründet, geht es nicht um die Weltläufigkeit von Weimar, sondern um Existenzielles.

Wer gegen Ende des Buches die sehr alte und ziemlich reiche Dame ist, die Ich-Erzähler Thomas Wetzlaff in New York aufsucht, sei nicht verraten. Interessant ist, dass der Erzähler 100 Jahre nach Martha im Selbstfindungs-Prozess steckt.

In einem Roman, dem man das Debüt nirgendwo anmerkt, trägt eine fantasievolle Handlung im faszinierenden Geflecht von Handlungssträngen, tragen profunde hintergründige Sachkenntnisse auf vielen Gebieten und der stete Fluss kompakter Sätze durchs Buch – Sätze, die sich manche glauben verkneifen zu müssen, um nur ja „intellektuell“ zu klingen. Tom Saller (Jahrgang 1967) beweist: Das ist weit verbreitete Unart.

Tom Saller hat ein beachtliches Werk geschrieben. Wohl selten stieß ein „Erstling“ lange vor dem Erscheinen auf so breite Resonanz. Bei der Berlinale stand „Martha“ gerade auf der „Short-List“ unter den Top-12 (neben der Schriftstellerin Isabel Allende).

List-Verlag, 288 Seiten, 20 Euro (am Mittwoch ausgeliefert) ISBN 978-3-471-35167-3

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