Fremdflirten, fremdknutschen, fremdgehen: Wo hört die Treue auf?
Als Melanie Mittermaier trotz glücklicher Beziehung zum ersten Mal Gefühle für einen anderen Mann entwickelt, ist das Gefühlschaos groß. Zusammen mit ihrem Partner sucht sie nach Auswegen. Schließlich entscheiden beide, das Konzept Ehe etwas offener anzugehen. Für Gefühle und Bedürfnisse wollen sie sich nicht verurteilen, so beider Haltung. Stattdessen reden sie über innere Spannungen und erlauben sich, bestimmten Gefühlen und möglichen Seitensprüngen nachzugehen.
„Man kann es lockerer sehen, was ich für sehr gesund halte. Aber da braucht es zwei Menschen, die sehr erwachsen sind und Verantwortung übernehmen“, sagt Mittermaier, die als psychologische Paarberaterin tätig ist und sich auf das Thema Fremdgehen spezialisiert hat. So zu lieben und zu leben ist, wie jede andere Beziehung auch, mit Höhen und Tiefen verbunden, birgt aber das Potenzial, Nähe und Vertrauen auf einer neuen Ebene entstehen zu lassen.
Verliebtheit kann jede und jeden treffen
Ähnlich wie Mittermaier und ihrem Mann geht es vielen Paaren: Laut einer Elite-Partner-Umfrage hat sich jede oder jeder Zweite schon einmal fremdverliebt. Das müsse aber weder das Ende der Beziehung, noch einen Umstieg auf ein anderes Beziehungsmodell bedeuten. Wichtig ist laut Mittermaier eine offene, ehrliche Kommunikation und das Bewusstsein, dass Verliebtheit jede und jeden treffen kann – auch mitten in einer Partnerschaft.
Treue definiert das Paar immer für sich.
Melanie Mittermeier,
psychologische Paarberaterin
„Verliebtheit hat viel mit Projektion, interpretieren, Hormonen zu tun, wenn man eine Person noch nicht gut kennt. Vielleicht auch eher eine Verliebtheit in die Idee: Wie könnte das als Paar werden? Oder eine Verliebtheit in sich selbst, weil man sich über die andere Person spiegelt“, sagt Mittermaier. Wer verliebt ist, erlebt einen Ausnahmezustand: Glückshormone feuern das Belohnungssystem an und sorgen für Herzrasen, feuchte Hände und das berühmte Kribbeln.
Wenn das Kribbeln nachlässt
„Es ist nicht nur üblich, sondern es ist gar nicht anders machbar, dass das Verliebtheitsgefühl in längeren Beziehungen nachlässt“, sagt der Liebes-Coach. Nach sechs bis 18 Monaten nimmt der Hormonrausch ab, es entsteht Raum für eine stabilere Verbindung. „Dann zeigt sich, ob aus diesem Verliebtheitsgefühl Liebe werden kann.“
Monogamie
Mono (= allein) und gamos (= Ehe) bedeutet wörtlich ‚Einehe‘ – also die exklusive Beziehung zu nur einem Partner. In frühen Jäger- und Sammler-Gesellschaften wurden Kinder gemeinschaftlich großgezogen, die Beziehungsmodelle waren flexibler. Mit der Sesshaftigkeit gewann Monogamie an Bedeutung, da sie Erbrecht und Besitzweitergabe regelte. Stark verankert wurde das Konzept durch Religion: Vor allem das Christentum prägte die Ehe zwischen Mann und Frau und erhob Treue zum göttlichen Gebot. In Mittelalter und Früher Neuzeit war die Ehe in erster Linie ein ökonomisches Bündnis – Liebe spielte kaum eine Rolle. Erst in der Romantik wurde Monogamie eng mit Liebe verknüpft – ein Bild, das bis heute von Hollywood, Disney und Märchen weitergetragen wird. Gelebt wird heute meist die serielle Monogamie: Eine Abfolge exklusiver Partnerschaften im Laufe des Lebens.
Liebe heißt, auch durch Konflikte zu gehen und sich trotzdem bewusst für eine Person zu entscheiden – so wie sie ist. Aufregung und Kribbeln schwinden, an ihre Stelle treten Vertrautheit, Zugehörigkeit, Sicherheit. Die großen Gefühle können durchaus vorhanden sein, nur mit weniger Dringlichkeit. „Eine lange Beziehung hat viel weniger mit diesen Schmetterlingen im Bauch zu tun. Mein Mann kann diese Gefühle in mir gar nicht auslösen, weil ich ihn zu lange kenne”, sagt Mittermaier.
Nach einer gewissen Zeit setzt ein Gewöhnungseffekt ein – was neu und aufregend ist, kann nicht immer so bleiben. „Und deswegen ist eine lange Ehe oder eine lange Beziehung nicht dafür zuständig, diesen High-Effekt auszulösen.“
Verliebt trotz Beziehung – ist das normal?
Verliebt trotz Beziehung – ist das also normal? Kurz gesagt: ja. „Diese Kapazität haben wir – wir können uns in mehrere Menschen verlieben. Wir können mehrere Begehrlichkeiten aufbauen, auch sexueller Natur. Und ja, es ist normal“, sagt Mittermaier. Oft entstehe eine Fremdverliebtheit, wenn die Partnerschaft zur Selbstverständlichkeit geworden sei. Es gehe dann weniger um das Paar und seine Bedürfnisse, sondern um die Dinge drumherum – wer die Kinder von der Schule abholt, den Papierkram erledigt oder den Einkauf macht.
Zur Person
Melanie Mittermaier ist psychologische Paarberaterin und spezialisiert auf das Thema Fremdgehen. Als Liebes-Coach hilft sie Menschen bei Beziehungskrisen und Entwicklungsprozessen hin zu erfüllten Partnerschaften. In ihrem wöchentlichen Podcast „Liebe Leben“ behandelt sie außerdem zahlreiche Themen rund um Liebe und Beziehungen.
Mittermaier vergleicht das mit einer Pflanze, die zu wenig Wasser und keinen Dünger bekommt. So wie die Pflanze verkümmere, würden auch in einer ungepflegten Partnerschaft Bedürfnisse vernachlässigt, und die Beziehung leide. „Und wenn dann jemand von außen kommt und nährt, was man in der langjährigen Partnerschaft nicht mehr bekommt, dann sagt das System: Jetzt kann ich wieder blühen.“ Aber auch in glücklichen Beziehungen könne eine Fremdverliebtheit vorkommen. Entscheidend sei, wie man damit umgehe.
„Nimm mal das Drama raus“
„Zunächst ist mein fremdverliebtes Sein erst mal nur ein Gefühl. Ich kann es wahrnehmen, sogar genießen, weil es mich beflügelt, weil es mich lebendig macht. Ich muss dem aber nicht nachgeben“, sagt Mittermaier. Sie hat beobachtet, dass viele Menschen eine Fremdverliebtheit überinterpretieren: Sie idealisieren die neue Person, steigern sich in Gefühle hinein und übersehen dabei, was ihnen diese Situation über sie selbst verraten könnte. Ihr Rat in solch einer Situation: sich selbst, die Partnerschaft und unerfüllte Bedürfnisse ehrlich zu reflektieren.
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Zur vollständigen AnsichtFremdknutschen, Fremdflirten, Fremdgehen
Aber wo hört die Treue auf? „Treue definiert das Paar immer für sich“, sagt Mittermaier. „Ist es Fremdknutschen, Fremdflirten oder Sex? Ab wann ist jemand untreu?“ Das könne von Mensch zu Mensch unterschiedlich empfunden werden. „Aber wir alle sind in dieser Hollywood- und Disney-Kultur groß geworden. Ich finde den einen oder die eine. Dann habe ich alles, was ich brauche“, so die Paarberaterin.
Das Verständnis von Treue ist gesellschaftlich stark normiert. Fremdgehen gilt einer Umfrage von Elite-Partner zufolge nach wie vor als das Schlimmste, was man seinem Gegenüber antun kann. Offenere Beziehungskonzepte sind einer weiteren Befragung nach noch nicht etabliert – für zwei Drittel der Deutschen kommen sie nicht infrage.
Jüngere Menschen stehen dem Thema offener gegenüber. „Das ist etwas, was erst anfängt, mehr und mehr ins Bewusstsein zu kommen, aber bei Weitem noch keine Akzeptanz gefunden hat“, so Mittermaier. Entsprechend leben 60 Prozent der deutschen Erwachsenen laut Statistik in monogamen Beziehungen – Monogamie gilt weiter als die Norm.
Offenere Beziehungskonzepte
*Monogamish: Paare, die grundsätzlich monogam leben, sich aber gelegentlich und in klar abgesprochenen Situationen sexuelle Kontakte außerhalb erlauben. *Offene Beziehung: Ein Paar bleibt emotional exklusiv, erlaubt aber sexuelle Kontakte außerhalb. *Polyamorie: Mehrere Liebes- und Sexualbeziehungen gleichzeitig, mit Transparenz und Einverständnis aller Beteiligten. *Swinging: Gemeinsame sexuelle Aktivitäten mit anderen, meist in klar abgegrenzten Situationen. *Beziehungsanarchie: Ablehnung fester Regeln oder Hierarchien; Beziehungen gestalten sich frei nach den Bedürfnissen der Beteiligten. Allen Konzepten gemeinsam: Sie funktionieren nur, wenn Bedürfnisse offen kommuniziert und Grenzen respektiert werden.
Viele Menschen wachsen mit dem Bild der Monogamie als einzigem Beziehungsmodell auf – vermittelt durch Elternhaus, Gesellschaft oder Medien. Manche fühlen sich darin genau richtig aufgehoben, andere würden wiederum in einem anderen Beziehungsmodell mehr Erfüllung finden. Auch Mittermaier betont:„Ich denke nicht, dass Monogamie unzufrieden macht. Ich denke, dass Menschen sich schwertun, langjährige Beziehungen so zu leben, dass sie damit erfüllt sind.“
Liebe im Check-up
Ein neues Beziehungsmodell auszuprobieren, könne sich lohnen – weg vom Besitzdenken hin zu einem freieren Konzept, meint der Liebes-Coach. „Aber letzten Endes ist es so, dass wir alle Angst haben, jemanden zu verlieren. Sobald wir lieben, haben wir gleichzeitig Verlustangst.“ Das könne mit Neid- oder Minderwertigkeitsgefühlen einhergehen, und um die zu regulieren, brauche es andere Gedanken, andere Denkweisen und andere Fähigkeiten, so Mittermaier. „Deswegen sind lange Beziehungen schwer, die total erfüllt sind. Und vielleicht sogar ein bisschen utopisch“, mutmaßt sie. Aber noch lange nicht unmöglich. Die wichtigste Grundlage dafür bleibe eine offene, ehrliche Kommunikation.
Denn Menschen, ihre Bedürfnisse und ihre Beziehungen unterliegen einem stetigen Wandel. „Man kann mit dem Partner immer wieder einen Check-up machen. Wie geht es dir gerade, wie geht es mir gerade? Ist es das, was wir leben wollen?“ So kann für jede Lebensphase ein Beziehungsmodell gefunden werden, das beiden entspricht – egal ob klassisch-monogam oder offener gedacht. Entscheidend sei nicht die eine richtige Form, betont Mittermaier, sondern die Bereitschaft, im Gespräch zu bleiben und immer wieder neu zu hinterfragen, was beiden guttut.