Kinder am Tablet: drohende Verdummung oder unterschätztes Potential?

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Tablet-Nutzung für Kinder: ein kontrovers diskutiertes Thema, zu dem es viele Meinungen und Positionen gibt. Ist die Entwicklung überhaupt noch aufzuhalten?

Digitale Erziehung oder Mittel zur Ruhigstellung? Kinder, die von Tablet und Smartphone wie magisch angezogen sind, werden oftmals kritisch beäugt, die Eltern, die zulassen, dass das Kind sich mit dem digitalen Gerät beschäftigt, umso mehr.

Dabei gibt es einen wachsenden Markt für Lernspielapps und Software für Kinder, die das Medium sinnvoll nutzen. Was ist also richtig und wie sollten Eltern damit umgehen, wenn auch ihr Kind gerne Zeit an Tablet und Smartphone verbringt? Eine Diskussion mit Tragweite.

Die Diskussion um Tablets und digitale Medien an Schulen ist omnipräsent. Lernen Kinder besser mit Tablets und Laptops? Oder ist es nur eine weitere Ablenkung, ein Zeitfresser, der Schülern und Lehrern den Sinn und die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge nimmt? Der Meinung ist zumindest Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes. „Technik ist kein Allheilmittel für Dummheit“, sagt er und erinnert an den Nürnberger Trichter im 17. Jahrhundert, mit dessen Hilfe den „Dummköpfen“ die Dichtkunst eingeflößt werden sollte. Ist das das Bild, was die Digitalisierung herauf beschwört? 

Kraus bezieht sich auf das Ifo-Institut: Der Einsatz von Computern im Unterricht bringe im Durchschnitt keine besseren Ergebnisse in Mathematik und Naturwissenschaften, das zeige auch PISA. „Statt nur an die Förderung der Digitalisierung zu denken, sollte die Politik lieber in Schulbibliotheken investieren und damit die Fähigkeit zum Lesen fördern“, geht es weiter mit seinem Plädoyer. Aber ist die Entwicklung noch aufzuhalten? 

Nicht nur in der Schule sind Kinder mit Tablets und der Digitalisierung konfrontiert. 40% der Deutschen nutzten im Jahr 2015 ein Tablet, wie eine Umfrage des Unternehmens Bitkom herausfand. Das heißt, dass ein Großteil der Kinder in Deutschland auch im privaten Kontext Zugang dazu hat. Wie sollten Eltern damit umgehen? „Kind und Tablet sind wie ein Magnet, die ziehen sich an“, sagt Medienwissenschaftler Jochen Koubek. „Diesen Umstand sollte man nutzen und begleiten. Nicht nach dem Motto: „Hier, setz dich mal dran, viel Spaß“, sondern indem man es zusammen erlebt.“ Denn die digitalen Medien und das Internet gehören unweigerlich zur Zukunft dazu – „Medienkompetenz“ wird von den nachfolgenden Generationen erwartet. Die Generation Y ist bereits „Digital Native“, alles und jeder, der danach kommt, kann nicht die Augen davor verschließen oder es von zu Hause vorgelebt bekommen. 

Denn der Kernpunkt ist, wie Koubek auch sagt, dass die Eltern diesen Prozess begleiten: „Ich sage ja auch nicht: "So, da hast du ein Fahrrad, jetzt erobere dir mal den Straßenverkehr und sag mir heute Abend, wie es war." Auch im Internet gibt es Gefahren – aber genau so viel Positives. Das müsse den Kindern gezeigt werden, um gemeinsame zu filtern: was macht Spaß, wo gibt es einen Lernfaktor?

Eltern müssen den Entdeckungsprozess der digitalen Welt begleiten, das ist ein Kernpunkt der digitalen Erziehung.

Denn das Angebot an sinnvollen Programmen für Kinder wächst. Lernapps machen einen großen Marktanteil aus. Wobei daraus kein unnötiger Ehrgeiz der Eltern zur Frühförderung entstehen dürfe. „Der Spiel- und Spaßfaktor (ist) sehr wichtig bei Apps, Lernprozesse treten dann von alleine in Kraft. Eltern sollten vermeiden, mobile Anwendungen bei Vorschulkindern ganz gezielt im Sinne der frühkindlichen Förderung einzusetzen“, sagt Medienpädagoge Tobias Albers-Heinemann im Interview. „In der heutigen Gesellschaft besteht leider bei vielen Eltern das Gefühl, ihr Kind frühestmöglich in allen Bereichen fördern zu müssen.“ Manche hätten sogar ein schlechtes Gewissen, wenn das eigene Kind nicht bereits Lesen, Schreiben und Rechnen könne, bevor es in die Schule komme – durch diesen übersteigerten Lerndruck könne es dann passieren, dass das überforderte Kind die Freude am Lernen verliere. Der Medienpädagoge setzt dabei vor allem auf Spaß. Aber wie sollte das von den Eltern eingegrenzt werden? Wo hört der Spaß bei einem 7-Jährigen auf und wie viel digitale Spielerei sollte erlaubt sein? 

Manfred Spitzer, Autor des Bestsellers „Digitale Demenz“, sieht in der Nutzung von Tablets und Smartphones ein gesteigertes Risiko zur Entwicklung von ADHS und Internetsucht. Zur Veranschaulichung zieht er das Beispiel von Navigationsgerätnutzenden Taxifahrer heran – wer die Orientierungshilfe nutzt, könne sich auf Dauer nicht mehr eigenständig orientieren, so seine These. Das bezieht er auch auf die Kinder, denen der Konzentrationsverlust durch die dauernde Ablenkung und der Weg in die Abhängigkeit der digitalen Welt drohe. 

Könnte das ein Langzeiteffekt davon sein, dass den Kindern digitale Mittel zur Verfügung gestellt werden? Nein, sagt Koubek. Die Eltern müssten die Zeit am Gerät schlicht und einfach klar begrenzen: „Das lernen die Kinder nicht von sich heraus, dazu sind sie noch zu jung. Erst mit 22 ist der präfrontale Cortex ausgebildet, der für die Impulskontrolle zuständig ist: "Ich will das zwar, aber ich mache es jetzt nicht." Solange zum Beispiel mein Sohn, der in der 6. Klasse ist, seinen Medienkonsum noch nicht selber regulieren kann, bin ich sein ausgelagerter präfrontaler Cortex und beende die Spielzeit, wenn ich der Meinung bin, dass er lange genug gespielt hat.“ 

Wie sieht es jedoch in Familien aus, in denen aus Geldmangel kein Tablet im Haushalt vorhanden ist? Droht diesen Kindern eine soziale Ausgrenzung? Statistiken wie die ACTA 2014 zeigen, dass selbst in der sozialschwächsten Bevölkerungsgruppe, die über ein Nettoeinkommen von unter 500 Euro verfügen, noch private Tablet-Nutzer vertreten sind. Das heißt, dass prinzipiell in jedem Haushalt die Möglichkeit bestünde, ein Tablet anzuschaffen: Günstigste Versionen gibt es bereits ab 120 Euro. 

Aber selbst wenn sich Eltern bewusst dagegen entscheiden, ein Tablet anzuschaffen, das auch die Kinder nutzen können – sei es aus finanziellen oder persönlichen Gründen - ist das ein Argument mehr für eine Nutzung der Geräte in der Schule. Vielleicht könnte damit sogar etwas mehr Individualisierung in den Unterricht einfließen, denn die Möglichkeiten auf die Diversität der Schüler einzugehen, sind nach wie vor begrenzt. Koubek sagt dazu „Ich setze mich weiter für die informatische Bildung an Schulen ein. Nur Bedienenkönnen reicht nicht. Technik wird von Menschen gemacht und kann auch von Menschen verändert werden.“ 

Es gibt Chancen und Risikos durch die Digitalisierung. Auch Kinder müssen also daran geführt werden, denn die Gefahren im Internet verschwinden nicht durch ein Stillhalteabkommen. Dass sie dabei von den Eltern begleitet werden, ist grundlegend für eine gesunde Beziehung zu der digitalen Welt und einem verantwortungsvollen Umgang damit. Denn ebenso gibt es sinnvolle Programme mit echtem Lernfaktor – da liegen die Chancen, auch für das Bildungssystem. Die Digitalisierung wird nicht aufzuhalten sein: Sich ihr zu öffnen ist am Ende der einzig sinnvolle Weg.

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