Ausfälle auch am Sonntag

GDL droht mit weiteren Streiks

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Der Lokführerstreik endet - früher als geplant - am Samstag.

Frankfurt/Berlin - Früher als geplant wollen die Lokführer zurück an die Arbeit gehen. Bis aber alle Züge wieder normal fahren, wird es noch etwas dauern. Derweil droht die GDL mit weiteren Streiks.

Kurz vor dem Streikende am Samstagabend um 18.00 Uhr hat die Lokführer-Gewerkschaft GDL mit weiteren Ausständen gedroht. Der Bezirksvorsitzende der GDL Berlin-Sachsen-Brandenburg, Frank Nachtigall, sagte am Samstag im rbb-Inforadio, bislang sei mit der Bahn "noch über nichts Inhaltliches geredet" worden. Die Bahn beharre immer noch auf der Position, dass die GDL nicht für alle Mitglieder Tarifabschlüsse aushandeln dürfe. Wenn die Bahn an der Stelle nicht einlenke "wird es tatsächlich wieder zu Ausständen kommen", sagte Nachtigall.

Viele Ausfälle und Verspätungen

Am Samstag kam es erneut zu vielen Ausfällen und Verspätungen. Die Bahn konnte wie in den Vortagen nur ein Drittel des Fernverkehrs aufrechterhalten, wie eine Sprecherin am Samstag sagte.

Besonders im Fernverkehr aber müssen sich Fahrgäste auch am Sonntag noch auf Beeinträchtigungen einstellen. Die „komplexe Einsatzplanung“ von Zügen und Personal werde einige Zeit in Anspruch nehmen und noch zu einem deutlich eingeschränkten Angebot führen, hieß es. Im Nahverkehr sollen dagegen im Laufe des Sonntags wieder deutlich mehr Züge fahren.

Die Bahn arbeite "mit Hochdruck" daran, den Schienenverkehr nach dem Streikende möglichst zügig wieder auf Normalbetrieb umzustellen, sagte Stauß. "Das geht nicht von einer Sekunde auf die andere." Die Züge und das nötige Personal befänden sich wegen der Streiks oft nicht dort, "wo sie hingehören".

Am Sonntag könnten rund 60 Prozent des normalen Fernstreckenverkehrs angeboten werden, sagte der Sprecher. "Wir können den Kunden durchaus empfehlen, wieder Bahn zu fahren." Wegen der meist vollen Züge am Sonntagabend solle aber für Reisen zu dieser Zeit ein "Zeitpuffer" eingeplant werden. Im Nahverkehr sei die Situation etwas einfacher, dort sollten am Sonntag wieder zwei Drittel aller Züge fahren und ebenfalls ab Montagfrüh wieder Normalbetrieb herrschen, sagte Stauß.

Experte: GDL-Forderungen kosten 42 Millionen Euro

Wenn die Deutsche Bahn im Tarifstreit mit der Lokführer-Gewerkschaft GDL deren Forderungen erfüllen würde, würde sie das nach Berechnungen eines Bahnexperten 42 Millionen Euro pro Jahr kosten. "Bei etwa 20.000 Lokführern, die im Jahr rund 35.000 Euro verdienen, ergeben sich je Prozent Lohnsteigerung sieben Millionen Euro Kosten", sagte Christian Böttger von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft am Freitag dem Nachrichtenportal "Focus Online", in dessen Auftrag er die Kosten berechnet hatte.

Neben der fünfprozentigen Lohnsteigerung würden die geforderten 200 zusätzlichen Stellen demnach ebenfalls Mehrkosten in Höhe von sieben Millionen Euro verursachen, so dass die Bahn bei Erfüllung aller GDL-Forderungen 42 Millionen zahlen müsste. Die Kosten der Lohnforderungen der Gewerkschaft der Lokomotivführer seien damit "überschaubar", urteilte Böttger.

Trotzdem warnte er die Bahn davor, die GDL-Forderungen zu akzeptieren: "Das eigentliche Problem ist die Forderung der GDL, auch für die Zugbegleiter zu verhandeln. Verhandlungen mit zwei rivalisierenden Gewerkschaften würden wohl dazu führen, dass diese beiden sich mit Forderungen überbieten, es würde dauerhaft zu mehr Streiks, mehr Unruhe in der Belegschaft und wohl auch zu höheren Lohnabschlüssen für alle Beschäftigten führen."

Die mit der GDL konkurrierende Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sei "für die Bahn immer gut steuerbar gewesen", sagte Böttger dem Online-Portal. "Deswegen möchte die DB AG die GDL so weit wie möglich aus dem Unternehmen drängen."

GDL: Streiks kosten Bahn mehr als unsere Forderungen

Die Streiks kommen die Bahn aus Sicht der Lokführergewerkschaft GDL inzwischen teurer zu stehen als ihre Tarifforderung. Die bisherigen Ausstände hätten das Unternehmen rund 200 Millionen Euro gekostet, heißt es in einer am Samstag verbreiteten Mitteilung der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Die Bahn hatte allein für den laufenden sechsten Streik dieser Tarifrunde Summen von 50 bis 60 Millionen Euro und von ungefähr 100 Millionen Euro genannt. Die GDL beendet den Ausstand jedoch vorzeitig am Samstagabend.

Fernbuslinien jubeln über Bahnstreik

Vor allem Fernbuslinien und Mitfahrzentralen profitierten in den vergangenen Tagen vom Ausstand der Lokführer. „Das wird ein Rekordwochenende“, sagte etwa eine Sprecherin des Fernbus-Betreibers „meinfernbus.de“ in Berlin. Ein Sprecher von „deinbus.de“ sagte: „Wir haben doppelt so viele Passagiere wie sonst im Bus.“

Ein Sprecher der Online-Mitfahrzentrale „mitfahrgelegenheit.de“, sagte, an einem normalen Freitag würden 100 000 Plätze gebucht. In der vergangenen Woche seien es mehr als 250 000 gewesen. Der Geschäftsführer des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands, Thomas Grätz, sprach von 40 bis 50 Prozent mehr Geschäft als an normalen Tagen.

Lokführer-Streik trifft Städtetourismus

Abgesagte Stadtführungen und stornierte Hotelübernachtungen: Der Lokführer-Streik hat die Wochenendplanung mancher Bundesbürger durcheinandergewirbelt. „Wir haben aus allen Landesteilen und Betrieben von Stornierungen und Nachfragen von Kunden gehörte, sagte ein Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) der dpa. Wie hoch die Einbußen für Hotels und Gaststätten seien, lasse sich aber nicht beziffern.

„Der Streik ist für uns ein großes Ärgernis“, sagte ein Sprecher des Internationalen Congress Centers Dresden. An diesem Wochenende tagt dort die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

In Nürnberg sagten nach Angaben der örtlichen Congress- und Tourismuszentrale einige Teilnehmer eines Kongresses ihre Teilnahme streikbedingt ab. „Eine Stornierungswelle hat es aber bei uns in Nürnberg bisher nicht gegeben“, berichtete die Tourismus-Chefin.

Stadtführungen fielen nach Angaben der örtlichen Tourismusbehörden beispielsweise in Köln und München aus. Manche Reisende saßen fest. „Die einen können ihre Reise nicht antreten, die anderen können nicht weiterreisen“, sagte der Präsident des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands, Ulrich Brandl.

Auch die Anbieter von Städtereisen bekamen die Folgen des Ausstands zu spüren. „Seit der letzten Streikankündigung haben wir sehr viele Anfragen, sowohl von Endkunden und als auch von Reisebüros“, hieß es beispielsweise bei Der Touristik in Frankfurt. Der Ausstand habe vor allem Kunden getroffen, die für das Wochenende eine Dertour-Bahnpauschalreise nach Berlin gebucht hätten, um an den Feiern zum 25. Jahrestag des Mauerfalls teilzunehmen. Wenn möglich, wurden Reisende auf Fernbusse oder Züge des Ersatzfahrplans umgebucht.

Streik frühzeitig beendet

Ursprünglich wollten die Lokführer bis Montagfrüh streiken. Doch am Freitag kündigte GDL-Chef Claus Weselsky überraschend eine „Versöhnungsgeste“ in Form eines früheren Streikendes an. Zuvor hatte das Landesarbeitsgericht Hessen den Ausstand der Lokführer in letzter Instanz für rechtmäßig erklärt.

Die Lokführer hatten ihre Arbeit im Güterverkehr schon am Mittwoch niedergelegt, im Personenverkehr in der Nacht zum Donnerstag.

Die Gewerkschaft fordert in dem Tarifkonflikt für die Beschäftigten mehr Geld sowie eine kürzere Arbeitszeit. Vor allem will sie neben den Lokführern künftig auch das übrige Zugpersonal in Verhandlungen vertreten, für das bislang die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) zuständig ist. Die Bahn will konkurrierende Tarifverträge einzelner Berufsgruppen verhindern.

dpa/afp

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