Arbeitsmarkt ist robust

Deutsche Wirtschaft profitiert von schwachem Euro

Berlin - Nach dem Schwächeanfall im Sommer ist die deutsche Wirtschaft wieder in der Spur. Der Arbeitsmarkt ist robust, und der Verfall der Ölpreise sowie der schwache Euro geben der Konjunktur zusätzlich Kraft.

Starkes Comeback der deutschen Wirtschaft: Inmitten weltweiter Krisen ist die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr so rasant gewachsen wie seit 2011 nicht mehr. Auch die Aussichten für das laufende Jahr sind gut: Die Mini-Inflation und der niedrige Ölpreis stärken die Kaufkraft der Verbraucher, deren Konsumlust schon 2014 wichtigster Treiber der deutschen Konjunktur war. Der schwache Euro macht deutsche Exporte für Kunden in Asien oder Amerika billiger, und Unternehmen können ihre Investitionen extrem günstig finanzieren.

Hinzu kommt: Während andere Euroländer sparen müssen, erwirtschaftet der deutsche Staat den dritten Überschuss in Serie. Das schafft Raum für Steuergeschenke oder Investitionen. Trotzdem treten Ökonomen auf die Euphoriebremse.

„Wenn die Finanzmärkte im Jahr 2015 erneut in Turbulenzen geraten, dann kann es mit der eigentlich günstigen Konjunktur in Deutschland schnell wieder vorbei sein“, warnt DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner. Die größten Gefahren für die Stabilität der Finanzmärkte sieht Fichtner in Russland. Aber auch im Euroraum ist die Lage nicht nur wegen der Parlamentswahlen in Griechenland weiter fragil.

Gleichzeitig warnen Ökonomen der Deutschen Bank die Politik in einer aktuellen Studie davor, den privaten Konsum als Wachstumstreiber auszubremsen: Es mehrten sich die Zeichen, „dass die unserer Einschätzung zufolge falschen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen, wie beispielsweise die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns sowie die Rentenpakete, den Arbeitsmarkt und damit den Konsum schwächen“.

Demnach dürfte die Erwerbstätigkeit deutlich schwächer als im Vorjahr steigen, und die Arbeitslosigkeit in der zweiten Jahreshälfte zunehmen. 2014 wuchs die Zahl der Erwerbstätigen um 0,9 Prozent und erreichte mit 42,7 Millionen einen Höchststand - den achten in Folge. Noch sei die deutsche Wirtschaft „gut aufgestellt, hoch innovativ und wettbewerbsfähig“, schreiben die Deutsche-Bank-Volkswirte.

Auch Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise sieht keinen Anlass für Euphorie: „Ein Investitionsschub, den Deutschland benötigt, ist nicht in Sicht.“ Deshalb fordert DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben, die Investitionsbremse endlich zu lösen: „Die Politik sollte ihre Priorität auf die Stärkung des Standortes setzen und mit einem Belastungsstopp schnell ein Signal senden.“

Immerhin: Der Absturz der Ölpreise ist ein Geschenk für die Konjunktur. Kurz vor dem Jahreswechsel prognostizierte der Chef des Sachverständigenrats, Christoph Schmidt, in der „Welt am Sonntag“: „Die deutsche Wirtschaft wächst nun allein wegen des deutlich gesunkenen Ölpreises um bis zu 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte stärker.“ Für Verbraucher ist Tanken und Heizen billiger, sie können daher mehr Geld für andere Dinge ausgeben. Auch Unternehmen haben Spielräume, weil sie den wichtigen Rohstoff Öl günstiger einkaufen können. Sinkende Ölpreise wirkten „ähnlich wie ein kleines Konjunkturprogramm“, hatte Bundesbankpräsident Jens Weidmann erklärt.

Nach Berechnungen von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer übertrifft die Wirkung des Rückgangs von Ölpreis und Euro-Dollar-Kurs deutlich das, was Politiker in Deutschland oder der EU in den zurückliegenden Jahren an Konjunkturprogrammen aufgelegt haben. Daher sollte die deutsche Wirtschaft in den kommenden Quartalen zulegen.

Zumal die Verbraucherstimmung so gut ist wie seit acht Jahren nicht mehr und auch die deutsche Industrie zuversichtlich ins Jahr blickt: Die Maschinenbauer hoffen auf ein Rekordjahr, die deutschen Autokonzerne wollen erstmals mehr als 15 Millionen Wagen bauen und die Baubranche will erstmals seit dem Jahr 2000 wieder die Umsatz-Marke von 100 Milliarden Euro überschreiten.

Zusätzlichen Antrieb erwartet Carsten Brzeski, Chef-Ökonom der ING-Diba, ausgerechnet von der Europäischen Zentralbank: „Trotz aller öffentlichen Kritik dürfte die deutsche Wirtschaft einer der größten Nutznießer des geplanten umfangreichen Anleihekaufprogramms der EZB sein.“ Denn noch niedrigere Zinsen würden den ohnehin boomenden Immobilienmarkt stützen und der zusätzliche Druck auf den Euro der Exportwirtschaft helfen: „Wenn man die niedrigen Energiepreise hinzurechnet, die Balsam für Verbraucher und den Mittelstand sind, erhält man ein ultimatives Wachstumspaket für die Wirtschaft.“

dpa

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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