Kinotrailer und Filmkritik

"Leviathan" zeigt die Härten des russischen Alltags

Schonungslos und in ergreifenden Bildern berichtet „Leviathan“ von den Härten des russischen Alltags. Zwar ist Putins Reich gemeint, doch das Gesellschaftsdrama erhebt sich über die Tagespolitik.

Drei Kumpel amüsieren sich beim Grillausflug an der eisigen Barentssee mit Schießübungen. Einer hat als Zielscheiben Porträts kommunistischer Führungskader dabei. Weiter als bis zu Jelzin freilich wagt man sich nicht: „Zu den Aktuellen fehlt noch die historische Distanz.“

Wer wirklich gemeint ist, wessen wachsam-verschlagenes Antlitz über allem lauert, das ist nicht schwer zu erraten bei „Leviathan“: Freilich geht es Regisseur Andrei Swjaginzew nicht nur um den korrupten Provinzbürgermeister Wadim (Roman Madjanow). Freilich meint er ganz Russland, meint er Putins Reich, wenn er den vergeblichen Kampf des zornigen Automechanikers Kolja (Alexej Serebrjakow) zeigt gegen einen Filz aus Geld, willfähriger Justiz und machtdienlicher orthodoxer Kirche.

Koljas selbstgebautes Haus steht einem Bauprojekt des Bürgermeisters im Weg – und „Leviathan“ begnügt sich in seiner Erbarmungslosigkeit nicht damit, Kolja nur das Heim nehmen zu wollen: Ehe, Freundschaften, die Beziehung zum Sohn – alles steht auf dem Spiel. Koljas Welt beginnt ihm wegzubrechen.

Als die russische Filmförderung merkte, was sie da mitfinanziert hat, änderte sie umgehend ihre Richtlinien, um künftig solch vermeintlichem Vaterlandsverrat vorzubauen. Und vielleicht sollte man nicht zu vorschnell den Vorwurf völlig verlachen, dass „Leviathan“ schon einige Russland-Klischees versammelt, mit denen im Westen gern und gut Film-Auszeichnungen zu sammeln sind. Der Wodka fließt in epischen Strömen; der Grundton ist einer von Schwermut und behäbiger Wucht; die Figuren des Bürgermeisters und des Bischofs sind tatsächlich recht eindimensional gezeichnet.

Aber „Leviathan“ erhebt sich über jede Tagespolitik: Er erzählt (inspiriert von einem Fall in den USA) eine moderne Hiobs-Geschichte. Und er ist getragen von einem Gefühl des generellen, existenziellen Verfalls. Gerahmt wird er von Bildern der kargen Landschaft mit ihrer geologischen Zeit.

Ein zentrales Motiv ist das Skelett eines Wals, also des biblischen Leviathan-Ungetüms aus der Tiefe: So übermächtig das Monströse erscheinen mag – es findet schließlich seinen Meister im Tod. Auch das Aktuelle wird einst fern, tot und historisch sein.

von Thomas Willmann

„Leviathan“

mit Alexej Serebrjakow, Wladimir Wdowitschenkow, Jelena Ljadowa

Regie: Andrei Swjaginzew

Laufzeit: 142 Minuten

Rubriklistenbild: © Wild Bunch/dpa

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