Film der Woche

Kino-Kritik zu "Seefeuer": Eine Insel als Anker

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Zu Wasser und an Land, auf Lampedusa, beobachtet der zwölfjährige Samuele Pucillo, wie seine Heimatinsel zum Rettungsort für viele Flüchtlinge aus Afrika wird.

München - Der Dokumentarfilm "Seefeuer" von Regisseur Gianfraco Rosi hat auf der Berlinale den Goldenen Bär gewonnen. Jetzt kommt der Film in die Kinos.

Eine Überraschung war es nicht, als der Goldene Bär der diesjährigen Berlinale an den italienischen Regisseur Gianfranco Rosi für seinen Dokumentarfilm „Seefeuer“ ging. An dieser aufrüttelnden Produktion kam man einfach nicht vorbei, das fanden auch Jurypräsidentin Meryl Streep und ihre Kollegen. In einer feinfühlig arrangierten Mischung aus dokumentarischem Beobachten und abgesprochen erscheinenden Szenen erzählt Rosi vom Alltag auf der kleinen italienischen Insel Lampedusa.

Seit vielen Jahren landet hier eine große Zahl an Flüchtlingen, die mit dem Boot aus Afrika nach Europa wollen. Stranden sie auf Lampedusa, haben sie eine lebensgefährliche Fahrt unter übelsten Bedingungen übers Mittelmeer und meist auch eine entbehrungsreiche Wegstrecke durch Afrika hinter sich. Gianfranco Rosi hat ein ganzes Jahr auf Lampedusa verbracht und genau recherchiert für dieses außergewöhnliche Projekt.

"Seefeuer" nicht der erste Film über Lampedusa

Er kontrastiert den Alltag der Einheimischen mit der steigenden Zahl an Flüchtlingen. Er stellt die behäbige Routine und das Engagement der Dorfbewohner neben die schrecklichen Schicksale der gestrandeten Fremden. Rosis Bilder zu den Katastrophen, die sich direkt vor den malerischen Küstenstreifen der Insel abspielen, sind teilweise kaum zu ertragen. Nur 20 Quadratkilometer ist Lampedusa groß, die Bewohner leben größtenteils vom Fischfang oder vom Tourismus. Wobei Letzterer seit dem Anstieg der Zahl anlandender Flüchtlingsschiffe nahezu zum Erliegen kam.

„Seefeuer“ ist nicht der erste Film über die Insel. Schon der junge österreichische Regisseur Jakob Brossmann porträtierte sie im vergangenen Jahr in seiner nüchternen und dennoch sehr bedrückenden Dokumentation „Lampedusa im Winter“. Rosi geht einen Schritt weiter. Er überlässt die Empathie des Zuschauers nicht mehr dem Zufall, sondern arbeitet in seiner Produktion ganz gezielt mit den Emotionen der Zuschauer. Er leitet und lenkt, fordert, rüttelt auf und klagt an, was aber im Gegensatz zu ähnlichen semidokumentarischen Versuchen absolut nicht stört.

Zentrale Figur in „Seefeuer“ ist der zwölfjährige Samuele Pucillo, dessen Heimatinsel zunehmend von fremden Menschen überrollt wird. Gerade in den Szenen mit Samuele wird deutlich, dass Rosi einiges bewusst für die Leinwand inszeniert hat. Dabei handelt es sich allerdings in erster Linie um Kameraeinstellungen, niemals um Situationen oder Dialoge. Auf Interviews verzichtet er ohnehin fast vollständig. Die Aufnahmen, beispielsweise eines hoffnungslos überfüllten, soeben angekommenen Schiffes, sind schockierend genug.

„Seefeuer“

Regie: Gianfranco Rosi Laufzeit: 109 Minuten

Hervorragend ++++

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie sich für Menschen interessieren, die sich hinter dem Begriff „Flüchtlingskrise“ verbergen.

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