Neuauflage des Klassikers

"Legend of Tarzan": Unsinn im Urwald

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Viele Stunden Arbeit im Fitnessstudio stecken in diesem Körper: Optisch und finanziell mag sich die Rolle als Tarzan für Alexander Skarsgård gelohnt haben – künstlerisch eher nicht (Szene mit Samuel L. Jackson, li.).

München - „Legend of Tarzan“ beeindruckt durch seine Landschaftsaufnahmen – alles andere ist reaktionärer Kitsch. Eine Film-Kritik zum Kino-Auftakt.

Was für eine Rolle. 8000 Kalorien pro Tag musste sich Alexander Skarsgård reinstopfen, um Tarzan zu werden. Das meiste davon Fleisch und Kartoffeln. Dazu kamen Trainingsstunden im Fitnessstudio, manchmal bis zu fünf Einheiten pro Tag. Das Ergebnis: ein Hüne mit wuchtigen Oberarmen und Waschbrettbauch. Bei den Chippendales wäre Skarsgård der große Hit.

Auch finanziell mag sich die Rolle für ihn gelohnt haben. Künstlerisch weniger. Übermenschliche Helden sind die langweiligsten Figuren von allen. Sie sind unbezwingbar, bedienen patriarchale Fantasien und lachen dürfen sie auch nicht. Wer mag denn so einen? „Nur am Schotterteich von Mistelbach wird vielleicht noch die Christl schwach“, sang die EAV schon 1987 über muskelbepackte Übermänner.

Skarsgårds dominiert durch körperliche Präsenz

Alexander Skarsgårds ganze Stärke in David Yates’ „Legend of Tarzan“ ist die körperliche Präsenz. Überhaupt dominiert in der gefühlt 1865. Adaption der Affenmenschengeschichte das Physisch-Materielle. Der Dschungel, die Landschaften, die Außenszenen. Ihnen widmen sich Kamera und Tricktechnik mit Leidenschaft und, rein technisch gesehen, großer Brillanz. Das neblig-kalte London, in dem Tarzan alias Lord Greystoke zu Beginn noch mit seiner bildhübschen Ehefrau Jane (Margot Robbie) lebt. Die weiten Prärien Afrikas. Der Dschungel. Das Dorf der lieben „Ureinwohner“. Die Schlucht der nicht ganz so lieben „Ureinwohner“.

All diese Orte wirken plastisch und verklärt. Natürlich sind es zum Teil mythische Zerrbilder, die uns Regisseur David Yates da liefert. Besonders offensichtlich wird das an den computergesteuerten Tieren. Die Affen (männlich) gebärden sich wie wild gewordene Holzhackerbuam, geifern, stampfen, keifen und trommeln sich auf die Brustkörbe. Die Weibchen geben sich so fürsorglich, als ob sie das Mutterkreuz anstrebten. Und die Elefanten wandeln wie ein Trupp Druiden durch den Urwald. Jedes Viech hat die Aufgabe, den Zuschauer in eine andere Stimmung zu versetzen. Romantisch, ängstlich, ehrfürchtig, familienbewusst – die ganze Skala des Kitschs.

Janes Rolle ist rückwärtsgewandt

Demgegenüber müht sich das Drehbuch zumindest an einer Stelle um Aufklärung. Es geht um das einstige Belgisch Kongo und die bestialischen Verbrechen König Leopolds II. an der Bevölkerung des Landes, das bis 1908 sein Eigentum war. Das Grauen des Kolonialismus, der Menschen zu geschundenen Arbeitstieren machte, wird in wenigen Szenen sehr plastisch deutlich. Sie gehören zu den besten Momenten von „Legend of Tarzan“. Ebenso die Rolle von Tarzans US-amerikanischem Sidekick, Dr. Williams (Samuel L. Jackson), der nicht nur über Menschenrechtsverletzungen aufklären, sondern wie seine heimlichen Brüder Obelix und Sancho Pansa auch lustig sein darf.

Ganz schlecht hat es Margot Robbie erwischt. Ihre Jane bedient alle Erwartungen einer Gesellschaft, die in Sachen Emanzipation und Familienbild klammheimlich rückwärts wandert – und das obwohl sich heute auch Frauen krumm und bucklig arbeiten dürfen. Die kleinen Revolten Janes gegen Tarzans männliche Omnipräsenz wirken wie Zwergerlaufstände. Ein bisschen mehr Freiheit ist ihr im Zwist mit dem belgischen Bösewicht Rom (Christoph Waltz nimmt einfach seine letzte James-Bond-Rolle wieder auf) vergönnt. Aber auch der darf sie letztlich kastrieren, so wie das Männer eben mit Frauen machen.

Wir lernen: Das Weib kann nur durch den Mann vom Mann befreit werden. Außerdem: Seine höchste Erfüllung liegt in der Mutterschaft. Dass für solch einen reaktionären Unsinn Unsummen an Geld ausgegeben werden, ist erstaunlich. Und immer wieder beängstigend.

„Legend of Tarzan“

mit Alexander Skarsgård Regie: David Yates Laufzeit: 109 Minuten

Erträglich ++

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „The Jungle Book“ (2016) mochten.

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