Hannawald im Interview: "Ohne Tournee-Sieg ist eine Lücke da"

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Sven Hannawald steht auf der obersten Plattform der Skisprungschanze in Garmisch-Patenkirchen (Archivbild).

Oberstdorf - Sven Hannawald (41) ist der bis heute letzte deutsche Gewinner der Vierschanzentournee. Im SID-Interview spricht er über seinen Grand Slam, Severin Freund und die Prevc-Brüder.

SID: „Sven Hannawald, sind Sie schon nervös?“

Sven Hannawald: „Ein bisschen aufgeregt vielleicht, so wie jedes Jahr. Die Tournee war immer mein Ein und Alles. Ich hatte Jahre, in denen ich die Springen weder an der Schanze noch am Fernseher anschauen konnte. Das hat sich gelegt, aber ein Kribbeln ist noch immer da.“

SID: „Ihr Grand Slam 2001/2002 ist bis heute einzigartig. Wen sehen Sie in diesem Jahr vorne?“

Hannawald: „Ich erwarte einen Zweikampf zwischen Peter Prevc und Severin Freund. Für beide spricht die Erfahrung, sie können mit dem Druck umgehen. Beide wissen, wie es ist, als Führender ganz oben zu stehen. Aber auch einen norwegischen Sieg kann ich nicht ausschließen.“

SID: „Bei Severin Freund heißt es seit Jahren, dass nun der Knoten bei der Tournee platzt. Warum hat es nie geklappt?“

Hannawald: „Man kann eine Tournee nicht planen, so wie man auch einen Sieg nicht planen kann. Man muss sich an vier Tagen durchboxen, hinzu kommen der Reisestress und so viele Dinge vor Ort, die man nicht vorhersehen kann. Man braucht auch das Glück des Tüchtigen.“

SID: „Und dennoch glauben Sie an Freund?“

Hannawald: „Ich habe zuletzt viel über Severin gelernt. Er hat keine Probleme damit, sich in den Fokus zu stellen. Er sagt zum Beispiel, dass er Weltmeister werden will - und dann wird er es auch. Davor habe ich Respekt.“

SID: „Wäre seine Karriere ohne einen Tournee-Erfolg unvollendet?“

Hannawald: „Ohne einen Tournee-Sieg ist schon eine Lücke da. Das sieht man an Simon Ammann, der sich diesen Traum unbedingt erfüllen will. Die Tournee ist einfach ein Markenzeichen. Für mich war das schon als ganz kleiner Junge ein ganz großes Ziel. Ich bin froh, dass ich sie gewonnen habe. Andere Titel sind für mich weniger wert. `

SID: `Zuletzt siegten Thomas Diethart und Stefan Kraft, ohne vorher je im Weltcup gewonnen zu haben. Kann der 16 Jahre alte Domen Prevc diese Serie fortsetzen?“

Hannawald: „So etwas kann es immer geben. Er hat auch den Vorteil, dass er im Gegensatz zu den Favoriten Weihnachten ganz in Ruhe verbringen und Energie tanken konnte. Aber ob er alle vier Springen durchsteht? Auch in Engelberg war er am zweiten Tag nicht mehr ganz so gut.“

SID: „Und die Österreicher? Reißt in diesem Jahr die Siegesserie? `

Hannawald: `Ich glaube schon. Das soll nicht heißen, dass ich es ihnen nicht gönne, aber es sieht ganz so aus. Klar, Michael Hayböck hat in Engelberg noch einmal gezeigt, was er kann. Aber ich glaube, dass wir in Oberstdorf die normale Reihung aus dem Weltcup sehen werden.“

SID: „Was ist mit Gregor Schlierenzauer los?“

Hannawald: „Von außen betrachtet, scheint er etwas antriebslos zu sein. Wenn man sieht, was er alles erreicht hat, ist das auch verständlich. Irgendwann sendet der Körper nicht mehr diese Signale, dass er frei und unbeschwert springen kann.“

SID: „Was trauen Sie Richard Freitag zu?“

Hannawald: „Er kann bei Einzelspringen vorne dabei sein. In Engelberg hat man aber auch gesehen, wie schnell es vorbei sein kann, wenn die Landung nicht klappt.“

SID: „Bei der Tournee werden wieder die Einschaltquoten steigen, die Arenen sind voll. Was ist das Faszinierende an diesen zehn Tagen?“

Hannawald: „Die Tournee hat einfach eine lange Tradition. Zudem läuft kein Fußball im Fernsehen, keine Formel 1, viele haben zu dieser Zeit frei. Da genießt auch das Skispringen eine hohe Aufmerksamkeit.“

SID: „Wie wichtig ist der Auftakt in Oberstdorf?“

Hannawald: „Dort wird der Grundstein gelegt. Jeder hofft auf ein positives Ergebnis, um direkt vorne mit dabei zu sein. Wenn man dort einen Dämpfer erhält, kommt man gleich ins Rödeln. Aber auch das kann man noch korrigieren.“

SID: „Und Sie werden dort wieder um Ihren Rekord zittern?"

Hannawald: „So wie jedes Jahr. Es gab und gibt viele, die in der Lage sind, das zu schaffen. Aber es spielen eben auch andere Sachen eine Rolle, und am Ende hat bei allen das letzte Puzzlestück gefehlt. Ob es jemand schafft oder nicht, ist einfach von so unglaublich vielen Faktoren abhängig.“

Interview: Erik Roos

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