Löw trotzig: "Wir sind Frankreich voraus“"

Sechs Wochen für nichts - so wirkt die Enttäuschung

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Jogi Löw. 

Marseille - Die Deutschen waren als Weltmeister nach Frankreich gekommen – mit dem Ziel, das zu erreichen wie in den vergangenen Jahren die Spanier. Und jetzt das Aus. Eine Analyse.

Marseille – Mats Hummels verließ das Stade Velodrome in Marseille mit einem Buch in der Hand. Er zeigte kurz den Deckel her. Don Winslow, Kings of Cool, Verbrechensstorys aus Amerika. Wie ist es? „Kann ich noch nicht sagen“, beschied Hummels, „habe ich erst im Bus auf der Herfahrt angefangen“. Ja, er wird jetzt schnell vorankommen in diesem Schmöker, er hat Zeit, die Ferien (drei Wochen, bis es für ihn bei seinem neuen Verein, dem FC Bayern, losgeht) haben früher begonnen als erwartet. Weil die deutsche Mannschaft schon im Halbfinale dieser Europameisterschaft ausgeschieden ist: 0:2 gegen Frankreich.

Mats Hummels war gesperrt gewesen, darum hatte er auch die Muße, sich mit einem Buch zu befassen. Trotzdem traf ihn das Ausscheiden genauso. Er hat gerechnet: Wenn er jetzt noch mal Europameister werden will, muss das 2020 klappen, bei dem Turnier, das über den gesamten Kontinent verstreut stattfinden wird. Beim übernächsten Mal wäre er 35. Zu spät.

Hummels war auch bei der verpassten Chance 2012 dabei, er findet, dass das Aus 2016 das bitterere ist. „Dass man heimfährt, ist leichter zu akzeptieren, wenn man die schlechtere Mannschaft war – wie wir vor vier Jahren gegen Italien.“ Interessant ist, dass Manuel Neuer es genau gegenteilig empfindet. „Lieber scheide ich so aus“, sagte der Torwart übers Hier und Jetzt, „wo wir mindestens gleich gut waren.“ Man habe sich deutlich weiterentwickelt seit der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine.

Doch ob dieses alte Turnier noch die Referenzgröße sein kann? Schließlich waren die Deutschen als Weltmeister nach Frankreich gekommen – und mit der klaren Zielsetzung, etwas zu erreichen wie in den vergangenen Jahren die Spanier, die auf den WM-Titel 2010 auch den EM-Erfolg 2012 hatten folgen lassen (und überdies schon 2008 Champion von Europa geworden waren). Nüchtern bleibt festzuhalten: Die Ansprüche, die man an sich selbst gestellt hatte, blieben unerfüllt. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff schilderte die tiefe Enttäuschung in der Truppe. Nach sechs Wochen harter Arbeit, beginnend mit dem Trainingslager in Ascona, herrsche bei den meisten Spielern die Stimmung vor: „Unter den besten Vier zu sein – das ist nichts, wovon sie sich etwas kaufen können.“ Mats Hummels formulierte es noch klarer: „Auf gut Deutsch: Die Stimmung ist scheiße.“

Joachim Löw legte, als die 0:2-Niederlage unabwendbar geworden war, die Hände an die Wangen, er wirkte wie aus dem berühmten Gemälde „Der Schrei“. Entsetzt über das, was er sah. Also nicht über die Darbietung seiner Mannschaft, sondern über das Ergebnis. Er stellte die „machtvolle Körpersprache“ heraus, die seine Spieler gezeigt hätten, die Dominanz, die sie auf dem Platz gelebt hätten. „2010 und 2012“, bezog er sich auf vergangene WM- und EM-Turniere, „sind wir ausgeschieden, weil die Gegner (Spanien und Italien, d. Red.) uns etwas voraus hatten. Diesmal hatten wir Frankreich etwas voraus.“ Manuel Neuer meinte auch, Deutschland als Heimmannschaft hätte nicht so auftreten dürfen, wie Frankreich es getan hätte. Was wäre da losgewesen im kritischen Zuschauervolk?

Warum aber gewann man nicht? „Manche Bälle gingen knapp vorbei“, sagte Löw, und das klang, als mache er dafür einfach Schicksalhaftigkeit verantwortlich. Toni Kroos wurde deutlicher: „Bei diesem Turnier hat einfach die Kaltschnäuzigkeit gefehlt.“ Das listete er unter Punkt A. Er hatte auch noch ein B zu bieten: „Allen Turniergegentoren gingen individuelle Fehler voraus. Mit Taktik hatte das nichts zu tun.“ Zwei der drei Gegentreffer hatten ihre Ursache in Handelfmetern (Boateng, Schweinsteiger) – „man kann nicht auf jede Situation vorbereitet sein“, sagte Kroos. Am Ende blieb Joachim Löw nur noch übrig, die Brechstange einzusetzen. „Gefühlt war jeder Ball nach vorne noch gefährlich für die Franzosen“, fand Manuel Neuer.

Ziele verfehlt trotz aller Anstrengung – und wie geht es weiter? Joachim Löw hat einen Vertrag bis 2018. Ob er daran etwas ändern wolle, daran habe er „im Moment, wo die Stachel tief sitzen, keine Gedanken“. Er habe nie Überlegungen geführt, „was passieren könnte, wenn wir verlieren“.

In ein paar Tagen werde er sich zwecks Verabredung zur Aufarbeitung mit dem Rest des Trainerteams zusammentelefonieren. Oliver Bierhoff ist nicht beunruhigt: Das sei beim Jogi ja immer so, dass er Abstand brauche: „Ich gehe davon aus, dass er weitermacht.“

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