Weinanbau seit der Römerzeit

Grüne Hügel und Olivenhaine: Das Weinanbaugebiet Montefalco

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Das Weingut Scacciadiavoli ist nach einem Exorzisten benannt.

Auf den Plateaus erheben sich mittelalterliche Stadtmauern und Kirchtürme. Es ist eine ruhige, malerische Idylle mitten im Herzen von Italien, in Umbrien. Schon seit der Römerzeit wird hier Weinanbau betrieben.

In dieser lieblichen Gegend reift vor allen ein grandioser Rotwein heran, der hierzulande aber noch wenig bekannt ist: Der Sagrantino di Montefalco DOCG - gewonnen aus der gleichnamigen autochthonen Rebsorte Sagrantino. Franziskanermönche aus Kleinasien brachten sie in das Gebiet. Die Weine wurden lange Zeit als Messwein verwendet, daher auch der Name: vino sacro, Sagrantino. Die Sagrantino-Rebe ist reich an Polyphenolen und Tanninen, die dem Wein Struktur und Langlebigkeit verleihen. Eine Mindestreife von 37 Monaten ist vorgeschrieben, mindestens zwölf davon lagert der Wein im Holzfass. Der Sagrantino zeichnet sich durch seine rubin- bis granatrote Farbe und sein Brombeer-Bouquet aus.

Sanft geschwungene Hügel prägen die Landschaft rund um Montefalco, das wie ein Falkennest auf einer 431 Meter hohen Erhebung thront.

Mittelpunkt des eng umgrenzten Weinanbaugebiets ist Montefalco in der Provinz Perugia. Eine der wenigen italienischen Städten, in denen auch innerhalb der Stadtmauern Wein hergestellt wurde und wird. Ein Besuch Montefalcos lässt bis heute die Weinherstellung und die bäuerliche Bewirtschaftung lebendig werden. Wegen ihrer exponierten Lage auf einem Hügel wird die Stadt als der „Balkon Umbriens” bezeichnet. Von hier aus schweift der Blick über die Ebene bis nach Assisi, Foligno und Spello, Trevi und Spoleto. Bereits zur Zeit der Römer siedelten sich hier römische Patrizier an und bauten Villen. Montefalco ist nicht nur im übertragenen Sinne, sondern auch geografisch das Herz der Valle Umbra. Von jedem Punkt des Tales aus erkennt man die unverwechselbare 431 Meter hohe Erhebung und die Stadtmauer von Montefalco.

Der Balkon Umbriens: Montefalco.

Obwohl Weinanbau in der Region schon seit Jahrhunderten Tradition hat, sind deren authentischen, sorten- und gebietstypischen Weine außerhalb Umbriens und Italiens noch vergleichsweise unbekannt. Erst in den vergangenen Jahrzehnten wurde der Weinanbau zunehmend professioneller aufgezogen und haben sich immer mehr Weingüter gegründet. Neben dem Sagrantino dominieren der Rosso di Montefalco aus der Sangiovese-Traube und zu einem kleinen Teil aus Sagrantino sowie der Bianco di Montefalco aus Grechetto- und Trebbiano-Trauben. Bei Händlern, Sommeliers und Weinliebhabern finden all diese Weine wegen ihrer ganz eigenen Charakteristik und Typizität zunehmend Anerkennung. In vielen Gütern arbeiten bestens ausgebildete Önologen und praktisch alle Winzer haben in neue Anlagen mit zeitgemäßer Technik investiert. „Montefalco ist eines der spannendsten Weinanbaugebiete des ganzen Landes“, sagt Filippo Antonelli vom gleichnamigen Weingut. Der 56-jährige Jurist engagiert sich beim 1980 gegründeten „Consorzio Tutela Vini Montefalco” und war zehn Jahre bis 2006 dessen Präsident. Befördert hat die Entwicklung vor allem die 1992 zuerkannte DOCG-Appellation für den Sagrantino. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Anbaufläche allein für den Sagrantino verfünffacht. Dabei agieren die Winzer mit Umsicht. So bleibt der Sagrantino mit 1,5 Millionen Flaschen pro Jahr eine hochexklusive Angelegenheit. Auch nachhaltiger und ökologischer Weinanbau wird in Montefalco groß geschrieben. So hat das Konsortium ein entsprechendes Pilotprojekt gestartet, mit dem unter anderem der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln reduziert werden soll, berichtet Antonelli.

Die zunehmende Popularität hat auch den Tourismus beflügelt, der ebenso in seinen Ausprägungen sanft bleibt. Unter dem Motto „Kultur, Wein und Land“ sollen die Gäste Umbrien von der naturnahen Seite erleben. Viele Weingüter – auch Antonelli – bieten Unterkünfte an, organisieren Kochkurse mit Küchenchefs, um die umbrische Küche kennenzulernen, und laden zu Weinbergwanderungen ein.

Weinlese rund um Montefalco.

In diesem Sinne hat – zumindest im optischen Sinne – der „Balkon Umbriens“ Konkurrenz bekommen. Von weithin sichtbar erhebt sich seit 2012 ein gut und gern zehn Meter hoher leuchtend roter Pfeil. Er markiert die Stelle, wo sich der „Carapace“ befindet: ein kuppelförmiges Gebäude, das sich aus den Weinhängen hervorschält und dessen Form an einen Schildkrötenpanzer erinnert. Der „Carapace“ ist Kunstobjekt und funktioneller Bau in einem. Die kupfergedeckte Kuppel scheint von Rissen durchzogen wie das umliegende Land von Furchen. Der italienische Bildhauer Arnaldo Pomodoro hat den „Carapace“ für die Lunelli-Familie erschaffen, die dort 2001 das Weingut „Tenuta Castelbuono“ erworben hat. Berühmt sind die Lunellis vor allem für ihre „Ferrari“-Schaumweine. In Umbrien haben sie sich mit dem „Carapace“ ihre Vision erfüllt, „eine Kellerei zu erschaffen, die einem Schrein für den Wein gleicht Entstanden ist die weltweit erste Skulptur, in der es möglich ist, zu leben und zu arbeiten, ein Ort, an dem Kunst und Natur, Skulptur und Wein miteinander im Einklang sind“, erzählt Aurora Menghini beim Rundgang. Im Innern des „Schildkrötenpanzers“ ist die Vinothek: Eine Rundum-Verglasung öffnet einen spektakulären Panorama-Blick. Im Keller, den Pomodoro als hohes sakralähnliches Gewölbe gestaltet hat, befindet sich die Kellerei mit Lager und Herstellung. 2012 wurde der „Carapace“ eröffnet. „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, in einem meiner Werke spazieren gehen, mich unterhalten und trinken zu können”, kommentierte danach der Bildhauer.

In den felsigen Untergrund hat Peter Heilbron seine Keller gebaut.

Modern präsentiert sich ebenso die Tenuta Bellafonte: Der Name des Weinguts ist ein Hinweis auf den deutschen Namen seines Besitzers Peter Heilbron. Der frühere Manager aus der Getränkeindustrie hat sich 2007 mit seiner Frau Sabina den Traum vom eigenen Weingut erfüllt. Es liegt im Herzen Umbriens, bei Bevagna, in der Nähe der kleinen Ortschaft Torre del Colle. „Ich liebe Wein. Und dann habe ich mir gedacht, dass ich ihn nicht mehr nur trinken, sondern auch produzieren möchte.“ 2010 konnte Peter Heilbron seinen ersten eigenen Wein kosten. Er setzt ganz auf umweltschonenden Anbau mit Solaranlagen und Biomasse-Heizung. Die Keller sind in den felsigen Untergrund gebaut und zeichnen sich dadurch durch ideale Belüftung und natürliche Kühlung und Feuchtigkeit aus. Verwendet wird natürlicher Dünger. Die meisten Arbeiten werden von Hand ausgeführt. Für die Weine werden die besten Trauben ausgewählt, dann nur entstielt, nicht gepresst, die Gärung erfolgt über die natürliche Traubenhefe - ausgelöst durch die Kellertemperaturen. Die Weine werden ohne Filtrierung in die Flaschen gefüllt. Bellafonte produziert einen Sagrantino und den weißen Arneto aus der Trebbiano Spoletino-Rebe.

Tradition kennzeichnet indes das Weingut „Scacciadiavoli“ aus. Es ist das älteste in Montefalco und benannt nach einem Exorzisten, der einst in der Nachbarschaft gelebt hat, erzählt Iacopo Pambuffetti. Sein Ur-Großvater Amilcare Pambuffetti kaufte 1954 das 1884 von Prinz Ugo Boncompagni-Ludovisi gegründete Gut, das von der Familie bis heute in vierter Generation bewirtschaftet wird. Das ganze Gut atmet Geschichte. „Aber trotzdem denken wir weiter und immer nach vorne“, sagt Iacopo Pambuffetti. Und so war „Scacciadiavoli“ das erste Weingut im Anbaugebiet Montefalco, das einen Sekt aus der Sagrantinotraube herstellte. Bei diesem Sekt verläuft die zweite Gärung in der Flasche nach dem klassischen Verfahren, mindestens 18 Monate lang. Das Ergebnis: Ein frischer, fruchtiger Sekt mit so gut wie keinem Restzucker.

Weitere Informationen

Weingüter

www.consorziomontefalco.it/de

www.tenutelunelli.it

www.antonellisanmarco.it

Unterkunft in Montefalco

Hotel Degli Affreschi
Preise 70 bis 150 Euro
www.hoteldegliaffreschi.it

Restaurant in Montefalco

Ristorante Il Coccorone

www.coccorone.com

Sehenswürdigkeit in Montefalco

Museo di San Francisco

Mehr zum Ort Montefalco

www.montefalcodoc.it

Von Sonja Thelen

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