In Kiel

Weiterer Patient mit multiresistentem Keim gestorben

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Seit Mitte Dezember kämpft das Universitätsklinikum in Kiel gegen die Ausbreitung eines gefährlichen multiresistenten Keims.

Kiel - Am Uni-Klinikum in Kiel ist die Zahl der gestorbenen Patienten mit multiresistentem Keim auf 12 gestiegen. Die Klinik weist den Vorwurf zurück, wegen Personalmangels werde gegen Hygiene-Vorschriften verstoßen.

Im Universitätsklinikum Kiel (UKSH) ist ein weiterer mit multiresistentem Keim infizierter Patient gestorben. Damit erhöhte sich die Zahl der Toten auf 12, sagte Klinikchef Jens Scholz am Montag bei einer Pressekonferenz. Alle trugen neben ihren teils schweren Erkrankungen das Bakterium Acinetobacter baumannii in sich. Bei 3 der Gestorbenen könne nicht ausgeschlossen werden, dass der sogenannte MRGN-Keim für den Tod ursächlich gewesen sei. Bei 9 gestorbenen Patienten sei dies nach Aussage der behandelnden Ärzte definitiv auszuschließen.

Vehement wies Scholz Vorwürfe der Gewerkschaft Verdi zurück, Personalmangel sei schuld für Hygiene-Verstöße und damit möglicherweise auch für die Ausbreitung des für Gesunde ungefährlichen, für Kranke aber gefährlichen Keims. „Wir haben am UKSH einen besseren Personalschlüssel als den Bundesreferenzwert“, sagte Scholz. Der Krankenhausgesellschaft liegen keine Hinweise auf Hygienefehler oder andere Defizite in diesem Bereich vor.

Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) betonte, jetzt müsse die Beseitigung des Keims im UKSH im Vordergrund stehen. „Im Anschluss steht eine Aufarbeitung im Fokus. Dazu gehört auch die Frage, ob und wie wir in Deutschland beim Patienten-Screening Verbesserungen erzielen können.“

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) brachte eine Verschärfung der Meldepflichten auf den Weg. Damit sollen derartige resistente Erreger nicht erst bei Krankheitsausbruch, sondern beim ersten Nachweis des Erregers gemeldet werden. Die Verordnung soll im Sommer in Kraft treten. Es sollen Verfahren erprobt werden, mit denen Patienten schon vor Klinikaufenthalten auf gefährliche Keime untersucht werden.

Seit Mitte Dezember wurde laut Scholz bei insgesamt 31 Patienten - einschließlich der 12 Gestorbenen - der gegen nahezu alle Antibiotika resistente Keim festgestellt. Aktuell liegen 16 auf den Keim positiv getestete Patienten im Klinikum.

Die Hygiene-Ärztin des UKSH, Bärbel Christiansen, sagte, nur die wenigsten der 31 Patienten seien mit dem Keim infiziert gewesen. Bei den meisten sei der Keim nur auf dem oder in dem Körper nachgewiesen worden („kolonisiert“), ohne dass Symptome ausbrachen. Zahlen nannte sie nicht.

Als Überträger des Keims wird ein 74-jähriger Deutscher vermutet, der nach einem Unfall zunächst in der Türkei behandelt und dann ins UKSH verlegt wurde. Christiansen sagte, bei dem Patienten sei ein breitgestreutes Screening auf Erreger erfolgt. Aber das Ergebnis dauere mehrere Tage, und da es sich um einen Notfall gehandelt habe, sei der Mann aufgenommen worden. Er kam in ein Dreibettzimmer, weil ein Einzelzimmer nicht zur Verfügung stand, wie Scholz erläuterte.

Mit Hilfe von Fachwissenschaftlern aus Frankfurt am Main will das Klinikum den Keim-Befall jetzt möglichst schnell beseitigen. Die Experten bescheinigten nach einer Begehung, die Klinik habe Isolierungs- und Hygiene-Maßnahmen bestmöglich durchgeführt - soweit es der Bauzustand des UKSH zulasse. Für das veraltete UKSH besteht ein umfassender, mehrere Hundert Millionen Euro teurer Masterplan für Sanierungen und Neubauten.

Auf Rat der Experten wird in Kiel das sogenannte Abstrich-Regime verschärft. So sollen Kontaktpersonen jetzt insgesamt dreimal statt bisher zweimal auf den Keim getestet werden - in Abständen von sieben Tagen. Erst dann würden Kontaktpersonen entlassen. Allerdings betonten die Experten, dass Personen, die einmal positiv getestet wurden, ihr ganzes Leben anderen Krankenhäusern als positiv gemeldet würden. Denn trotz aller „Dekolonisierungsmaßnahmen“ ließen sich nicht alle Erreger aus dem Dickdarm herausbekommen. Diese Menschen seien aber dennoch gesund und ohne Beschwerden.

Bei den hinzugezogenen Experten handelt es sich um Prof. Volkhard Kempf, dem Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene, und Privatdozent Christian Brand, Leiter des Bereichs Krankenhaushygiene, vom Uni-Klinikum Frankfurt. Beide arbeiten in einem Projekt der Deutschen Forschungsgesellschaft über das Acinetobacter baumannii. Kempf betonte, diese Bakterie sei erst seit 15 Jahren bekannt und ein internationales Problem. In den USA habe es 7500 Infektionen und 500 Todesfälle gegeben. „Viele kennen sich zu ungenügend mit dem Keim aus“, sagte Kempf.

Klinikchef Jens Scholz berichtete über große Verunsicherung unter Patienten und Angehörigen. Außerdem gebe es inzwischen Krankenhäuser, die Patienten aus dem UKSH nicht mehr aufnähmen.

Einen Hygiene-Aktionsplan von Bund und Ländern forderte die Deutsche Stiftung Patientenschutz. „Es ist nicht akzeptabel, dass wir jedes Jahr 40 000 Tote durch Krankenhausinfektionen beklagen“, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Gröhe müsse rasch handeln.

Pressemitteilung des UKSH vom 23. Januar

dpa

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