Unterstützer schweigt

Böhnhardt-Bruder bestreitet Kontakt zu NSU

+
Der Bruder von Uwe Böhnhardt war als Zeuge geladen.

München - Der Bruder von Uwe Böhnhardt sagt als Zeuge, er habe sich stets ferngehalten. Dafür gerät der Mitangeklagte André E. ins Visier - er soll die Szene maßgeblich organisiert haben.

Der Bruder des mutmaßlichen NSU-Mörders Uwe Böhnhardt hat jeglichen Kontakt zu den untergetauchten Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ bestritten. Dass Uwe „reingerutscht ist in die Szene“ habe er zwar bemerkt, „aber ich habe nicht mitbekommen, dass es so schlimm war“, sagte er am Mittwoch als Zeuge im NSU-Prozess. Ob er gewusst habe, dass Uwe und seine Freunde an rechten Demonstrationen teilnahmen? „Nee, darüber haben sie nie etwas erzählt.“ Vielleicht war es wirklich so, wie der Böhnhardt-Bruder allgemein über rechte Gesinnung sagt: „War halt damals Kult.“

Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe habe er als Freundin seines Bruders kennengelernt. „Können Sie beschreiben, wie sie sich verhalten hat?“, fragt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl mit Blick auf Zschäpe. „Ganz normal.“ Und zur Beziehung der beiden: „Sie hat ihn weder geschlagen, er sie auch nicht. Ganz normal. Wie ein Pärchen halt.“ Gelächter im Gerichtssaal. Dass auch Zschäpe zur rechten Szene gehörte, habe er erst später mitbekommen. Er habe sogar gehofft, sie könne seinen Bruder von diesem Umgang abhalten.

Er habe mit Uwe bis zu dessen Abtauchen in die Illegalität im Jahr 1998 immer ein gutes Verhältnis gehabt, sagte der Bruder. Er selbst habe aber nie zur Szene dazugehört. Wenn Uwe ihn in seiner Wohnung besuchte, habe er die Springerstiefel ausziehen müssen. Dass er rechtsradikale Musik hörte, habe er gewusst. Dass bei seinem Bruder schon längst nicht mehr alles „ganz normal“ war, muss ihm dennoch aufgefallen sein. Mehrfach habe die Polizei ihm Messer und Druckluftwaffen weggenommen.

"Uwe hatte ein gutes Verhältnis zu Waffen"

„Was für ein Verhältnis hatte er zu Waffen“, will der Richter wissen. Böhnhardts Antwort klingt eher skurril als normal: „Ein gutes.“ Einmal habe er ihn in der Untersuchungshaft besucht - weshalb sein Bruder dort saß, wisse er aber nicht mehr. Und: „Immer, wenn irgendwas gewesen ist, wurde bei meinem Vater die Garage durchwühlt, drei oder vier Mal.“ Zuletzt fanden die Ermittler in Uwes eigener Garage Rohrbomben - das Trio tauchte ab.

Die Eltern trafen sich nun unter konspirativen Umständen mit Uwe und seinen Komplizen. Er sei nie dabei gewesen, sagte der Bruder. „Meine Eltern wollten mich nicht hineinziehen. Deswegen haben sie mir nicht gesagt, dass sie sich treffen.“ Heimlich hätten sie aber Bilder seiner Tochter mitgenommen - Uwe hing sehr an der kleinen Nichte.

Nachfragen der Nebenkläger zielen auf die Vermutung, er könne der Szene damals doch näher gestanden haben als er zugibt. Erhärten lässt sich das nicht.

Unterstützer schweigt vor Gericht

Davor beschäftigte sich das Gericht mit einem Unterstützer, der Mietverträge für konspirative Wohnungen des Trios unterschrieben hatte, darunter auch für die letzte Fluchtwohnung in Zwickau. Der mutmaßliche Helfer verweigerte zwar die Aussage, das Gericht behalf sich aber damit, einen Kriminalbeamten zu befragen, der ihn verhört hatte.

Demnach hatte der Mitangeklagte André E. den Mann an Uwe Mundlos vermittelt, der sich als „Max“ vorstellte. Mit „Max“ habe er alle Details vereinbart, etwa, dass er als Haupt- und das Trio als seine Untermieter auftreten. Die Klarnamen der Terroristen wusste er nach Einschätzung des Polizisten nicht. Böhnhardt habe er nur als „Gery“ und Zschäpe als „Lise“ gekannt. Dass das Trio im November 2011 nach einem Banküberfall in Eisenach aufflog, habe der Helfer ebenfalls von André E. erfahren, der ihn anrief und mitteilte, dass „es eine Explosion in dem Haus gegeben hat. Das Ding war hin. Kaputt“.

NSU von dichtem Netz von Anhängern umgeben

André E. geriet am Mittwoch zusätzlich ins Visier der Nebenkläger-Vertreter, die die Hinterbliebenen der NSU-Opfer vertreten. Sie forderten in einem Beweisantrag, mehrere Ausgaben einer mutmaßlich von ihm mitverfassten Untergrundzeitschrift als Beweismittel zu verlesen und mehrere Zeugen dazu zu vernehmen. Darin gehe es um die theoretischen Grundlagen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, sagten die Anwälte Seda Basay und Yavuz Narin. „Der NSU war von einem dichten Netz von Anhängern umgeben“, heißt es in dem Antrag. Dazu zählten Gruppen wie „Blood & Honour“, die militanten „Hammerskins“ oder die von André E. und seinem Zwillingsbruder gegründete „Weiße Bruderschaft Erzgebirge“.

In den Heften, die aus dem Jahr 2000 stammten, werde zu einem „Racial Holy War“ aufgerufen, einem „Rassischen Heiligen Krieg“. Propagiert werde ein „bewaffneter Kampf in führerlosen Zellen“ und zur Tötung von Angehörigen „minderwertiger“ Rassen aufgerufen. Finanzieren sollten sich die Zellen mit Banküberfällen. Die Beschreibung gilt den Nebenklägern als Blaupause für das spätere Vorgehen des NSU.

Am Donnerstag wird ein weiterer Szenezeuge vernommen, der mutmaßliches Mitglied der „Hammerskins“ war. Fragen nach dieser Gruppe hatte er bei seiner letzten Vernehmung nicht beantwortet, worauf der Vorsitzende Richter ihm eine Ordnungsstrafe androhte.

dpa

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Meistgelesen

Alexander Van der Bellen ist neuer Bundespräsident
Alexander Van der Bellen ist neuer Bundespräsident
Bundespräsidentenwahl 2016 in Österreich: Die letzten Umfragen und Prognosen
Bundespräsidentenwahl 2016 in Österreich: Die letzten Umfragen und Prognosen
Flüchtlings-Satire sorgt für Empörung - Bundespressekonferenz entschuldigt sich
Flüchtlings-Satire sorgt für Empörung - Bundespressekonferenz entschuldigt sich
Bundespräsidentenwahl in Österreich: Wann gibt es heute Ergebnisse?
Bundespräsidentenwahl in Österreich: Wann gibt es heute Ergebnisse?
Beschämend: Debatte zu Aleppo im Bundestag - und keinen interessiert es
Beschämend: Debatte zu Aleppo im Bundestag - und keinen interessiert es