Scheidender Berliner Bürgermeister

Klaus Wowereit: "Ich bereue nichts"

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Klaus Wowereit.

Berlin - Klaus Wowereit (61) zeigt sich zu seinem Abschied von der politischen Bühne entspannt. Einen Rat gibt der als Partymeister verschriene scheidende Berliner Bürgermeister seiner SPD aber noch mit.

Sein Prinzip sei immer „heitere Gelassenheit“ gewesen. „Ich bereue nichts“, sagte Berlins scheidender Regierender Bürgermeister dem „Spiegel“ zu dem berühmten Foto mit rotem Stöckelschuh und Champagnerflasche, das ihm die 13 Jahre seiner Regierungszeit anhaftete. Das zeige nur die Macht der Bilder.

Das Klischee des Regierenden Partymeisters habe auch nicht direkt geschadet, „ansonsten wäre ich ja nicht wiedergewählt worden“. Aber es sei natürlich „Quatsch“. Der Arbeitstag eines Regierenden Bürgermeisters fange nicht um 20.00 Uhr bei der Bambi-Verleihung an, sondern um 6 Uhr früh. „Ich bin Preuße durch und durch. Harte Arbeit ist für mich Pflichterfüllung“, sagte der gebürtiger Berliner. Was er nach seinem Rücktritt am 11. Dezember nicht vermissen werde: „Das ich mich für jeden Quatsch rechtfertigen muss.“

Wowereit empfiehlt SPD einen Ruck nach links

Der scheidende Berliner Bürgermeister hat seiner Partei einen Ruck nach links nahegelegt. "Ich finde, wir müssen vor allem die Wähler der Linken und der Grünen wieder zu uns holen", sagte Wowereit dem "Spiegel". Dies sei erfolgversprechender als "der berühmte Kampf um die Mitte", also der Versuch, "etwas von den Konservativen zu uns herüberziehen zu können".

Wowereit grenzte sich in dem Interview für die aktuelle Ausgabe des "Spiegel" auch von dem Versuch von SPD-Chef Sigmar Gabriel ab, die Wirtschaftskompetenz der SPD in den Vordergrund zu stellen. "Dass die SPD Wirtschaft kann, hat sie bewiesen. Wahltaktisch wichtiger ist ihr soziale Profil", sagte er dem Magazin. Das größte Problem für die SPD sei, "dass sich neben ihr im linken Spektrum zwei weitere Parteien fest etabliert haben".

Wowereit übernahm damit teilweise Positionen des linken Flügels der SPD, der sich vor einer Woche in einer "Magdeburger Plattform" neu formiert hatte.

Wie geht's weiter mit Berlins Kultur nach Wowereit?

Man kann dem scheidenden Berliner Regierungschef Klaus Wowereit (61) nachsagen, was man will, aber für die Kultur hatte der SPD-Politiker ein besonderes Händchen. Unter seiner 13-jährigen Ägide hat sich die Bundeshauptstadt zu einer der angesagtesten Kulturmetropolen weltweit entwickelt, ohne ihren Charme als schrille Szenehochburg zu verlieren. Jedes Jahr gibt es neue Besucherrekorde, 2013 kamen mehr als elf Millionen Gäste.

Und jetzt? Nachfolger Michael Müller (49), der vergangene Woche schon mal seine Regierungsmannschaft vorstellte, wird am 11. Dezember nicht nur als Regierender Bürgermeister vereidigt, sondern wie Wowereit zugleich auch als Kultursenator. Beide Ämter sind zumindest für die laufende rot-schwarze Koalition aneinander gekoppelt. Erst bei der nächsten Wahl in zwei Jahren würde die Verfassung wieder einen eigenen Senatorensitz erlauben.

Müller, ebenfalls Sozialdemokrat und bisher für Stadtentwicklung zuständig, gilt als bodenständiger, gradliniger und verlässlicher Politiker - durch kulturelle Ambitionen ist er bisher allerdings nicht aufgefallen. Gleichwohl sehen die Ansprechpartner in Bund und Land den Wechsel auch als große Chance.

„Wowereit hat das Berliner Lebensgefühl aufgegriffen und für den Glamoureffekt in der Politik gesorgt“, sagt etwa die Grünen-Abgeordnete Sabine Bangert. „Von Müller erwarten wir, dass er die kulturpolitischen Aufgaben anpackt und inhaltlich umsetzt.“

Und davon gibt es derzeit mehr als genug. So hat sich die seit 2010 laufende Sanierung der von Daniel Barenboim geführten Staatsoper längst zu einer Hängepartie mit ungewissem Ausgang entwickelt. Im Herzen der Stadt wird für 590 Millionen Euro die zu DDR-Zeiten gesprengte Residenz der Preußenkönige wieder hochgezogen, während Berlin noch bis vor kurzem mit einem Ausstieg aus dem dort geplanten prestigeträchtigen Kulturzentrum liebäugelte.

Und die überraschende Entscheidung des Bundestags, 200 Millionen Euro für ein Museum der Moderne bereitzustellen, gibt dem Land die einmalige Chance, den städtebaulichen Schandfleck am Kulturforum in der Nähe des Potsdamer Platzes zu beseitigen. Vorerst scheint der Elan allerdings schon wieder im kleinlichen Kompetenz-Hick-Hack zwischen Bund und Land zu ersticken.

Doch auch hier gibt es Hoffnung auf Müller. Dem SPD-Politiker wird ein gutes Arbeitsverhältnis zu Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) nachgesagt. So gelang es den beiden im direkten Gespräch, die fast schon satirereife Blockade um das seit 2007 geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal zu beenden. Inzwischen gibt es Lösungen für den behindertengerechten Zugang, die verborgenen kaiserlichen Mosaike und sogar das im Sockel entdeckte Völkchen seltener Wasser-Fledermäuse.

Da in Berlin wegen der bundesweiten Leuchtturmfunktion der Stadt fast alles in Bund-Länder-Absprache läuft, kann ein guter Draht nicht schaden. Daneben warten reichlich landeseigene Hausaufgaben auf den „Neuen“: die prekäre Situation der freischaffenden Künstler, der Mangel an erschwinglichen Arbeits- und Aktionsräumen - und vor allem die ausstehende Entscheidung über die Zentral- und Landesbibliothek.

Wowereit hatte das auf 270 Millionen Euro veranschlagte Mammutprojekt mit seinem Namen verknüpft. Doch die Berliner machten ihm mit ihrem Nein zum Standort am früheren Flughafen Tempelhof einen Strich durch die Rechnung. Jetzt muss Müller einen zweiten Anlauf wagen.

Für die neuen Herausforderungen hat der Senator in spe mit Kulturstaatssekretär Tim Renner (49) durchaus einen Mitstreiter. Allerdings ist der Quereinsteiger und frühere Musikmanager selbst erst seit sieben Monaten im Amt und zumindest in der klassischen Kultur noch nicht so verwurzelt wie sein über eine Steueraffäre gestürzter Vorgänger André Schmitz.

Dass er selbst keine Berührungsängste hat und auch vor fünf Stunden Wagner nicht zurückschreckt, machte Müller aber vorsorglich schon klar. Er habe sogar einmal eine neunstündige Aufführung von Aischylos' „Orestie“ gesehen, verriet er der „Bild“-Zeitung. Immerhin: In den Pausen gab es bodenständige Erbsensuppe.

dpa/afp

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