Streit ereignete sich auf Schlauchboot

Muslime sollen Christen von Flüchtlingsboot geworfen haben

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Ein Boot der italienischen Küstenwache im Mittelmeer (Archivbild). Wegen eines religiösen Streits sollen zwölf Menschen über Bord eines Flüchtlingsboots geworfen worden sein.

Rom - Muslime sollen Christen über Bord eines Flüchtlingsbootes geworfen haben. Die Katastrophe auf dem Mittelmeer hat eine neue Dimension. Der Fall schürt Ängste, die Rechtsparteien ausnutzen.

Verzweiflung, Leid und Gewalt auf Flüchtlingsbooten zählen Experten immer wieder auf, wenn es um die Beschreibung der Zustände auf jenen Schiffen geht, mit denen sich Zehntausende Menschen nach Europa retten wollen. Aber religiöser Hass? Das ist eine neue Dimension der Katastrophe, die sich derzeit wieder auf dem Mittelmeer abspielt. Die Staatsanwaltschaft in Italien ermittelt wegen Mordes gegen 15 muslimische Migranten, die nach einem Streit zwölf Christen vor der sizilianischen Küste von Bord geworfen haben sollen.

Es begann in Libyen, wo das Schiff laut Polizei ablegte. Augenzeuge Yeboha erzählt der Zeitung „La Stampa“: „Wir waren mehr als Hundert Leute verschiedener Nationalitäten und Religionen an Bord. Nach einem Tag auf dem Meer haben einige Muslime angefangen, uns Christen anzubrüllen, nur aus religiösen Gründen.“ Auf hoher See hätten die Muslime dann begonnen, Christen über Bord zu werfen. „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie neun Ghanaer und drei Nigerianer ins Meer geworfen wurden.“

Konflikte und Streit zwischen den Menschen, die oft unter unwürdigsten Bedingungen die Überfahrt in der Hoffnung auf ein besseres Leben ansetzen, sind keine Seltenheit. „Viele denken, dass die größte Gefahr - wenn alle Migranten an Bord sind - das Kentern ist. Aber Gewalt an Bord ist ein großes Problem“, sagt die Sprecherin der EU-Grenzschutzmission Frontex, Izabella Cooper, der Deutschen Presse-Agentur. Oft seien auf den Booten Menschen verschiedener Nationalitäten, Religionen und ethnischer Gruppen zusammengepfercht. Manchmal seien diese Gruppen verfeindet oder stünden im Krieg, sagt sie.

Unter den oft menschenunwürdigen Umständen an Bord seien Konflikte programmiert. Zudem gebe es auch eine Hierarchie unter den Flüchtlingen, sagt Cooper. „Migranten aus Ländern südlich der Sahara werden am schlechtesten behandelt, sie werden oft in den unteren Decks eingeschlossen.“

Die mutmaßlichen Täter stammen laut Polizei aus Mali, dem Senegal, und der Elfenbeinküste. Die Opfer aus Ghana und Nigeria. Bei Frontex und auch bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) heißt es, solch einen Fall, in dem offenkundig Religion der Auslöser für eine Gewalttat war, bisher noch nicht gehabt zu haben. „Das ist etwas Neues“, zitiert die „New York Times“ einen IOM-Sprecher.

Es sei ein „weiterer Schritt in Richtung Barbarei und der Instrumentalisierung der Religion“, sagt der Generalsekretär der italienischen Bischofskonferenz, Nunzio Galantino, Radio Vatikan. Hinter dem Vorfall steckten jedoch „individuelle Gegensätze“, die mit Religion nichts zu tun hätten.

Der Fall nährt auch die Angst, dass sich religiöse Fanatiker und Terroristen unter die Flüchtlinge mischen und so ihren Weg nach Europa machen könnten. Eine Angst, die vor allem Rechtsparteien erfolgreich schüren. Der ermittelnde Staatsanwalt von Palermo, Francesco Lo Voi, sagt dazu etwas umständlich der Zeitung „La Repubblica“: Wenn sich das bestätigte, was aus ersten Ermittlungen und Augenzeugenberichten hervorgehe, dann werfe das „ein neues Licht auf die Gefährlichkeit einiger Ankünfte“. Aber: Es gebe keine Anhaltspunkte, zu glauben, dass sich unter die Flüchtlinge „Elemente terroristischer Organisationen“ mischten.

In jedem Fall ist Italien mit dem Flüchtlingsstrom, der derzeit die Küstenwache und die Aufnahmelager überstrapaziert, heillos überfordert. Seit das (teurere) italienische Flüchtlingsrettungsprogramm „Mare Nostrum“ Ende vergangenen Jahres von der (billigeren) EU-Grenzschutzmission „Triton“ abgelöst wurde, kritisieren Hilfsorganisationen immer wieder, dass „Triton“ sich auf Abschreckung, aber nicht auf die Rettung von Menschenleben konzentriere.

Seit Anfang des Jahres starben nach IOM-Angaben mehr als 900 Flüchtlinge im Mittelmeer - das seien zehnmal so viel wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Zwar äußern Politiker aller EU-Länder regelmäßig ihr Entsetzen über neue Flüchtlingsunglücke. Geändert hat sich bisher nichts.

dpa

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