Menschenzug an Grenzzaun

Flüchtlinge drängen vor Grenzschließung verzweifelt nach Ungarn

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Flüchtlinge in Nordserbien am Montag auf dem Weg zur ungarischen Grenze. 

Budapest - Weil in Ungarn ab Dienstag schärfere Gesetze gelten, versuchen zahlreiche Flüchtlinge, das Land jetzt noch zu erreichen - und zu durchqueren.

"Das muss heute noch fertig werden", sagt der Polizist und zeigt auf einen noch offenen Abschnitt des Anti-Flüchtlingszauns, den Ungarn an der Grenze zu Serbien baut. "Ab Dienstag wird jeder, der den Zaun überwindet, inhaftiert." 

175.000 Flüchtlinge sind in diesem Jahr bereits eingereist - damit soll nach dem Willen der rechtsgerichteten ungarischen Regierung Schluss sein. Die völlige Schließung des Grenzzaunes ist nur eine von mehreren umstrittenen Maßnahmen, die am Dienstag in Kraft treten sollen. Angesichts dieses Datums beeilen sich verzweifelte Schutzsuchende, noch vorher nach Ungarn und damit in die EU zu kommen. "Ungarn, ist das noch weit? Ist die Grenze noch offen?", fragt eine junge Frau auf der serbischen Seite der Grenze. Wie hunderte andere Flüchtlinge hat sie nur ein Ziel: das EU-Land noch vor Dienstag zu erreichen. 

Entlang der Eisenbahnschienen von Serbien nach Ungarn und durch die noch 30 bis 40 Meter breite Öffnung im ungarischen Grenzzaun zieht am Montag ein schier endloser Menschenzug, der Weg ist übersät vom Müll der erschöpften Flüchtlinge. Allein am Sonntag registrierte Ungarn die Rekordzahl von 5809 Ankömmlingen. 

Ungarns Frist zur Grenzschließung

Auch Fajik aus Afghanistan hat sich auf den Weg nach Europa gemacht, als er gehört hat, dass Ungarn die Grenze dicht machen will. In nur fünf Tagen hat der 20-Jährige es aus der Türkei bis nach Ungarn geschafft - angesichts der Wiedereinführung der Grenzkontrollen durch Deutschland will er sich nun noch mehr beeilen, um doch noch in sein Wunschland zu kommen. 

Bis nach Ungarn geschafft haben es auch Schadi Dalati, seine Frau und zwei Freunde aus dem syrischen Raka. "Wir wussten, dass die ungarische Grenze geschlossen wird, deswegen haben wir keine Pause eingelegt, seit wir vor einer Woche die Türkei verlassen haben", erzählt der 39-Jährige. Geschlafen hat die Gruppe nur in Bussen, zuletzt haben die vier einen 22-Kilometer-Marsch von Serbien bis nach Ungarn hinter sich gebracht. Denn Flüchtlingen, die Ungarns Frist zur Grenzschließung verpassen, droht ein Mammut-Umweg um das Land herum über Kroatien oder Rumänien. 

Kritik von Menschenrechtsorganisation

"Ungarn ist zu einem Ort der Demütigung und des Leides für diese Asylsuchenden geworden", sagt Peter Bouckaert von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch an der serbisch-ungarischen Grenze. "Sie kommen aus Kriegsgebieten, sie werden nicht einfach umkehren, weil es nun einen Zaun gibt, und wir können nicht um ganz Europa herum Zäune bauen." 

Ungarn gibt sich unbeeindruckt von derartigen Appellen und drängt aufs Tempo. Als der Zaun nicht pünktlich fertig zu werden drohte, musste unlängst der Verteidigungsminister seinen Hut nehmen. Sein Nachfolger versprach, die Dinge zu beschleunigen. Fast 4000 Soldaten sowie Häftlinge aus einem nahegelegenen Gefängnis helfen dabei, die Grenze abzuriegeln. 

"Sagt ihnen, dass sie die Grenzen nicht schließen sollen"

Auf der serbischen Seite zeigen sich Flüchtlinge euphorisch, wenn sie hören, dass sie es noch rechtzeitig nach Ungarn schaffen können. "Sagt ihnen, dass wir Menschen sind, dass wir ihren Ländern keinen Schaden zufügen wollen", sagt die 17-jährige Sahra aus der afghanischen Hauptstadt Kabul. Überwunden hat sie schon die Berge des Iran und das Mittelmeer. "Und vor allem sagt ihnen, dass sie die Grenzen nicht schließen sollen." 

Ebenfalls auf der serbischen Seite schreit ein Paar verzweifelt den Namen seines Sohnes, der offenbar im Gewühl verloren ging. "Ahmed! Ahmed!", rufen die verzweifelten Eltern, der Hysterie nahe. Sie sind unmittelbar davor, ungarischen und damit EU-Boden zu betreten - doch gehen sie zurück nach Serbien auf der Suche nach ihrem Sohn.

Alle aktuellen Informationen zur Flüchtlingskrise in München und Bayern finden Sie in unserem Ticker.

Video: Bevor in Ungarn am Dienstag ein drastisch verschärftes Einwanderungsgesetz in Kraft tritt, versuchen am Montag noch viele Flüchtlinge über die serbisch-ungarische Grenze in das Land zu gelangen.

afp

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