Kanzlerin und Nationalspieler unpatriotisch?

Die AfD geht in die EM-Offensive: Nun sind Merkel und Özil dran

München - Die Alternative für Deutschland nutzt den medialen Hype um die EM für ihre eigenen Zwecke. Nun werden Kanzlerin Angela Merkel und Mesut Özil attackiert. Eine Einordnung der aktuellen Ereignisse.

In zehn Tagen schaut die Welt wieder einmal für einen Monat in Frankreich. Wenn ab dem 10. Juni 24 Mannschaften aus ganz Europa um den EM-Titel spielen, liegt auch der mediale Fokus auf der Euro 2016. Doch diese Aufmerksamkeit kann auch für weniger sportliche Zwecke gebraucht werden und wie man das macht, spielt die Alternative für Deutschland (AfD) gerade beispielhaft vor.

Die Rechtspopulisten nutzen nicht nur die Werbeaktion von Ferreros Kinderschokolade, um sich in den Schlagzeilen zu halten, sondern schrecken auch nicht davor zurück, denNationalspieler Jerôme Boateng erst abschätzig aus ihrer Nachbarschaft zu verbannen und nur Stunden später in Person von Frauke Petry den großen Fan zu geben. Kurz darauf folgt dann durch die zweite Frontfrau Beatrix von Storch die nächste Eskalationsstufe. Denn in einem Facebook-Post attackierte sie die Bundeskanzlerin Angela Merkel.

In Anspielung auf deren Reaktion auf die Gauland'sche Entgleisung schrieb von Storch: "niederträchtig" ist eine Politik, die ein Land ruiniert, die den Amtseid mit Füßen tritt und der Versuch, vom eigenen Versagen abzulenken, indem Sie ein falsches Zitat ventilieren." Pflichtschuldig wurde dann auch noch die uneingeschränkte Unterstützung für das DFB-Team (bei dem übrigens nicht wenige Spieler eine Migrationshintergrund haben) proklamiert, um daraufhin Merkel erneut den schwarzen Peter zuzuschieben. Dass diese kein Europa der Einzelstaaten will, sondern einen gesamteuropäischen Staat, wie in dem Post angedeutet, ist allerdings eher eine kühne Behauptung.

Nahezu zeitgleich zog die AfD-Vorsitzende von Mittelsachsen, Andrea Kersten, über Mesut Özil her. Der hatte es gewagt, von seiner Wallfahrt nach Mekka ein Bild in den sozialen Netzwerken zu hinterlassen, ein ganz normaler Fanservice eben. Doch Kersten störte sich in der Welt daran. Es sei ein "antipatriotisches Signal". "Wenn Özil vor Länderspielen regelmäßig nicht die Nationalhymne mitsingt, soll das der Bürger für eine normale Privatsache halten", so die AfD-Obere. Eine "verkehrte Welt" wurde in den Medien festgemacht, welche eine "Ideologie hofierten, in der es keine Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt, in der Homosexuelle mit dem Tod bedroht werden und in der Ehrenmorde zum guten Ton gehören." Dass die AfD aber genau diesen Post für ihre antiislamische Hetze nutzt, ist dagegen offenbar vollkommen legitim. 

Die Alternative für Deutschland hat schon lange vor der EM 2016 mit ihren Attacken weit jenseits von Sportlichkeit oder Fairness begonnen und wird dies voraussichtlich auch weiter tun. Zu groß dürfte für die Vorzeigedeutschen die Versuchung sein, mit ihrem üblichen Muster aus Provokation und Relativierung und neuerlicher Attacke weiter in den Medien präsent zu sein. Dass die Partei gleichzeitig dann aber das DFB-Team mit der nicht geringen Anzahl von Spielern mit Migrationshintergrund oder islamischen Glauben unterstützt, entbehrt nicht einer gewissen Doppelmoral.

bix

Rubriklistenbild: © merkur.de/Facebook Mesut Özil / Beatrix von Storch

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