Massiv vom Aussterben bedroht

Experten-Interview zu Eisbären: Ist alles noch viel schlimmer?

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Vom Aussterben bedroht: der Eisbär.

Der Klimawandel führt zum Aussterben der Eisbären, aber es gibt einige weitere Aspekte, die diese Entwicklung beschleunigen. Erschreckend ist, dass möglicherweise noch weniger Eisbären existieren als vermutet wird. Ein Interview mit einem ehemaligen Arktis-Expeditionsleiter.

Peter Balwin hat als Polarreiseleiter 63 Expeditionskreuzfahrten in der Arktis geleitet.

Eine Fotografin veröffentlichte vor wenigen Wochen ein Foto von einer abgemagerten Eisbär-Dame und löste damit Entsetzen aus. Forscher gehen inzwischen davon aus, dass der Eisbär aufgrund des Klimawandels in 50 Jahren ausgestorben sein wird. Ein Grund dafür ist vor allem der Klimawandel, mit dem einhergeht, dass das Meereis des arktischen Ozeans rasant an Fläche und Dicke verliert und das den Eisbären die Futtersuche erschwert. Dass das Thema aber noch komplexer ist und die Situation der Eisbären möglicherweise dramatischer als bisher angenommen, zeigt das Gespräch mit dem Schweizer Peter Balwin, der seit 1991 insgesamt 63 Kreuzfahrt-Expeditionen in der Arktis geleitet hat. 

Das Bild der Eisbär-Dame haben Sie mit Sicherheit auch gesehen. Was halten Sie davon?

Balwin: Es ist wirklich schwierig, in Bezug auf dieses Bild die Dinge zu verallgemeinern. In dem Fall war die Eisbärin vielleicht verletzt, vielleicht war sie auch schon etwas älter. Nicht alle Eisbären in der Arktis sehen aktuell so aus.

Haben Sie über die vielen Jahre, in denen Sie in der Arktis unterwegs waren, dennoch Veränderungen wahrgenommen?

Balwin: Ja, in der Tat. Mir und meinen Berufskollegen ist schon auch aufgefallen, dass viele Eisbären im Sommer an Hunger leiden und deshalb dem Menschen gegenüber unberechenbarer geworden sind, aber auch dass viele der Eisbären ziemlich apathisch auf der Tundra stehen und das Fell sehr verschmutzt ist.

Womit hängt das zusammen?

Balwin: Neben der Tatsache, dass der Klimawandel das Packeis schmelzen lässt und die Eisbären dadurch schlechter an Nahrung kommen, ist eine Ursache des Wandels auch die Umweltverschmutzung. Schwermetalle und "persistent organic pollutants"/ POPs (Anm. d. Redaktion: organische Schadstoffe, die nur sehr langsam abgebaut werden können) beispielsweise gelangen über die atmosphärische Zirkulation und Meeresströmungen in die Nahrungskette. Und weil der Eisbär an der Spitze der arktischen Nahrungspyramide steht, reichern sich in seinem Körper mit jeder Mahlzeit mehr und mehr solcher Schadstoffe an. Das führt innerlich zu einer Vergiftung – äußerlich scheint der Bär auf den ersten Blick quietschfidel zu sein. Medizinisch weisen viele und immer mehr solcher Bären starke Veränderungen im Hormonhaushalt auf und die Fortpflanzungsfähigkeit nimmt ab. Und verschmutzt sind die Eisbären oft deshalb, weil sie körperlich so geschwächt sind, dass sie nicht mehr genügend Kraft haben, um sich zu putzen. 

Es gibt die Meinung, dass Eisbären schon frühere erdgeschichtliche Wärmephasen überlebt haben und auch diesmal überleben könnten. Was sagen Sie dazu?

Balwin: Das mag zwar sein, damals gab es aber insgesamt viel mehr Eisbären, da ist das Wegsterben einiger Eisbären weniger ins Gewicht gefallen.

Wo meinen Sie, müsste man den ersten Schritt machen, um das Weiterleben der Eisbären zu unterstützen? 

Balwin: Da ist einerseits der Kampf gegen die Erderwärmung, doch griffige Maßnahmen gibt es nur zögerlich, oder sie werden abgewürgt, wie erst vor kurzem In den USA: Im Staat Indiana hat sich der Senator Dan Coats gegen den zu Jahresbeginn von Obama veranlassten "EPA Clean Power Plan" ausgesprochen, er will diesen sogar außer Kraft setzen. Der Plan zur Reduzierung von Kohlenstoffdioxid und Nutzung von Windkraftwerken würde mehr Geld und Arbeitsplätze kosten, als dass er einen ersichtlichen Nutzen für die Umwelt hätte, heißt es. Dabei wäre die Reduzierung des CO2-Ausstoßes gerade in Amerika ein Schritt in die richtige Richtung. Aber das ist noch lange nicht das einzige Problem. Es gibt viele weitere Aspekte, die das Aussterben der Eisbären beeinflussen. Auch die (Trophäen-) Jagd, die Wilderei, der Handel mit Fell und Tötungen aus Selbstschutz fördern diese negative Entwicklung. Seit 1973, also seit dem Zustandekommen eines internationalen Eisbären-Schutzvertrages, sind immer noch etwa 40 000 Bären abgeschossen worden.

Was steckt hinter den jeweiligen Aspekten? 

Balwin: Würden die Arktis-Anrainerstaaten endlich gemeinsam handeln, ließe sich die Jagd auf Eisbären rasch und wirkungsvoll eindämmen. Als erstes müsste die Trophäenjagd und auch der Handel mit Eisbären-Fell verboten werden. Aber auch die Eisbären-Forscher selber müssen sich an den Ohren nehmen. Ihr Umgang mit ihrem "Forschungsobjekt" ist nicht immer tierfreundlich. Und weil immer mehr Eisbären im Sommer den Anschluss ans schrumpfende Packeis verpassen, bleiben sie an Land zurück, hungern und werden zur Gefahr für  Forscher und Touristen - was wiederum die Zahl der Abschüsse aus reinem Selbstschutz erhöht.

Sie selbst waren auf Expeditionen in der Arktis unterwegs. Sind Sie dabei in eine ähnliche Situation geraten?

Balwin: Kreuzfahrt-Expeditionen haben den Vorteil, dass man bei Fahrten im Treibeis die meisten Eisbären vom Schiff aus bewundern kann. Eine sichere Sache für Bär und Mensch! Bei den täglichen Anlandungen im Schlauchboot ist aber äußerste Vorsicht angesagt, um Begegnungen zu vermeiden. Ich bin einmal mit einer Reisegruppe bei der russischen Inselgruppe Franz-Josef-Land, der nördlichsten Inselgruppe der Welt, in einem Schlauchboot gesessen, und wir haben versucht in der Tikhaya-Bucht anzulegen. Weil just in dem Moment ein starker Wind aufkam, drehte sich das Treibeis wie eine Mühle. Während wir noch mit den Eisschollen gekämpft haben, beobachtete ich, wie aus einer Richtung auf der Insel ein junger Eisbär angelaufen kam. Aus einem in der Nähe gelegenen Forscherhütte kam zeitgleich ein bewaffneter Mann. Der Bär kam dem Forscher immer näher, dessen Gewehr hatte Ladehemmung -bis schließlich der halbe Gewehrlauf im Fell des Eisbären steckte. Dann endlich der Schuss, keine Sekunde zu früh. Das ist jetzt 20 Jahre her, aber es geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Glauben Sie auch daran, wie Wissenschaftler es prophezeien, dass in etwa 50 Jahren der Eisbär ausgestorben ist?

Balwin: Ja, das ist sehr gut möglich. Aktuell geht die Wissenschaft von 20000 bis 25000 Eisbären aus, ich persönlich aber glaube, dass die Zahl schon jetzt bei unter 20000 liegen könnte. Jährlich werden allein schon 1000 Bären nur erschossen.

Weshalb haben Sie diese Vermutung? 

Balwin: Die Anzahl der Eisbären stützt sich für viele Regionen der Arktis auf veraltete Zählergebnisse, die teilweise älter als 20 Jahre sind. Die Eisbären in der Arktis sind in Populationsgruppen und Gebiete unterteilt. Dazu gibt es eine Karte der "Polar Bear Specialist Group", die verdeutlicht, wie ungenau und teilweise unbekannt die Zahlen der jeweiligen Populationsgruppen sind. Hinzu kommt, dass die Eisbären nicht an den Orten bleiben, in die sie unterteilt wurden, sondern über diese oft willkürlich gezogenen, künstlichen Grenzlinien hinauswandern. Niemand kann genau sagen, wie viele es sind. Und trotzdem berechnen Länder wie Kanada oder Grönland die jeweiligen Jagdquoten aus diesem Sammelsurium alter Populationsgrößen. Das hat rein gar nichts mit nachhaltiger Jagd zu tun. 

Luca von Prittwitz

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