Mit Gewalt zum Hetero

Eltern ließen Sohn entführen und misshandeln - weil er schwul ist

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Junge Chinesen demonstrieren gegen den Umgang mit Homosexuellen in China. Zwar ist es inzwischen legal, doch viele werden zu sogenannten "Therapien" gezwungen. Das Ziel: Austreibung der Homosexualität. 

Henan - In China ließen Eltern ihren Sohn kidnappen und "therapieren", um ihn von seiner Homosexualität abzubringen. In China ist dieser Vorfall allerdings keine Seltenheit.

Yu Hu wusste, dass es nicht leicht würde, sich als schwul zu outen. Doch mit dieser Reaktion auf sein Bekenntnis hätte er nie gerechnet: Seine eigene Familie ließ ihn kidnappen und an ein Krankenhausbett fesseln. In der psychiatrischen Klinik wurde er unter Androhung von Gewalt gezwungen, Medikamente zu schlucken, die ihn von seiner Homosexualität "heilen" sollten, wie ihm erklärt wurde.

19 Tage lang dauerten Yus Qualen, bis sein Freund und Aktivisten die Polizei in der Provinz Henan einschalteten. Yu hat seine Peiniger angezeigt und will damit erreichen, dass Therapien gegen Homosexualität verboten werden. "Sie müssen zur Rechenschaft gezogen werden", sagt Yu. "Schwul zu sein ist kein Verbrechen - aber das, was sie mir angetan haben, schon."

Er möchte, dass sich die Klinik bei ihm entschuldigt und anerkennt, dass Homosexualität keine Krankheit ist, die behandelt werden müsste. Dann, so hofft er, hören vielleicht endlich die Albträume auf, unter denen er seit der Zwangstherapie im vergangenen Oktober leidet.

Homosexuelle gehen Scheinehen ein

Homosexualität ist in China nicht verboten, seit 2001 gilt sie offiziell nicht mehr als psychische Krankheit. Doch Schwule und Lesben werden immer noch diskriminiert, auch durch die Regierung. Die Zensurbehörde verbot im März homosexuelle Rollen im Fernsehen. "Kein Fernsehfilm soll abnorme sexuelle Verhaltensweisen zeigen wie etwa Inzest, gleichgeschlechtliche Beziehungen, sexuelle Perversion und sexuelle Gewalt", heißt es in der neuen Richtlinie.

Oft sind es die eigenen Eltern, die nicht akzeptieren können, dass ihr Kind homosexuell ist. Wegen der jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik in der Volksrepublik sind die meisten Chinesen Einzelkinder, die dann unbedingt die Erwartungen der Eltern erfüllen sollen - Heirat und Enkelkinder eingeschlossen. Einige Schwulen und Lesben lassen sich deshalb auf Scheinehen ein, um die Vorstellungen der Familie zu erfüllen.

Unwissenheit und religiöse Überzeugung

Andere lassen sich - freiwillig oder unter Druck - auf so genannte Konversionstherapien ein. Die sind mit durchschnittlich 20.000 Yuan (2.680 Euro) nicht nur teuer, sondern oft auch brutal, bis hin zur Isolation des Patienten und zur medikamentösen Kastration.

Den Behörden liege mehr daran, gegen Aktivisten vorzugehen, als gegen die Kliniken, sagt Sha Sheng von der Schwulen- und Lesbenbewegung. Seine Gruppe habe hunderten Homosexuellen geholfen, die sich durch die angebliche Therapie verschuldet hätten.

Die Pekinger Aktivistin Joelle Yao versucht es mit Aufklärung. "Wir bringen Ärzte mit homosexuellen Menschen zusammen, um ihnen zu zeigen, dass es sich nicht um eine Krankheit handelt. Viele Ärzte haben nach der Begegnung eine komplett andere Vorstellung von Homosexualität", berichtet Yao.

Der Grund für Vorurteile sei in China oft Unwissenheit und nicht religiöse Überzeugung. Das mache ihre Arbeit leichter. "Aber wir können nicht alle erreichen", sagt Yao. "China ist einfach zu groß."

AFP

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