Streit mit Rapperin Sabrina Setlur

"Du sollst nicht stehlen" - Kraftwerk-Musiker gegen freies Sampling

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Rapperin Sabrina Setlur.

Karlsruhe - Kunstfreiheit oder Schadenersatz? Seit rund 18 Jahren läuft der Streit zwischen Rapperin Sabrina Setlur und der Kultband Kraftwerk. Dabei geht es um zwei Sekunden Musik. Das Bundesverfassungsgericht will jetzt eine Entscheidung treffen. 

Das Bundesverfassungsgericht prüft seit Mittwoch, ob das in der Musikszene weit verbreitete Kopieren fremder Tonschnipsel, das sogenannte Sampling, gegen Urheberrechte verstößt. Der Vertreter der Bundesregierung, Hubert Weis, sprach sich in der mündlichen Verhandlung dafür aus, Künstlern dieses Kopieren für eigene Lieder grundsätzlich zu erlauben, und Geldforderungen der Plattenfirmen abzuweisen. "Das Verwertungsinteresse hat gegenüber der Kunstfreiheit zurückzutreten", sagte Weis.

In dem Ausgangsverfahren geht es um das Stück "Nur mir" der deutschsprachigen Rapperin Sabrina Setlur. Darin findet sich ein zwei Sekunden langer und immer wieder aneinander gehängter Tonfetzen aus dem Stück "Metall auf Metall" der Düsseldorfer Band Kraftwerk. Bandmitglied Ralf Hütter streitet sich deshalb seit 18 Jahren durch alle Instanzen mit dem Produzenten des "Nur mir"-Stückes, Moses Pelham.

Ungefragtes Sampling sei im Hip Hop international üblich

Der 69-jährige Hütter sagte bei der Verhandlung in Karlsruhe, die ungefragte Übernahme habe ihn betroffen gemacht. Das christliche Gebot "Du sollst nicht stehlen" gelte auch für Künstler. Der rund 25 Jahre jüngere Pelham war sich dagegen keiner Schuld bewusst. Ungefragtes Sampling sei im Hip Hop international üblich, sagte er vor den Richtern. Er habe eine Art Zettelkasten mit interessanten Tonsequenzen und habe damals gar nicht gewusst, dass die umstrittenen Töne von Kraftwerk gewesen sein.

Das Gericht muss nun Gerichtsvizepräsident Ferdinand Kirchhof zufolge abwägen, ob Plattenlabel wegen ungefragten Samplings Schadenersatz und ein Verkaufsverbot des neuen Musikstücks fordern können, oder ob die Kunstfreiheit das Recht einschließt, kostenlos "fremde Tonsequenzen wie Zitate in einem eigenen Musikwerk einzusetzen". Zumal der Eingriff in die Rechte der Plattenfirmen nur gering sei, gab Kirchhof zu bedenken.

"Klima der Angst"

Der Experte Florian Sitzmann von der Popakademie Baden-Württemberg sagte, dass das ungefragte Sampling in der Hip-Hop-Szene üblich sei. Sitzmann zufolge herrscht in der Musikszene wegen der unklaren Rechtslage und extremen finanziellen Forderungen der Herstellerindustrie "ein Klima der Angst". Er wisse von einem bekannten deutschen Rapper, der seine Musik mittlerweile nur noch in Beisein eines Anwalts produziere.

Die Künstler bräuchten endlich "eine klare Rechtsprechung". Sie müssten wissen, ob sie einen oder vier Takte eines andern Stückes frei übernehmen dürfen und ob das in Mono oder in Stereo erlaubt sei.

Wie Karlsruhe nun entscheiden wird, ist völlig offen: Kirchhof verwies darauf, dass in dem neuen EU-Urheberrecht von 2002 das Sampling nicht erwähnt sei. Deshalb sei zu prüfen, ob der Fall nicht dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) vorgelegt werden müsse.

dpa

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