Bewusste Entscheidung zum Tod?

Todes-Pilot Andreas L.: Gerüchte über Depression

Seyne-les-Alpes - Dramatische Wende im Fall des abgestürzten Germanwings-Jets: Der Co-Pilot steuerte den Airbus offenbar vorsätzlich in die Katastrophe. Andreas L. litt angeblich an Depressionen.

Der 28-jährige Andreas L. - zu dem Zeitpunkt allein im Cockpit - habe die Maschine allen Anschein nach "zerstören" wollen und daher den Sinkflug "bewusst" eingeleitet, sagte am Donnerstag der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach von einem "unglaublich tragischen Einzelfall".

Über mögliche Motive des Co-Piloten konnte der französische Staatsanwalt keine Angaben machen. Einen Terror-Hintergrund schloss er aber vorerst aus. "Nichts erlaubt es zu sagen, dass es sich um einen Terroranschlag handelt." Nun müsse der private Hintergrund von Andreas L. beleuchtet werden. Robin räumte auch ein, dass die Frage nach einem Suizid gestellt werden könne. Auch Lufthansa-Chef Spohr sagte vor Journalisten in Köln, das Unternehmen habe "keinerlei Erkenntnisse darüber, was den Co-Piloten zu dieser schrecklichen Handlung veranlasst haben könnte".

Andreas L. soll einem Medienbericht zufolge in seiner Ausbildungszeit psychische Probleme gehabt haben. Die Onlineausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zitierte am Donnerstag die Mutter einer Klassenkameradin, der sich der 28-Jährige vor ein paar Jahren anvertraut haben soll. "Offenbar hatte er ein Burnout, eine Depression", zitierte faz.net die namentlich nicht genannte Frau. Den Angaben zufolge soll L. wegen dieser psychischen Probleme vor sechs Jahren seine Ausbildung zum Piloten unterbrochen haben.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte am Donnerstag von einer mehrmonatigen Ausbildungsunterbrechung berichtet, ohne die Gründe dafür zu benennen. Er dürfe dies nicht bekannt geben. Auch der Nachrichtenagentur AFP wurde aus dem Umfeld von L. in Montabaur bestätigt, dass dieser "Probleme" gehabt haben solle. Dies habe vor fünf, sechs Jahren im Raum gestanden.

Spiegel-Korrespondent Matthias Gebauer twitterte, dass der Co-Pilot seine Ausbildung wegen "Burnout-Syndrom" oder "Depression" unterbrochen habe.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete die neuen Erkenntnisse über den Absturz als eine "schier unfassbare Dimension". Dass der Co-Pilot nach Erkenntnissen der Ermittler das Flugzeug bewusst zum Absturz gebracht habe, gehe "über jedes Vorstellungsvermögen hinaus". Damit werde "dieser Tragödie eine neue, schier unfassbare Dimension gegeben", sagte Merkel in Berlin.

Robin berief sich auf die Auswertung des Stimmenrekorders des Germanwings-Airbus, der nach dem Absturz mit 150 Toten geborgen worden war. In den ersten 20 Minuten nach dem Start in Barcelona hätten sich die Piloten "normal", "heiter", "höflich" miteinander unterhalten. Dann habe der Flugkapitän den Co-Piloten gebeten, das Kommando über die Maschine zu übernehmen, und habe das Cockpit verlassen - vermutlich, um auf die Toilette zu gehen.

Der Co-Pilot habe "die Abwesenheit des Kommandanten ausgenutzt" und kurz darauf den Sinkflug des Airbus A320 eingeleitet, sagte Robin bei einer dreiviertelstündigen Pressekonferenz am Flughafen von Marignane nahe Marseille. "Diese Aktion (...) kann nur gewollt gewesen sein." Der Flugkapitän habe mehrfach vergeblich verlangt, wieder in das Cockpit gelassen zu werden, erst über eine Gegensprechanlage, dann über Klopfen. "Aber es gab keine Antwort des Co-Piloten", berichtete der Staatsanwalt. Der Stimmenrekorder habe im Cockpit ein "menschliches Atmen" aufgezeichnet, bis zum Aufschlag der Maschine. "Das bedeutet, dass der Co-Pilot am Leben war."

Die "plausibelste Interpretation" für den Staatsanwalt: Der Co-Pilot "weigerte sich absichtlich", dem Flugkapitän die Tür zum Cockpit zu öffnen. Und er habe "den Knopf zum Absenken der Flughöhe gedrückt".

Der aus Montabaur in Rheinland-Pfalz stammende Andreas L. hatte laut Spohr seine Ausbildung 2008 begonnen und war seit 2013 Co-Pilot im Einsatz. In der Ausbildung gab es demnach vor sechs Jahren eine längere Unterbrechung. Danach sei seine Eignung aber noch einmal festgestellt worden. Spohr machte keine Angaben dazu, warum der Mann die Ausbildung unterbrach. Dem Lufthansa-Chef zufolge war er "hundertprozentig flugtauglich".

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf erklärte, die Durchsuchungen in den Wohnungen des Co-Piloten dienten insbesondere dem Auffinden persönlicher Unterlagen, "um Anhaltspunkte für einen denkbaren Tathintergrund zu gewinnen". Die Auswertung möglicher Beweismittel werde "einige Zeit in Anspruch nehmen". Bei neuen Erkenntnissen würden Angehörige und Öffentlichkeit "zeitnah" unterrichtet.

Am Abend beendeten die Ermittler die Durchsuchungen in Montabaur. Ein Mensch, dessen Gesicht von einem Mantel verdeckt war, verließ das Haus in Montabaur mit den Ermittlern. Eine Erklärung wurde nicht abgegeben. Die Ermittler brachten einen Computer, zwei blaue Säcke und einen Karton aus dem Haus.

Spohr zeigte sich entsetzte über das mutmaßliche Verhalten des Piloten. Er habe sich in seinen "schlimmsten Albträumen" nicht vorstellen können, dass sich eine solche Tragödie ereignen könne. Das Cockpit-Personal werde bei der Lufthansa "sehr sorgfältig" ausgewählt. Gerade für die psychologische Eignung werde viel Raum gelassen. "Kein System der Welt kann ein solches Einzelereignis komplett ausschließen."

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Der Airbus A320 war am Dienstagvormittag auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen zerschellt. Die Insassen der Maschine hätten den bevorstehenden Absturz erst "im allerletzten Moment" bemerkt, sagte Robin. Erst unmittelbar vor dem Aufprall habe es Schreie gegeben.

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dpa/AFP

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